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Die jüdische Frau · 1925-11-07 · 13 (7.11.1925) · p. [Seite]

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Journal
Die jüdische Frau
Volume
1 (1925)
Issue
13 (7.11.1925)
Date
1925-11-07
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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NO« Juden ttchui' icli nicht! Dem Kaiser dienen nur Ruthenen und Polen. Die Polen werden Feldwebel und Ulll/icre. aber die dummen kuthenen bleiben ewig Gemeine. die gehen überhaupt nur zum Militär, den P<ileii die Stiefel und die (jewehre zu putzen. Aber Juden sind nicht einmal dazu gut." Ich schweife, mein Zorn schnürt mir die Kehle zu. aber dieser Porsche, so wie Ihr ihn anschaut, tut den Mund auf und siet: ..lh»s ist eine Lüge, was Ihr da von den Rüthcnc» und Jude» gesaut habt. Ihr lüut. wie alle Polen." Der Mauptmann wird wütend, aber .ui uns zwei (raut er sich natürlich nicht heran und lülh tunt Soldaten kommen. Die haben uns hinaus- (irli n ••-—--- Der Schmied . stand regungslos da. aber seine Faust hatte sich unwillkürlich geballt. Der Jude fuhr lort: ..Nun s.ju’ idi /.um Mosche da. ..Soldat kannst Du nicht werden, weil Dich diese verdammten Polen nicht nehmen wollen. Aber Du bist stark und willst arbeiten, wie w.ir's. wenn Du ein Schmied werden mochtest V Das ist ein sehr schönes und ehrbares < iewerbe. Ich selbst wäre für mein Lehen gern Schmied geworden, aber die Kräfte! Lud "da sagt er: ..Ich habe die Kralle, ich werd' es!" Da gehen wir gerade an einer Schmiede vorüber, sie steht Jcicli bei der Dmester-Mrucke in Zalesczvky. „Probieren w ir's hier", sag' ich und wir treten ein und ich i r/ahlc dem Schmied ausführlich, wie wir beim liaiiptmauu waren, und daß wir von Paruow sind, mul w;i' wir von ihm Vollen. Aber wiüt Ihr. Meister Wassilj. was er uns erwidert? Lr lacht holmisch und schreit: .Ich hin selbst ein Pole und der fiauptuuiiii hat K'echt gesprochen. Ruthenen und Juden -md gar keine Menschen!' Der Riese zuckte zusammen und m seinen glanzlosen Augen begann es unheimlich aufzulohen. „Ruthenen und Juden sind gar keine Menschen", wiederholte der ..Marschalhk“ nachdrücklich. „Und datum“, sagt er. „JväTTTiIch keinen solchen Lelirjungen brauchen. Aber ihr seid ja aus Paruow. dort ist ja der Schmied Wassilj Grvpko. Der ist selbst so ein Ruthciie. freilich mehr Narr, als Schmied, aber für einen Judenbuben wird er als Meister noch gut gei>»g sein:" Da haben wir auch dem unsere Meinung gehörig gesagt und jetzt sind wir zu Luch gekommen und fragen I uch: Wollt Ihr den Knaben da als Lehrling anuelmieu? Ihr braucht ihm nichts zu gehen, nicht einmal das INsen und eine Schlafstelle, dafür sorgen wir selbst. Also, was sagt Ihr?" Aber Wassilj sagte nichts; er brütete still vor ich hin. ..Doch mir ein Jude!" murmelte er und stierte dann wieder vor sich Inn. Aber plot/.lich ging ei auf den Knaben zu und legte ihm die schweren t lande auf die >c Im Ilern. ..Passest Du wirklich die Polen?" ..Li!' erwiderte der Knabe fest. ,.l nd willst. Du ein ehrlicher Schmied werden?" Moschc's Augen glanzten. ..Ja!' rief er freudig. „Nun. dann komm' nächsten Montag Morgens hierher. Jetzt aber geht!" Als die Heiden wieder auf dem Feldwege waren, blieb Mosche stehen und faßte die Hand seines Begleiters. Dem Jungen standen die Tränen in den Ligen. „Wie soll ich Lücli danken?" stammelte er. „Du Narr", rief I urkischgelh. aber dabei mußte vt selbst lebhaft mit den Augen zwinkern. „Wofür hast Du mir zu danken? Meilit ein < ilück. bei Wassilj I chthng zu sein: alle jüdischen Kinder sollen vor so einem < duck bewahrt bleiben. Lud dann, was dankst Du mir Jetzt? Brauchst Du mich denn nicht mehr? Jetzt muß ich ia erst Deinetwegen noch zwei Wun-_ der tun!