Die jüdische Frau
- Journal
- Die jüdische Frau
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11 (7.10.1925)
- Date
- 1925-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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KOIMERZIKNRAT ARMOLD ' Lrzahlung von I lickla Skorra._ (Schluii.) Sic war schon. wenn wir in zerrissenen Pockelien im Frühling uns unter blühenden Enichtbäumvit wälzten und den hcrabgcfallcnen BlüteitsClmco tauclir.end aus unseren ungekämmten Locke» schiitrdtcn: wenn wir im Sommer durch stichigewordene Flüsse wateten und versuchten, Eischlcin zu fanden in unseren vom Wasser Mifgcselivvemmten Hcmdchen, obzwar deren Reinlichkeit dadurch niclit erhobt wurde. Wie junge Katzen kletterten wir. das Schwesterchen und ich. zu den reifen Kirschen der Chaussec- Iviuntc hinan und waren herunter und davon, ehe der Bauer und sein scharfer Hund uns nachset/cn kouiite». Ach. vrelit mir uoch mit eurer Mär. wir Juden verstünden die Natur nicht! Ich habe jeden Sonnenaufgang wie ein Bcgnudctseiu empfunden und jede Bhimenwiese wie ein buntes (iliick. Ls gab ja so v iel l and dort draulien zwischen I >orf und Stadt, das niemand zu einen, als dem König Lind den kümmerte es weiter nicht, wenn zwei schmutzine luelcnkinder von halb galizisclp'r Abstammunn sich’s wohl sein liehen auf seiner deutschen Erde — nenan so. als wenn sie na.iz dazu gehört hätten. Heim in Deutschland waren wir liinnst wieder. Es nab da doch wenlner als im Osten. Mitbewerb von Existenzen nleich den unseren. Und einmal kamen wir in eine Seestadt. Im Uctricbe eines Marktes, zu dem wir schaunierin drannten. fand ein kinderloses reiches Paar (iefallen an dem Schwesterchen. Sie. die ältere, elfjährig nun. war dmikclüunin und feinediederiüL-licrangchliilu.—Anf-dem braunen (jelock ein Schimmern, als wäre kein \\ anderstau!' und nur das Sonneiigold der Strallcn ihr aiihuften geblieben. Wie vernarrt waren die hodiaiigeschcucn alten Leute in das Kind. Ob wir dableiben wollten? In der freien Hansastadt «eite ein anderes Pccht. und niemand werde die Mutter hier fortweisen. Ob wir dableiben wollten? o Himmel! Lin Verwalter wurde beauftragt, in einem der vielen Häuser, die Jener Eigentum, uns eine Wohnung niizuweisen ganz frei, ohne jeden Zins. Nun. der V erw alter, geiziger als sein Herr, 'lichte zwar eine ans. für die freiwillig kaum jemand Miete gezahlt hätte: und der alte Herr in seinem vornehmen Villenviertel hat wohl niemals eine» Blick in dieses Elcndsijuarticr getan. Aber uns uns erschien sie wie ein Marchenschlolt. Ob einer von euch glücklichen Menschen hier verstehen kann, wie das war. als wir Kinder den ersten Morgen dort erwachten? Im Traum vielleicht noch von dem gewohnten ..weiter, weiter!1 aufgepeitscht: aber wir rieben den Traum aus den Augen und -- ..dableiben dürfen!" hallte es von den feuchten Wanden, an denen schmierige Tapeten in l el/en hcrahhingcii. Aber unsere Augen liebkosten diese Wände. Schlossen sie doch etwas.ein. das unser Kinderleben noch nie gekannt hatte: ein Heim! Sie kennen vielleicht alle die „Obere Bunkergasse“ drunten, wo selbst von den Hafenarbeitern nur Jene ihr Onanier suchen, die den grollten I eil ihres Lohnes in Schnaps vertun. #wei dustere, ieuchtkalte Hofe, von denen die vier Stockwerke ringsum alle Sonne und alle frische Luft fernhielten: auf einem dritten schmalen Hoflcln. gegen eine himmelhohe, schwarzgerullte Mutier gestellt: ein niedres üebiitide. Seine linieren P*Um>e Schuppen1 für Arbeltsw ageli. Aborte *ognr. Stiillnilgui voller Pferde, aus denen übelriechende I lusslgkclten sich ihren W eg in ständigen Plcsclbüchc» über die tiefen Locher des ehemaligen Steinpflasters Im Hofe suchten: bei Pcgciiw etter flinke Patten und Mause, die ihr Spiel darin trieben Aus dem erstell Mock aber blickten die schmalen l'ensier von zwei kleinen Menscheuwohnungen. Sogar einen richtigen Kuchenraum hatte jede mit einem vor Alter schiefgesunkeneii Kochherd Davor hat die Mutter mit gefalteten Händen gestanden und hat die I lamme gesegnet, an der sie. nach so vielen .Iahten ohne Heim und Herd, /um ersten Mal wieder den Ihren das Sabbathmahl bereiten durfte, gesegnet wohl auch der Spender. Aus lei reu Kisten hat ihre geschickte Hand Möbelstücke liergerichiet; alte Sacke voll Strohublallen, die die Kutscher drunten Ihr schenkten, darauf genagelt. Als sie dann nach Wochen unihlüheitden | tim - siergeschafls das Kistenholz prächtig blmi und rot antünclite: bunten Kultnnstoff vom I rodler am Hollwerk drunten, gleich einer Hhimenw iese uher die geflickten Sacke breitete lind sogar den blinden, gesprungenen l'cnsterschcibcn mit eben solchem einen frohen Schimmer lieh: da glaubten unsere beglückten Kindei hei zeit au Zauberei. ___ -Mit den Kindern “ciifer ZTgciincriamihc aus der Naclibarw ohniing sprangen wir in vertrautester I leiindseliätt treppauf lind -ab Als der Zigeunerbub’ ein silbei wiilies Kätzchen, das er aus der Wochensmbe der Hauskatze sich erbettelt hatte, für ein Stuck Sabhathgebacks mir ubcrlliH: Schöneres könne die Welt mm nimmermehr für mich haben' meinte da mein törichter Kindskopf LnJ vielleicht hat er recht gehabt. \crzcihcii Sie. werte I reimdc. da fl ich mit dieser aumallenden Breite des Erzählens Ihre < ic duld milihraiiclic. über es war die glücklichste Zeit meines Lehens. Sie schauen midi ungläubig an ja meinen Sie. dal! Kommerzienrat Arnold vor seinen englischen Vollblutpferden je diese uhcrqiicllciidc Seligkeit gehüllt hat. die das wcilli Kal/cheii dun hei misch gewordenen \ agabtindcnkiiabcn gab' Inzwischen wurde das Schwesterchen in jeder Woche einmal von einem elegant befrackten Dienet abgelmll und zu unserii Wohltätern innatisgeleilel Sämtliche Kinder jener Hinterhäuser, wohl uher hundert. die sonst den ludenhalgerii jeden Seha bernack spielten. bildete len daun mit auf ge sperrten Mäulern und Augen Spalier, wenn Pulivl im bluteiiweiüen Kleid, das der Bediente liebst anderen zierlichen Kleidungsstücken gebracht, neben Ihm hertrippelle. in w undcrfcincn < ioldkafcrsehuhcn ein in die I le ndsiimge lmng v e i w mische »e s I ccnktud die Pflil/eii des Hofes übersprang. (Ml habe ich spater vor W ureleiitrage ru aller Art. vor Herrschern sogar gestanden eine so un