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Jüdische Monatshefte · 1915-01-01 · 11 (1915) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Monatshefte
Volume
2 (1915)
Issue
11 (1915)
Date
1915-01-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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373 hat er nun keine Zeit mehr. Kr muss den ■ranzen Tag jetzt für die Menschen da sein, von früh Ins spät flirte tür die Herde sein, die in jeder Lage, mit allen, alter auch allen Nöten und Kragen zu ihm kommen. Mit einer ״Sprechstunde‘* ist 'h da eln-n nicht getan. Seine Aufgabe ist jetzt, der grosse .Menschenkenner und_ "Menschenlierater sein. Kr hat alles zu entscheiden — hier fällt alles in die Kategorie einer ׳:זא־״ה. So hat das Nichtstun, das ständig heim Haw Herumsitzen auch eine grossartige Seite! An den geschäftlichen Bräuchen hier ist im Besonderen auch noch viel auf das schlechte Verhältnis zwischen den .luden und der polnischen Bevölkerung zurückzuführen. Das ישעיה der letz tcren ist grandios und hat manchen ״Nothchell‘‘. der sich mit der Zeit zur stehenden Manier entwickelt hat. hervorgerufen. Alter ich halte das (iefiihl — peccatur extra et intra muros. Wie dem auch sei — die steifende Situation, die an jeder Strassenecke fast sich ständig wicdeiholt, ist die: .lüde und Pole im heftigsten Streit, ott handgreiflich, in furchtbarer Prügelei verwickelt — und wir Kehlgrauen dazwischen fahrend! Wir ״repräsentieren1’! Dazu sind wir hier. Der hiesige Chassidismus bat noch in vielem auderen seine eigene Note. Man sieht hier viel Gegensätzliches. In der He stauration z. B. ist der Herd an שבה volltstündig kalt — darin also strenger als bei uns. Grund und Ursache so mancher Verfehlung hier ist. so scheint mir, der allzugrosse Kespckt vor unserer westeuropäiscii<,n s״g. Kultur, au dem die .luden hier fast alle vor allem kranken. (Man sagt mir übrigens, das sei nur liier in Polen, in Hussland lange nicht so schlimm.) Sie getrauen sich nicht recht, das ist wenigstens mein Kindrack — wenn sie dadurch mit einem Westeuropäer auch nur in den kleinsten Konflikt koinmen, die kleinste Schwierigkeit haben, diesem gegenüber ihren Standpunkt einzunehmen, weil sie dessen ״überlegenes“ Kücheln ob ihrer ״.gkeit״ fürchten. Ks fehlt ihnen ('haraktcr und Kiickgrat, das Individuelle ihrer jüdischen Kultur zu betonen. Allerdinga — die Zeiten sind nicht danach angetan, irgend ein sicheres Urteil bilden zu können. Man kann hier nicht genug auf die schreckliche Vergangenheit und die unsichere tiegenwart zurückbeziehen. Woher soll auch so ein armer .lüde, der recta via von ״russischer Gedankenfreiheit“ kommt, plötzlich angesichts deutscher ^44489

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