Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 3.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Feuilleton. Lustschlösser. Alte Geschichten von I. (Fertseyung.) , Wenn man eine Pflanze untersuchen will, so prüft man den Boden, auf dem sie gewachsen, mail denkt sich die Oertlichkeit, auf dein sie gestanden und wie sie der Sonne, dem Winde und dem Regen ausgesetzt war. Man denkt an den Keim, aus dem sie sich entfaltet und an die Nahrung, die sie zu ihrem Wachsthum brauchte. Geht man auch denselben Weg, wenn nian den Werth eines Menschen beurtheilcn will i Man spricht von einem Manne, von einem Weibe, als habe cs sein Schicksal von Anfang her in den eigenen Händen gehabt u. beachtet nicht Sonne und Wind, Boden und Nahrung. Dian urthcilt über das Schicksal, nicht über den Menschen; man nennt gebildet den, den das Leben auf die Sonnenbahn des Glücks geführt obne sein Zuthun, auf einen Ort hin, der immer heiter ist; Wo aber das Schicksal ungünstig war vom Anfang her, wo das Leben in über trüben nebligen Abgründen hin schleicht, wo eines Menschen Blüthezeit nntergeht im Kampfe niit dem Leben,' da geht man gedanken- und cnipfindungslos vorüber. Man sieht die röche Roie, nicht das blasse Veilchen. Ja Veilchen! Da treten zwei Mädchen in die Stube, Fanny und Veilchen! Fanny, eine kräftige, runde volle Gestalt, voller Lebenslust und Heiterkeit, die niit kräftigem Handschlag den Mann begrüßt, den sie sich erkoren. Ein einfaches, aber herzliches Verhältniß von zwei Leuten, die sich genügen. Mit ihr tritt eine blasie Gestalt ein, hoch aufgeschossen — mit Allgeich o mit Augen, so tief, so groß und schwarz; aber trüb, getrübt von« Leid, das die Seele dieses Mädchens getroffen in der Blüthe des Lebens. Niemand kennt sie. Niemand beachtet sie— nur ihre Tante legt heute wie jeden Freitagabend segnend ihre Hand aus diesen Scheitel und ein Blick des Mitgefühls fällt aus den alten Augen in die jungen, — daran zehrt sie.von Sabath zu Sabath. Herr Lehfeld scheint in diesem Augenblicke doch vergesien zu haben, was er heute Marx versprochen; er schaut bettoffen auf, als dies blaffe Gesicht ihin näher und unter das Licht der Sabathlauipe ttitt. Hat er diese Augen schon gesehen? Sind ihm diese Züge bekannt? Wir gehen um viele Jahre zurück in unserer Geschichte. In Dernheim wohnten einst zwei Brüder — eigene Menschen, doch einander sehr unähnlich; den einen, haben wir schon kennen gelernt — es ist Klappcrmosche; er hat seinen Namen von der Gewohnheit, immer auf seine Tasche zu schlagen, damit man die Guldenftücke dann klappern hött; er will damit sagen: ich bin der Mosche, ich Hab Geld! Ihr anderen Menschenkinder, was seid Ihr, Ihr, die Ihr kein Geld habt? — Lumpen! Aber ich, ich behalte auch mein Geld; Jhr^Lumpen, was geht Ihr mich an? Er führt immer und überall das grpße Wort, er ist fromm, scbr ftomm, wo es nichts kostet, ihn nicht stört! Er geht in's Gotteshaus, sagt und singt alles — natürlich, wenn er Zeit hat. Aber, er ist Klappcrmordche, er hat viel zu thun, iminer Geschäfte, wie können andere Leute, Lumpen, beurtheilen, wenn er Geschäfte halben z. B. den Sabatb brechen muß? Natürlich , das darf nur Er thun; denn Er hat Geschäfte, immer Geschäfte. — Ihr Lumpen habt nichts zu thun, ihr müßt Sabath halten. So klappett er mit der Peitsche, mit dein Gelde, mit den Wotten: immer Klappermosche. Alianna Klappermosche hat einen einzigen Bruder und eine einzige Schwester. Man sagt, er liebt seinen Bruder, denn er treibt mit ihm Eompagniegeschäst; ob er ihn überwuchert i wer kann das sagen? Vielleicht! Dieser Bruder Feiß ist eine andere Natur — er klap- . pertauch mit dem Gelde. aber nicht so wie Mosche, in ganz anderer Weise, er läßt es gerne springen. Es ist eine lebenslustige Natur, dieser Feiß, er tanzt gern. Und sonderbar. Mosche läßt ihn gehen; läßt ihn thun, was er will. Als ihre Eltern gestorben waren, vcrheiratheten sic ihre Schwester K n e n d e l einem braven Manne, Mordche Man, dem Vater des uns bekannten Marx. Die Brüder statten ihre Schwester gut aus, dann bekümmert sich Mosche nicht mehr um dieselbe; nian sagt, er habe kein Herz für sie. Sic ist so sanft, so ruhig, so ganz das Gegentheil von ihn,. Mosche und Feiß bleiben beisamnien, tteiben das Geschäft mit einander fort. Mosche arbeitet — Feiß. spielt, tanzt und trinkt. Er ist zwar auch nicht I müßig und man sagt: er sei im Grunde anstelliger, I geschicklcr, besserer Geschäftsmann; ehrlich und wohl gelitten, und verdient am Ende mehr als selbst Mosche, der immer wisse, was er thue. Hött man aber Mosche, so hält er sich Feiß bloß zumZeiwertteib; aus Liebe sorgt er für ihn und als er geheirathet hat - auch für seine Frau und später für sein einziges Kind, Veilchen. (Fotts. folgt.) Verantwortliche Redaclion und Berten von Joseph «lingenstein, L'ehrer zu Ingelheim. Für den Buchhandel in Commission bei OSkar Seiner in Leipzig. — I. Gottleben's Buchdruckerei in Mainz.