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Die jüdische Frau · 1925-10-07 · 11 (7.10.1925) · p. [Seite]

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Journal
Die jüdische Frau
Volume
1 (1925)
Issue
11 (7.10.1925)
Date
1925-10-07
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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eigenen Krbe sali, da kannte cs Jen (jedanken der Unsterblichkeit nicht, es brauchte ihn nicht: die Lrdc genügte ihm. Aber als e> ein Darin Mid Ahasver unter den Völkern wurde, da iahte es diesen (iedauken. da hielt es ihn lest als einzigen Trost, und heute hauet niemand m> innig äfi diesem (ilauhen. wie der .lüde. In all' seinem l im und l asscii hält er als Ziel fest, das Anrecht aut die Treudcn des künftigen l.ebens nicht zu Verlieren. Wer sündigt, verliert dieses Anrecht und geht enpart-.lich arm durch das Leben, ohne zu wissen, wozu und wohin? . . Und jeder „Sellncr" muU ja „sündigen!" Aber auch seine Weltanschauung lallt den .luden 'in dem Soldateurock die\crknrpcrmig allcsUngliieks erblicken. Je heftiger die Dränger einst von nullen cinstürmtcn. desto enger schlossen sich die Juden aneinander. desto fester w ard ihre Vebcr/eugung: hier, im Scholle der 1 amilie. im Innern der (icmcindc. sei alles gut. dfauUvn alles schlecht: die Aul’enwelt ward Unten zu einem unverständlichen, feindlichen Chaos, das sie grollend und drohend umflutete, vor dem sic einzig Rettung landen im Bannkreise des (ilietto. Die Zeit ward milder: aber was Jahrhunderte bewirkt. vermögen Jahrzehnte nicht anszutilgen. So bangt dem Juden auch heute noch unsäglich vor der W eit und ein Schritt in die Tremde ist ihm ein Schritt ins Llend. Und als „Sellncr" muH man ja fort, in fremdeste I remde. wer weil! wohin?! Darum fällten es die Juden von llarnow nicht, dali einer von ihnen freiwillig „Scilner" werden wollte. Aber warum empfanden sie dies als ein Unglück für die Gesamtheit, das die Gesamtheit abz.uwehren verpflichtet sei? Der alte Rabbi sprach es aus: „Wir müssen etwas tun. denn er will Gott beleidigen! Und dann, führt er den hi ev el aus. so spottet ganz Israel über unsere Gemeinde, wie wir unsere Kinder erziehen. Also tun wir etwas: ich weil! mir noch nicht, was. Gut wenigstens, daII wir es rechtzeitig erfahren haben!" Darüber war der arme Mosche anderer Ansicht, als jener würdige Greis. Allerdings hatte er nur unter erklecklichem Zwang sein Geständnis abgelegt. W as die harten Worte und die Ule des Vaters nicht vermocht, das bewirkten am Tage darauf die milden Reden und die haust der Mutter. Sie sprach dem Sohne gütig zu. ihr sein verstocktes Herz zu offenbaren. und vergrub dabei die haust immer dichter in sein krauses, schwarzes Haargestrüpp. Diesen Mitteln widerstand er nicht und rief endlich jammernd: „hin Sellncr!" hntsetzt schrie die I ran auf und fiel, ein Büschel Haare in der Rechten, in Ohnmacht. Aber nicht ieder war so ratlos, wie sie und der Rabbi. „Die Ulern sollen ihn schlagen", empfahlen die einen. Aber das nützte nichts, obwohl die Ule ‘zerbrach und viele krause, schwarze Haare in des Schulklopfers Stube uniherflogen. „Der Rabbi soll beten", meinten die anderen. Doch auch das fruchtete nichts. Gott horte das (jebet nicht, obwohl der alte Mann beängstigend schrie. Und so war man schon im Begritie. fremdem Rate zu folgen, dem jenes H.uidelsiudett aus iltssnrabien. Lr empfahl. Mosche zum Wunderrabbi von Sadagora zu führen und ihm von diesem gewaltigen Manne, der mit Kugeln und Dämonen aut gleich gn teilt I title stelle, den Soldatenteufel austrcibeii zu lassen. Da land sich aber in llarnow selbst Rat und Hilfe: sie kam von Isaak I lirkischgclh. dem ...Marscltallik" des