“ Und er tat die beiden Wunder, ein größeres und ein kleinrcs, sofort und ohne Säumen; I >ic ganze Deutelnde stemmte sich dagegen, daß Mosche ein Schmied werde, und der „Marschalhk" brach den W iderstand der ganzen Gemeinde, Abraham Veilchenduft nicht ausgenommen, selbst Froim nicht, den Inhaber des höflichen Prädikats. Fin richtiges Wunder! denn: „ein jüdisch Kind soll Schmied werden!" das klang so ungewohnt, so unerhört, daß es den Leuten auch gotteslästerlich dünkte. Adr! durch was Alles wähnen nicht diese armen Menschen. auf denen ihr Aberglaube wie ein Alp lastet, ihren gestrengen Herrn zu verletzen! Wundert Luch das? So ist ja nun einmal vom Urbeginn der Tage bis auf heute, und von heute bis zur Stunde, da einst auf der erkalteten Lrde das letzte Wesen veratmet, uns beladenen Menschensühnen das harte Los ge- , fallen: was uns das Höchste und Herrlichste ist — Gott und die Liebe — das wird uns auch zum schlimmsten Fluch. Und nicht etwa selten nur, nein! alltäglich sehen wir's. wie diese beiden höchsten (iüter nicht helle, stete Leitsterne sind über dem l eben der Finzelncn und der Völker, sondern tückische Irrlichter, hineinlockend in Nacht und Moor . .. Oh Itzig „Schicker“, der „Marschalhk“ von Barnow. Achnlichcs dachte? Ihr lächelt? Nun, wer weiß?! — er war ein kluger Mann und der Feste wäre er nicht gewesen unter den Leuten mit Kaftan und Schmachtlocklein. über den solche Gedanken gekommen; der Talmud ist ein seltsames Buch und streut seltsame Saat in die Gemüter! Aber gleichviel, weil er ein kluger Mann war. ließ er sich in keinen Disput ein. sondern fragte nur kurz und bündig: „Wo steht es geschrieben?“ Nun steht glücklicherweise nirgendwo ausdrücklich geschrieben, daß ein Jude kein Schmied -werden-darft man konnte es höchstens aüs'einer « der der anderen Talmudstelle spitzfindig herausklügeln. Tat man dies, so machte sich der weise Lustigmachcr den Scherz und klügelte aus derselben Stelle das pure Gegenteil heraus. Das war eben kein Zaubcrstückicin: der Talmud eignet sich vortrefflich zu solchen lustigen Uebungett. Dann packte aber unser Mann die Leute von Barnow da. wo sie schön menschlich fühlen: der Jude des Ostens hat warmen Sinn für die Fhrc der Gesamtheit; verlottert sich ein Jude, sinkt er in Schmach und Schande, so tut dies Allen weh. Auch dies hat jene eiserne Klammer von außen her bewirkt: so niederträchtig schwarz ist eben kein Ding auf Frdcn. daß es nicht sein lichtes riecklcin hätte. Nun hielt also der „Marschalhk" vor der Betschur, im Wirtshaus und auf der Gasse lange Reden, schöne Reden, flammende Reden, die, so verschieden sie klangen, doch stets denselben unerbittlichen Schluß hatten: „Des Schulklopfers Jüngster wird entweder Schmied oder ein Dieb!" Und das Wunder geschah. „Schmied oder Dieb!' das ist eine harte-Wahl, aber schließlich schickte sich die Gemeinde doch lieber in das Frsterc. Und nun schmiedete der Manu das Fiseu. so lauge es wann war. und brachte auch gleich das andere, weit größere Wunder zu Stande. „Fin Schmied wird er also!" sprach er düster und energisch. aber die rote Nase blinkte fröhlich dazu und das Bäuchlein schien sich doppelt stattlich zu runden : „er wird ein Schmied, und da cs keinen jüdische» Meister gibt, so muß er das Handwerk hei Wassilj erlernen! (Forts, folgt.)

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