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Der israelitische Lehrer · 1871-10-04 · 40 (4.10.1871) · p. Seite 282

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
11 (1871)
Issue
40 (4.10.1871)
Date
1871-10-04
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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— 282 — Are Liturgie als IlnrerrichtsgegcnstanL in der Religionsschule. Bon B. Jacobsohn-). Wenn schon die Unbekanntschaft mit dem Judenthum, seinen Lehren, seinen Litten und Gebräuchen bei den R i ch t j u d e n Vorurcheile zu Tage sördertz die geeignet sind, unserem Jahrhundert, der Zeit des Fortschrittes und der Freiheit, einen Rückstoß bis in's Mittelalter zu geben, so ist eS noch weit betrübender zu sehen, wie ivenig oft selbst Bekenncrn des Judenthums genauere Kenntniß desselben innewohnt. Tie jüdischen Wissenschaften, die geschichtliche und religiöse Enttvickclung deS Judenthums, haben bei den Anhängen: desselben den wohlverdienten Eingang noch nicht gefunden. Ja, nicht dies allein, sondern das Rothwendigste selbst, was einer Religion das eigentliche Gepräge verleiht, vermissen wir jetzt bei gar Vielen: es ist die Keirntniß vom jüdischen Eullus. Tic Ansicht, daß das Sichfernhalten vom GotteShause, das Abftreisen alles spezifisch Jüdischen und die' Hinneigung zu den sogenannten „Freisinnigen", sei» jüdischer oder christlicher Art, dem Judenchuin seine würdige Stellung unter deir andcni Eonsessionen verschaffen könne, hat sich gründlich überlebt. Ja, selbst das unverkennbare Streben nach allgemeiner Bftdung, wie cs jetzt Gottlob bei den Juden überall in großarttgem Maatze zu finden ist, genügt -nicht, um uns vor dem Vorwurf von „Haß und Feindschaft" zu schützen, sondern wir glauben vielmehr, daß gerade die engste Verbindung mit dem Judenthuine, seinen Lehreil und religiösen Gesetzeil und Sitten, so zu sagen die „Rückkehr ins Gotteshaus", der feste Zuiammenschluß der Glaubensgenossen zu einem (Ganzen, statt machen kann, um Vorurcheile zurückweiseu und bekämpfen zu können. Was tiält aber die Bekenner einer Religion am festesten zusammen? Jst's nicht der Cultus? Ist gerade nicht er das unzerreißbare Band, welches alle ^Israeliten ninichlingen soll! Rur durch den „gemeinsaincn Gottesdienst" fühlt sich die israelitische Gemeinde als ein Ganzes, hat sic das erhebendste Gcfiihl der engsten Zusammengehörigkeit. Soll dies der Fall sein, 'o iiinß neben deni Bedürfnisse, seinen alten Gott anzubelcn, auch die Fähigkeit hierzu vorausgesetzt werden, können. Diese Fähigkeit aber, dem Gottesdienste mit Bcrständniß zu folgen, denselben in Gemeinschaft mit allen Glaubensgenossen in würdiger Weise verrichten *) Wenn wir auch nicht in jeder Beziehung mit dem Herrn Verfasser dieses, dem Programm der Religionsschule zu Magdeburg vorangehenden Artikels übereinstinimen, so halten wir diesen doch für sehr anerkennenswerth und wollen ihn darum durch unsere Zeitschrift einem größeren Leserkreise vorführen. Red. > zu können, scheint in unseren Tagen schon beinahe bei den Wenigsten zu finden zu sein. Die Ursache ist klar: je weniger Interesse man für den ewigen Bestand des alten Judcnchunls findet, desto mehr werden seine religiösen Gebräuche in -Vergessenheit gerathen. Recht betrübende Erfahrungen sind in dieser Beziehung gemacht worden. Das jüdische HauS ist in seinen religiösen Ausübungen w.it abgewichen von der Att und Weise, wie eS früher war. Nicht dies allein, man findet nicht einmal das. wahre Bestreben, die minder in der Religion belehren zu lassen, wie es nochwendig ist, ein wahrer Anhänger derselben zu sein. Die Religionsschule, welche doch eigentlich aus dem religiösen Bedürfnisse der Gemeinden entstanden ist, wird in. ihrem Bestreben vom Hause nicht genügend unterstützt, ja, sie stößt auf Widerstand, wenn es sich darum handelt, das Religiöse auszuübcn. Für die Erziehung des Kindes überhaupt und noch mehr für die religiöse Erziehung ist aber die Mithülfe lind dlc Mitthätizkeit deS Hauses unbedingt iröthig, wenn die Albest der Schule auch Früchte tragen soll. Ein Hauptbestreben der Religionsschule ist cs, ihre Zöglinge zur Theilnahme am Gottesdienste hcranzubilden. Kanil. sie aber beim besten Willen ihr Ziel erreichen, wenn sie auf das Haus nicht rechnen kann? — Das häusliche Beten scheint schon ganz aus der Mode gekommen zu sein. Der Vater wacht nicht darüber und der Mutter, welche die wichtigste Rolle bei der Erziehung spielt, erscheint es fast lächerlich, daß das Kind an jedem Morgen beten solle, zumal in einer todtcn Sprache. Sbschon nun die Schule unmittelbar nach Erreichung der Lesefähigkeit den Kindern kleinere Gebetstücke, wie z. B. das ycv rx’-ip, p;on ro-12 ’jx -tc , no»; ’.n'N. u. s. w. eigen zu machen sucht, indem der Lehrer dieselben übersetzt und erklärt,"- ihnen die hohe Bedeutung des BctenS klar macht, bleibt's doch fruchtlos, weil die Eltern nicht darüber wachen, daß diese Gebete auch in der häuslichen Praris zur Anwendung kommen. Deni Kinde aber, in dessen reines, für die Religion so sehr empfängliches Herz von der Schule eine köstliche Saat gestreut wird, rauben die eigenen Eltern ein Stück geistigen Lebens, das in jeder Beziehung von so hoher Wichtigkeit ist. Denn 'ohne „practischc" Ausübung der in der Schule nur „theoretisch" zum Verständniß gebrachten Lehren. Gebote und Gebete ist aller Unterricht zweckloses Wett. - (Fortsetzung folgt.) *) Als vorzügliches Hilfsmittel dient diesem Zwecke die jüngst vom Dirigenten der Anstalt zu M. erschienene „Hebräisches Gcbetbüchlci» für die isracl. Jugend. l. und 2. bursus. I

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