Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1871-01-01 · Nᵒ. 4. · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
Nᵒ. 4.
Date
1871-01-01
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4896751-5428704-5428758-5433869--3646-4899857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24 Feuilleton. Luftschlösser. Alle Geschichten von I. (Fortsetzung.) Friß wollte als Mann ernster werden. Warum that Mosche Alles, was er nur konnte, um ihn auf den abschüssigen Pfad des Lasters zu bringen? Mosche wurde immer geiziger, wie wir ihn kennen, trotzdem er klapperte. Feiß wurde unter seinen Augen, fast auf seine Anleitung hin — immer lumpiger. Frau und Kind unterlagen dabei dem Einfluß des Bruders. Feiß machte viele und vorzügliche Geschäfte, aber Alles war gemeinsam mit Mosche. Seine Frau, die ibn siebte, unterlag dem Schmerze, den der Lebenswandel ihres Mannes ihr verursachte. Sie war einst ein hübsches Mädchen, eine brave, stille Natur. Nach ihrem Tode fchien es. als wollte Feiß ein anderer Mensch werden. Er verließ seine Gesellschaft; die Sorge um sein Kind, das er unaussprechlich liebte; schien ihn zu beherrschen. So wollte ihn Mosche nicht. Er trieb ibn an, wieder in Gesellschaft zu gehen — nur zu spielen. So bekam er den Namen Spielfeiß. Spielfeiß und Klappermosche'.- Wir kennen sie, diese Gestalten in den kleinen Gemeinden, in welchen Jeder seinen eigenen Beinamen hat, der seinen Character bezeichnet. Die Leute in diesen Orten, die stets sehen, was ihr Nachbar thut, brauchen nicht lange, um den Fehler ihres Nebenmenschen zu erkennen und so erhält ein Jeder seinen Namen nach seinem Thun. Eine Aufzählung der Namen ist eine Aufzählung des Sünderregisters — oder körperlicher Eigenschaften; erinnert Ihr Euch nicht dieser Spottnamen aus Eurer Jugendzeit? Wir haben noch nicht von der Frau Klaxpermosche'S und feinen Kindern gesprochen; denn er hat viele Kinder — sechs Tochter, drei Söhne. Die Frau paßt zu ihrem Manne, wie je eine Frau paßte. Sie ist vornehm, um herzlos sein zu können. Alle anderen Leute stehn tief unter ihr; sie beachtet sie kaum. Sie ist die „Srorete",*) sie ist auch zu gebildet, um mit gewöhnlichen Menschen, insbesondere mit Juden, Umgang haben zu können. Sie weiß, daß Götbe ein großer Maler war, und Schiller in Prachtband auf dem Schreibtische ihres Bruders steht, des Bruders, der die hohe Stelling eines Geometers bei der M. N. Bahn verwaltet... Wie kann man ihr also zumuthen, Andere als ebenbürtig j anzuerkennen? Man sagt, der Stolz habe ihr sogar! inmal „den Kopf verdreht;" nervös war sie allezeit. Und das sind die Leute, die das Schicksal unseres Spielfeiß und seiner Tochter Veilchen in Händen haben. Spielfeiß und Klappermosche leben zusammen in einem Hause. Was ist natürlicher, als daß die Frau des Letzteren, die liebe Tante, die sich natürlich nie anders als Frau Allmann —nach dem Familiennamen ihres Mannes — nennen läßt und deren größter Schmerz es ist, daß selbst ihr Mann'oft so gemein ist, sie manchmal Rosine zu beißen, wie sie in ihrer Jugend hieß und nicbt R o s a! — Rosine, wie gemein; daö erinnert an etwaö Ausgelrcckneteö, AuSgedörrtes, daS erinnert an Kuchen und Sauce das ist so schwarz und so häßlich und so alt, wenn auch süß - säuerlich. Nur Mägde heißen Rosine! — Aber Rosa, das ist frisch, an erinnert herrliche Blüthe, an jugendliche Anmulb und Wohlgeruch. Also die liebe Tante zeigt dem KindeP ei lch e n vor Allem anderen, wie hoch sie und ihre Kinder über andere Menschen und natürlichauck überVeilck'en stehe, dessen Daler ja von ihnen so eigentlich erhallen wird. Sie läßt das arme Mädchen nicht aus den Augen; kS muß fühlen, daß es das Gnadenbrod ißt. Wem könnte daö arme Veilchen die« klagen? Wem dürste eS klagen? Seinem Vater, der fast nie zu Haufe ist, immer entweder im Geschäfte oder im WirthShaus, bei seinen Spiel- und Trinkbrüdern? Veilchen führt sein Hauswesen; der Vater gibt ihm stets Geld; aber dies Geld, Veilchen weiß nicht, wo er es verdient und Tante Frau Allmann sagt: was er hat, das hat er von uns, nimmt er uns und unseren Kindern; er verdient ja Nichts, thut Nichts, und verlumpt noch obendrein viel; woher soll er also Geld haben, wenn eres nicht von seinem lieben Bruder, Herrn Moses Allmann — geschenkt bekommt? O, man sollte ihm von Gott und Rechtswegen nichts geben, gar nichts, eS gehört ihm nichts. Aber — mein lieber Allmann )st so gut!" Und wie die Mutter, so die Töchter. Mit neidischem Blicke schauen sie auf die^berrlich sich entwickelnde Veilchen und sie verstehen, dasselbe überall in den Hintergrund zu drängen, es als eine Untergebene, als ihre Magd zu behandeln. Sie scheuen sich, wenn man sagt, daß Veilchen ihre „Cousine" sei. Sie verziehen dcnn höhnisch den Mund. Und doch muß Veilchen ihnen zur Folie ,dienen, muß in bescheidenem G ewände neben ihnen hergehen, nach dem seine geschickte Hand und sein guter Geschmack ihnen den Putz bereitet, dessen sie sich so sehr gerne bedienen. Forts, folgt. *) vornehme Frau, eigentlich Fürstin. Verantwortliche Nedaction und Verlag von Joseph Kl in gen st ein, Lebrer zu Ingelheim. F:.r den Buchbandel in Commission bei Oskar Leiner in Leipzig. — I. Goltlcben's Buchdrucker« in Main^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.