Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- Nᵒ. 1.
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Eben hat er einen Apfelbaum sich ausersehen, 'der «inen weiten kühlen Schatten wirst. Er legt feine Reisetasche unter seinen Kopf und wirst sich ermüdet am Rame nieder. Eine Weile schaut er gedankenlos in die Weite, dann zieht er seine Briestasche. Also Dernheim, — sagt er —, „ich kann nicht mehr weit davon sein und Dort muß es liegen, in einer Stunde muß ich dott sein, ich habe noch 4 Stunden fast bis zum Sabath-Eintritt; ich werde noch frühzeitig genug kommen! — Und — ich werde dort bleiben — — wie lange? — Meine liebe Mutter! ich bin am Ziele; im schönen Berufe! Am Ziele?-" Wir wissen nicht, wie lange er so, die Brieftasche in der Hand haltend, ttäumte. Auf einmal sprang er wie bestürzt von seinem Lagerplätzchen auf! Ein fast einem Schüsse ähnlicher Peitschenknall ertönte wie dicht vor seinem Ohre, er sah den Riemen — ein Mann trieb einigeKühe auf der Landstraße fast bis zu chm hin und blieb vor chm stehen. Ein Helles Gelächter folgte dem Peitschenknall, als der Mann Las furchtt'ame Austpringcn des Reisenden bemertte. „Ich babe Sie erschreckt, junger Mann; Sie sind an solche Peitschenklänge nicht gewöhnt Ja, das kann ich, peitschen, laut peitschen ist meine Lust; drum nennen Sie mich-" Jetzt schaute er sich den Reisenden recht an und zwinkette mit den kleinen, klugen Augen. „Ich wette, ich weiß, wer Sie sind," fuhr er fott, indem er seine auseinandergehende Kühe wieder zusammentrieb und Me stehen ließ. „Ich wette, ich weiß, wer Sie find-Sie sind der neue Lehrer, der sich nach Dernheim verdingt hat — wie heißen Sie doch? ja, ich weiß nicht;-doch das thut nichts. Sie find der Lehrer. Habe ich recht?" „Ja, ich bin der Lehrer für die Dernheimer jüdische Gemeinde, heiße Lehfeld — — — — aber ich habe mich nicht verdingt, sondern bin von der Regierung „ernannt." Ein ebenso lautes Gelächter des Mannes, als das vorhinige, folgte dieser Rede des Reisenden. „Junger Mann", sagteer, „ich weiß, Sie find ernannt, d. h. die Regierung schickt Sie. Glauben Sie darum, dott bester daran zu sein? Sehen Sie," fuhr er ruhiger, fast herzlicher Weise fott. „Sehen Sie, ich bin ein einfacher Viehhändler und habe viel zu tragen; ich muß mich plagen mit dem dummen Vieh den ganzen Tag über, aber wenn ich knalle — und dabei knallte er, daß man weither das Echo vernahm — da halten die Kühe an und folgen. Ich muß mich ärgern mit dem Sauf und Vettauf; habe viel Last — aber wenn ich nicht will, will ich nicht. Und doch — ich bin ei» dummer Mensch und Sie find ein studierter, gelehrter Mensch — und ein braver Mensch, glaube ich; weil ich Niemand schmeichle, kenne ich die Menschen oft gleich an ihren Gesichtszügen, ob sic brav sind, nun also ich sage, ernannt oder verdingt — ich tausche nicht mit Ihnen! Sie Werdens erfahren. — Nicht die Kinder! Wenn Sie ein rechter Lehrer sind, werden Sie sie schon berumkriegen. Sehen Sie, wie ich meine Kühe! Ich schlage nicht, ich peitsche nur und sie folgen. Aber die Großen, den ersten, zweiten und dritten Vorstcher — Parneß darf ich sagen, Sie nicht! — die erste, zweite, dritte Vorsteherin, Mütter, Großmütter, Brüder, Schwestern, — halt, weil ich von Schwestern rede, hüten Sie sich, daß Sie Ihr Auge nicht erheben zu Joels Fanny, sonst haben Sie es mit mir zu thun". Unser Reisende lächelte, er hatte von dem munteren Manne da in wenig Motten Vieles erfahren. „Ich werde mich hüten. Brav, daß Sie mirs sagen. Ich werde meine Zeit nützlicher verwenden. Ich werde lerurn. „Lernen? Ich weiß nicht, ich meine, sie hätten ausgelernt. Was und mit wem wollen Sie lernen? Gemorah, Raschi mit Rabbi Pinchas?" „Ich werde für mich lernen, ich werde mich ausbilden ln meinem Berufe. „Gut, gut, ich verstehe Sie und s'ift recht so. Und weil ich wohl der Erste von den Dernheimer Juden bin, der Sie trifft, so wollen wir gute Freunde bleiben, wenn Sie nur memer Fanny aus dem Wege gehen; denn sie sagen, die jungen neuftuditten Lehrer wären den Mädchen gefährlich. Darin verstehe ich keinen Spaß. Sonst bin ich so tteu. als Einer von den Dernheimer da drinnen, wenn sie mich auch nicht leiden mögen. Gerade darum! Es gibt übrigens genug Mädchen in Dernheim. Suchen Sie sich nur Eine heraus. Und nun, nochmals, nehmen Sie sich vor den Parneßtes *) in Acht; —-heut Abend," und der Mann, den wir Marx nennen wollen, lächelte ironisch — „heut Abend nach Schul sehen wir uns. Sie werden doch nicht mit dem Viehe in Dernheim einziehen wollen? Adieu einstweilen." Marx trieb mit einem nochmaligen und noch mächttgeren Peitschenknall seine Kühe an — und war bald eine gute Sttecke vor ihm. Jetzt hob unser Reisender seine Reisetasche auf — — ein tiefer Seufzer entschlüpfte fast unbwußt seinen Lippen, ein langgezogenes „So?" folgte-. Eine Stunde später zog der neue Lehrer, Herr Lehfeld, in Dernheim ein; seine Reisetasche trug er nicht mehr über der Schulter, sondern in der Hand. . ' (Fortsetzung folgt.) *) Vorsteherinnen. Verantwortliche Redaktion und Verlag von Joseph Kling enstein, Lehrer zu Ingelheim. Für den Buchhandel in Commission beiOskarLeiner in Leipzig. — I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.