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Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 8. · p. Seite 56

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 8.
Date
1871-01-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 f baldige Absterben des Baumes herbeiführen must. Nur noch wenige und nur noch für eine kurze Reihe von Jahren wird er halbkranke Früchte tragen; dann wird er absterben. Armer Baum, dein Schmuck ist Täuschung; die Hoffnungen d> irres Pflanzers sind gebrochen. Mit welchen glänzenden Hoffnungen hatte unser Freund Lehscld das Decret empfangen, das ihm ein Schulamt überwies! Wie träumte er von Freuden im Berufe, von einer gottgesegneten Kinderschaar, denen er Licht bringen, die er zur Liebe und Gerechttgkeit, zum Streben nach Idealen erziehen wollte! Und jetzt! Lehfeld war bald ein halbes Jahr in Dcrnheim. Sinnend saß er in seinem engen Zimmerchen, das nur eine kleine Oeffnung gegen den Hof hin hatte, — Fenster genannt. In seinem äußern Leben hatte sich noch wenig geändert. Er war eingewöhnt. Aber in seinem Innern! Wer da hätte lesen können, der würde stürmisches Hoffen und unbefriedigte Sehnsucht neben einer gewalttgc Maffe abgefallener Hoffnungsblüthen erkannt . haben! — Eben klopfte es etwas stürmisch an. Wie verschieden ist doch das Anklopfen, wie bezeichnend oft für den Charakter des Anklopfenden! Der Stürmische, der Entschiedene, der Ruhige, der Bescheidene, der Aengstliche, sie haben sämmtlich ihre eigene Art beim Anklopfen, wie im Styl und in de< Handschrift. Der eben bei Lehfeld Anklopfende hatte es eilig, stürmisch war sein Anklopfen, und — da stand er auch schon im Zimmer. "„Herr Lehrer", sagte der Vorsteher Herr Maßmann, „warum ist mein Junge nicht nach Hause gekommen?" „Ich mußte ihn strafen, Herr Vorsteher, er ist sehr faul bei seinen genügen Anlagen!" „Mein Kind, geringe Anlagen? Faul? Warum soll mein Kind geringe Anlagen haben? Das begreife ich nicht! Das merke ich doch nicht zu Hause; da ist er so gescheid, weiß Alles!" „Wohl möglich, aber ich fürchte, er wird wenig lernen." „Ich will meine Kinder gelernt haben, ja sie sollen lernen und fleißig sein. Ich will auch, daß sie gestraft werden sollen —, aber jetzt ist es Zeit zum Mittagessen, da muß der Junge nach Hause. „Muß nach Hause? Wer muß, Herr Maßmann? Ich glaube nicht, daß Sie gut daran thun, mich nöthigen zu wollen; Ich will heute einwilligen; aber Sie sollten es nicht thun als Vorsteher, des Beispiels willen nicht und nicht als Vater." „Was? Wollen Sie mich lehren. was ich thun soll? Ich weiß es, was ich als Vorsteher und Vater zu thun habe, bester wie die Leute, mit denen Sie umgehen! Bin ich jetzt der Vorsteher? Sonst haben Sie mich doch nicht als solchen gekannt und halten sich an andere Leute! „Ich verstehe Sie nicht." „Nun, nun, Cie werden mich. verstehen; warum sollen Sie mich nicht verstehen? Verstehen Sie ja auch Epiel'eißcns Veilchen." Lehfeld war wie vom Donner gerührt. Was wollte dieser Mann, der sich sonst so sehr freundschaftlich stellte, mit der Nennung dieses Namens? Sollten sich die Leute ans der Sttaße schon erzählen, was er sich selbst nicht zu gestehen wagte? Ein Gefühl unsagbaren Wehs ergriff ihn. Er hatte noch kaum sich selbst Rechenichaft darüber gegeben, daß er das schöne unglückllchc Mädchen unaussprechlich liebte; er hatte mit Veilchen selbst nur je am Freitagabend bei Tante Marx einige Stunden und daun nur die gleichgültigsten Wotte gesprochen, und kein Wort von beiden Seiten deutete auf ein wärmeres Gefühl. Und nun nahte chm ein Mann dcffcn anmaßende Rechtsprecherei ihm stets verhaßt war, den er als Feind der ganze» Allmann'schen Familie, und der Familie Marx, wo er den Tisch hatte, kannte, und berührte mit unzarten Worten ein Verhältnis als gassenkundig. über das er das tiefste Geheimniß ausgebreitet wünschte, obgleich er das Licht nicht zu scheuen hatte! Er wußte noch nicht, wie m solchen Gemeinden insbesondere der Lehrer in seinem ganzen Leben und Thun, auf Schritt und Tritt ansspionirt wird und sich gefallen laffen muß, jede seiner Handlungen dem öffentlichen Urtheile Preis zu geben. Es ist nicht immer Theilnahme, was die Veranlassung zu all den Sticheleien gibt, die ihn überall in seinem' Thun und Wollen und brs in seine Kammer und in sein Herz hinein verfolgen. Jetzt wußte Lehfeld. daß mail von seiner Liebe sprach, noch ehe er selbst gesprochen hatte und er fühlte die Pflicht, sein Handeln danach einznrichten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction und Verlag von Joseph Klingenstein, Lehrer zu Ingelheim. Für den Buchhandel in Commission bei Oskar Seiner in Leipzig. — I. Gottsleben's Buchdrucker ei in Mainz.

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