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Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 20. · p. Seite 160

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 20.
Date
1871-01-01
Page
Seite 160 (sequence 8)
Language
German
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160 Lehfeld ging beruhigt weiter. Er kam zu dem Rabbiner. Ter empfing ihn sehr kalt. „Sie sind wegen sündhafter Neuerungen angeklagt, Herr Lehrer, die ich nicht dulden kann. Sie lesen neumodische Zeitungen, halten sich zu viel mit Gesellschaften auf, die Ihres Amtes unwürdig find und Sie zum Cantordienste unfähig machen. Sie haben in W. hei Christen gegeffen, am Sabbath Blumen abgebrochen und Bücher auf freiem Felde getragen. Sie haben Ihren Kindern saure Milch in Tellern eines christlichen Wirtbs gereicht und — — — Halten Sie ein, Herr Rabbiner! Genug der Verbrechen. Ich kann nicht lügen, nicht heucheln. Es ist Alles wahr, was Sie mir da sagen. . Habe ich damit Unrecht gethan? > „Ob Sie damit Unrecht gethan haben, fragen Sie mich? Sie sind ein verstockter Sünder, ein Neumodischer! L diese neumodischen Lehrer, wir werden Sie schon zu bändigen wisien. Sie verführen das Volk immer weiter und weiter; sie wollen das Judenthum fortbilden, sagen sie; sie werden daran bilden und' bilden, bis es fort sein wird. Kennen Sie den Schulchan-Aruch?" „C ja, ich kenne ihn, aber ich halte ihn nicht kür 'unsere Zeit verbindlich; ich halte es unvereinbarlich mit dem Standpunkte der Cultur und Sittlichkeit, den wir gegenwärtig einnehmen, ihn als Religionsbuchzu betrachten." „Religionsbuch, Religionsbuch. Aber Holdheim, Stein nnd wie sie heißen mögen, das sind Ihre Götzen. Sie verderben die Jugend, Sie untergraben die Autorität und Nichts ist Ihnen heilig, als Ihre Person. Sie wollen unsere. heilige Thora 'absetzen und dafür Ihren Materialismus einsetzen, um Ihren Genüssen nach Belieben fröhnen zu können. Unsittliche, freche Menschen —" „Halten Sie ein, Herr Rabbiner," sprach Lehfeld rief erregt, indem er näher trat. „Ich kenne Sie — — nicht die Autorität der Thora ist es, die Sie im Auge haben, sondern Ihre Autorität) Ihr Eigennutz, Ihre Herrschsucht. Sie sind nicht bester, als die fanatischen Jesuiten; Sie heucheln —: und was Sie im Munde führen, das wohnt nicht in Ihrem Herzen. Ich habe Nichts gethan, was ich vor Gott bereuen könnte. Ich habe meine Pflicht erfüllt gegen meine Kinder, in meinem heiligen Berufe, wie mir ihn Gott ins Herz geschrieben. Ich habe treu erfüllt, was ich mir angelobt.'. Sie und Ihre Zuträger find nicht die Freunde Gottes, — es sind meine Feinde, aus eigennützigen, vielleicht verbrecherischen Gründen! Was wollt Ihr, Ihr Männer der Finsterniß? Ihr wollt das Licht in unserer heiligen Religion auslöschen, damit sie in ewigem Stillstand, in ewiger Finsterniß, bleibe, um.Euerer selbstsüchtigen Zwecke willen. Eure gleißnerische Frömmigkeit, Euer Fanatismus ist der Krebsschaden unserer Zeit. Ihr wollt das Judenthum von der Höhe herabstürzen, zu der es eben erst mühsam emporgeklommen, Stufe um Stufe, seit Mendelssohn; — Ihr seid nicht mehr die frommen, opfeizfähigen Rabbiner der alten Zeit, Ihr seid — Pfaffen. Aber wehe Euch —u und Lehfelds Auge nahm ^inen glühenden, fast prophetischen Ausdruck an — „Es wird Euch nicht gelingen, trotz Euerer Wuth, Eueren Bannstrahlen. Tie Geschichte wird Euch richten. Tas Judenthum aber wird seinen Lichtweg fortsetzen; es wird emporsteigen, von Stufe zu Stufe, bis es gelangen wird auf jene erhabene Höhe, wo, wie am Sinai, jeder Berg und jede Tiefe erleuchtet und die Menschheit erlöst sein wird im heiligen Bruderbund. Tas Judenthum wird mehr undjmehr sich entkleiden der finstern Gewänder, die Ihr ihm umgelegt; und das blendende Licht wird auch Eure, finstern Wege aufhellen. Ihr, die Ihr in der Gegenwart Haß säet, Ihr werdet in der Zukunft Verachtung erndten, wenn alle Welt! sich der Erkenntniß und der Liebe erfreuen wird, die die erhabenen Gebote vom Sinai sind, die erhabenen Säulen des Judenthums. Herr Rabbiner, das ist mein Bekenntniß; thun Sie nun Ihre Schuldigkeit-“ Nach einigen Wochen kam ein Rescript der Regierungsbehörde in der Hauptstadt, daß sich Lehfeld wegen seines religionsgesetzlichen Verhaltens und seiner Widersetzlichkeit gegen den Rabbiner Tr. A. verantworten sollte. Lehfeld benutzte den ersten freien Tag, um den Weg zur Hauptstadt anzutreten. Er ging nicht mit so ftohem Muthe, wie zu dem Rabbiner. Er fühlte sich gedemüthigt, gedrückt. Er fühlte den Schmerz, die Scham des denkenden Israeliten, sich vor einer Behörde zu vertheidigen über Dinge, die dieser kleinlich Vorkommen mußten und die ihr doch als wichtige Bestandtheile der jüdischen Religion vorgestellt wurden. Er fühlte in sich den ganzen Schmerz des Lehrers^ der für seine heiligsten Bestrebungen kein Verständniß findet, dessen tiefste und redlichste Ueberzeugungen verkannt werden. Der Unmuth, solches dulden zu müssen, paarte sich mit dem Unwillen, über den nicht entsprechenden Lohn für treue Dienste. ..... (Schluß folgt.) _Für den Buchhandel in Commission bei OSkar Lebner in Leipzig. — C. Reidel'» Buchdruckerei in Gau-Algesheim. Verantwortliche Redaction und Verlag von Joseph Rlingenstein, Lehrer zu Ingelheim.

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