Städtchens. Der Mann spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte, schon darum will er gebührend gewur digt sein. Aber da muH vor.allem gesagt werden, was ein „Marschallik" ist. und das ist schwer. MH der blöden l ebersetzung des Namens ist hier nichts getan. Das Wort stammt aus dem l'olnischeu. m dieser Sprache bedeutet es .Haushofmeister". Aber üer hat sich ja nur um eine t amilie zu kümmern. Der „Marschallik' aber hat siv.li um alle zu kümmern und um alles. * Und dabei hat er doch anscheinend nichts zu tun. Ihr könnt ihn an Wochentagen wahrend der Betstunden in der „Schul ", die übrige lageszeit hindurch auf der Gasse und im Wirtshaus linden: am Sonnabend aber macht er ander den Betstunden re gelmädig Besuche bei den Honoratioren. So ist es ein Rätsel, wovon er lebt, und er ist auch zumeist ein blutarmer leuiel. Aber was kümmert sich auch ein .Marschallik" um sich selbst; er hat keine Zeit dazu! Tr weil! alles, ohne Ausnahme alles, was in der Gemeinde vorgellt, und berichtet ebenso genau, in welchem Glicdc den alten Rabln das Zipperlein itu.dt oder wie viel I ssig Trau (iolde Hellstem trinkt, um magerer zu werden, wie er bei Heller und IMennig herzählen kann, welchen Droht Nathan Silberstein an seinem letzten lokaver gemacht hat. I r ist stets bereit. mit Jedermann zu plaudern, ilnn fehlt es nie an Zeit, nie an einer erheiternden Neuigkeit, nie an guter Laune. Seine Zunge ist stets gleich scharf gespitzt und weil! der besten Sache, dein edelsten Menschen eine lächerliche Seite ab/ugew innen, aber auch wieder jeder trüben Sache eine helle, heitere Seite. So ist er Klatschbase und Neuigkeitskramer, öffentliches Gewissen und Zeitvertreib zugleich, mit einem Worte: das lebendige, ewig durstige, auf Zwei Beinen ciuherschlotternde Lokalblatt der Gemeinde. Aber das ist noch gar nichts! Die Zeitung kann man vielleicht entbehren, aber wer waie so vermessen. zu behaupten, ei.iü man einen ..Marschallik" entbehren kann? Ohne ihn wäre la keine Beselmeichmg möglich, keine \ crlohung. keine Hochzeit, kein I amilicufcst. Demi er lad die Gaste ein. er dekoriert die Teststube, ei bestimmt die Speisen und ehe W eine, er kennt die Tonnen und weil!, wann sieh dies schickt, wann jenes, er unterhalt die Gesellschaft, er bringt die I rinkspriichc aus. er erzählt Schwanke taul macht \\ itzc. kurzum er ist die Seele des Testes und ohne ihn ist es tot. Man kann dreist behaupten, dali hei einer Hochzeit eher der Bräutigam fehlen konnte, als der „Marschallik". Denn wenn der Bräutigam fehlt, so langweilt sieh mir die Braut, teliit aber der „Marschallik". so gähnt die ganze Gescll- ‘cliaft. Das ist aber noch lauge nicht das Wichtigste. Wilit Ihr wohl, dali ohne diesen W »rdenlrage, (freilich erw i, bl oder ererbt man diese W in de mein, kann mich dazu nicht gewählt werden, sondern sie fallt dem I.dein von selbst in den Schm!: zunt Mar schallik" mul! man geboren sein, wie etwa zum Dichter), dali also ohne den „Marschallik das Menscheij.gesclilecln in Dodoheii. insofern es indischen Glaubens ist. glattweg ausstcrbcii miilhc?! Das soll 'seine Anspielung auf die lalsaelie sein, dal! der „Marschallik" ebenso rcgciuiallig mit einem l eberi.til! an Kindern gesegnet ist. v ic mit einem l eher flu1! an Geldmangel nein! er crv.irbt sich, von diesem direkten Wege abgesehen, auch noch an Je r - . eilig hmidcrtlnllige \ erdieiisle um die W rine hrung der Menschheit.. Denn er ist das einzig patentierte I Icirats-Burcaii I r fuhrt ein \ er/eiclmis .dler Darlien" in der (ie,Hemde und am zehn Mcil» n tiu l uik > eis' , j>, X ei z ichins in de m kein Iin -!,».« z v. > he' 7

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