Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 11.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Tisches Wissen und dennoch — orthodox mit den Orthodoxen, fteifinnig mit den Liberalen; aber unbeugsam bei Ausübung der chm übertragenen Observanzen, was ihn besonders oft fast herzlos und selbst grausam machte in Sterbe- und Trauerfällen. Kaum war er ins Krankenzimmer von Zeitz eingetreten, als er auf denselben zukam, und ihn eine Weile starr bettachtete. Dann trat er zu Veilchen und sagte: „ Was hilft das? Du mutzt jetzt hinaus gehen." , Hinaus? Ich? Warum soll ich hinaus? „Warum? Weil Du hinaus mußt. Du hast hier nichts mehr zu schaffen." Mit starrem Entsetzen sah Veilchen einen Moment den so Sprechenden an. dann sagte sie fest: „Ich gehe nicht hinaus! Ich bleibe bei meinem Vater und Nieuiand kann mich lebend von seinem Lcidcnsbctte entfernen. -" „Aber Du mutzt hinaus, wenn Dein Vater stirbt; Das ist Gesetz." „Stirbt?" rief sie mit einem herzzerrcitzenden Schrei. ..Und, datz ich-hinaus mutz, jetzt hinaus, ist Gesetz? Wer hat dieses Gesetz geniacht? Es kann kein Gesetz geben, welches mich, das einzige Kind, das einzige, tteuc, frcundliche Herz von meinem Vater ttennt, wo keine liebende Hand ihn unterstützen könnte." Und sie ttat näher noch zum Bette des Vaters, und ergriff seine Hand, die sie fest drückte und nicht niehr loslietz. „Ich bleibe hier, wo nieine Stelle ist." Rabbi Pinchas. schaute auf Klappermosche, der die Achsel zuckte und auf Lehftld hinwics; dieser hatte sich fast ängstlich in eine Ecke zurückgezogen. Er war noch nie so bei einem Sterbenden gestanden und doch bewegte ihn das jetzt wenig. Er dachte nur an Veilchen, er bewundette das Mädchen, und wie sie jo fest in der Liebe zu ibreui Vater dastand, der doch durch seinen Leichtsinn ihr Jugendleben vergiftet hatte; jein Herz war tief bewegt bei dem Gedanken an den starren unbeugsamen Gebrauch, der das Kind vom Todcnbette des Vaters ttennen will. Es mag, — so dachte er selbst bei sich jetzt —in vielen Fällen gut sein; aber hier? — Als ihn Mosche so starr anschaute, da -siel ihm wieder das „Eckschränkchen" bei und auch er nahte sich dem Bette des Sterbenden jetzt um vielleicht noch Etwas darüber zu erfahren. Aber hier war der Tod schon zu weit vorgeschritten, Besinnung und Sprache waren entflohen. Hett Lchfeld und Klappermosche schauten sich fest einander an; sie mochten jeder von ihnen vielleicht ahnen, was jetzt in der Seele des Anderen vorging. Noch einen giftigen Blick sandte Mosche hinüber auf den jungen Mann, den er nun als seinen Todfeind bcttachtctc, dann ging, er aus dem Ziinnrer; — das war der Abschied Klappermosches von seinem eigenen Bruder., Er hielt fest an dem Gebrauch, datz der Bruder nicht bei seinem Bruder sein dürfe beim Stexben. Das war Alles, was ihm der Tod des Bruders zu niiln gab. Was er aber dachte? Jetzt, da Mosche fott war, ergab sich auch Rabbi Pinchas geduldig in die Anwesenheit Veilchens, obwohl er etwas von „Unglück, wir wcrden's erleben, neumodischer Lehrer" in den Bart murmelte. Bald begann er mit lauter Stimme Schema; noch eine Stunde, und das Leben war aus dem Körper des unglücklichen Feitz entflohen.-Veilchen wich auch jetzt nicht; man merkte uicht, was in ihrer Seele vorging —; sie blieb selbst dann noch auf ihrem Stuhle neben dem Bette, als die anwesenden Männer sich anschickten, den Tode» von seinem Bette abzuheben — und vergotz keine Thräne. Sehfeld hatte sich ihr wohl mchrmals zu nahen,-sie mit Hülfe ihrer Freundin Fanny und ihres Vetters Marx zu entfernen gestrebt; aber sie blieb taub selbst gegen die Bitten dieser ihrer Lieben. Nur einmal schaute sie auf und ttat ftagcnd zu Lehfeld: „Sagen Sie mir, Herr Lehrer; werden die Leute auch jetzt noch meinen Vater „Spiclfeitz" nennen, und mich „Spielfeitzens Veilchen?' Sehfeld vermochte ihr nicht gleich zu antwottcn! Er ergriff ihre Hand, drückte sie und mit Mühe brachte er die Wotte hervor: „Was auch die Leute sagen werden, was kümmert Sic's? Sie werden doch sagen müffen: Veilchen ist eine so gute Tochter und hat ihre Pflicht gethan bis zum letzten Augenblicke und darüber hinaus. Aber jetzt kommen Sie." Veilchen hatte ihn gespannt angehört. Dann.- als er schwieg, schüttelte sie den Kopf und sprach: Ja, ja, er war „Spiclfeitz" und ich bin das Cpielfeitz' Veilchen» Onkel aber ist nicht Klappermosche, sondern Herr Moses All - mann; und seine Kinder-:-(Forts, f.> Für den Huchhandel in Commission bei Oskar Leiner in Leipzig. — I. Gottsleb en's Buchdruckerei in Mainz. Verantwortliche Redaction und Verlag von Joseph Klingenstein, Lehrer zu Ingelheim u