Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 32 (9.8.1871)
- Date
- 1871-08-09
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
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I I — 250 — i Zusammenhang zwischen Fremden, Wittwev und Waisen hervorkehren will. @lel sinh als der Hilfe »eist bedürftige dem RechtSzefüile der Gesamwtheit und der Gerechtigkeit Gotteumerstellt. Nein, das Judeathum, das alte Testament ist nicht ausschließlich. Hat da« neue Testament aber nichts Ausschließliche«? Ich bin nicht seh^ bekannt in demsnben, aber da stehet ein BerS, Römer I, 2. 9. „Trübsal und Angst über all« Seelen der Menschen, die Böse« thun, vornehmlich die der Juden und diederGriechen." Klingr daS nicht zugleich wie Feigheit St-. Panli^s, der e» nicht wagt, die zu nennen, an die er schreibt, die Richer, die er gleichsam von der göttlichen Strafe ausschlicht? und Apokalypse 19,15: „Und auS seinem Munde ging ein scharfes Schwert, daß er damit die Heidenschlüge!" Ist das die allumfassende Liebe des „nenm" Testaments? oder daselbst 20, 9 und 10: „und eS fiel das Feuer von Gott au« dem Himmel und verzehrte sie; und der Teufel, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl...." Der Teufel ist eine der Hauptttfindungen im neuen Testament und'spiest darin eine Rolle, um welche eS da« alte Testament nicht zu beneiden hat. Sie finden Anstoß an den Sätzen: „Also gereuete Gott da« Uebel, daö er ausgesprochen, seinem Volke zu thun." Llllerdings, es widerspricht dieser Satz der Anschauung von bfv Wesenheit Gottes, der Ltflsehend und allwissend, nie da«, wa» er thun wollte, bereut. Ich will nicht darauf hindeuten, daß das hebr. Wort durch „bereuen" falsch wiedergegeben wäre. Sie können nicht wissen, daß e« eigentlich „Er bedachte sich" heißen sollte. Auch ist da« im Ganzen unwesentlich. Allein, was folgt daraus? Eben das, wa» ich sagte, daß wir di« Bibel nicht nach ihrem Wortlaute, sondern nach ihvem ureignen und ewigm Geiste beurtheilen müsien. Gott will die JSraeliten ob ihres Abfalls züchtigen,. vernichten. Moses betet für sie mit herrlichen, tieftrgreifenden Worten und Gott nimmt da» Böse, daS er über sie als Strafe verhängen wollte, wieder zurück. Da« sind eben AntropomorphiSmen, menschliche Ausdrücke, weil wir solche, wie sie der Wesenheit Gottes entsprechen, nicht aussprechen können. DaS Räthsel von der Vorsehung und Allwisienheit Gotte« im Gegensätze zur Sünde und Strafe des Menschen, zur Verzeihung nach Buße und Rückkehr — werden Sie e« etwa lösen? Auf postttv und rational-religiösem Wegje, so lange wir an einen Gott, an Vorsehung, Sünde, Sttafe, Buße und Verzeihung glauben, wird« eben nicht gelöst werden können. Löst ihn wohl der Ver« Matth. 12, 2. „Wer Etwas redet wider den Sohn Gottes, dem wird eS vergeben; aber wer etwas redet wider den heiligen Geist, dem wird eS nicht vergeben werden, weder in dieser — noch in jener Welt." — Ist das ansprechender, verständlicher? Oder Matth. 13 42. „lind werden st« in den Feuerofen werfen; da mjrd sein Heulen nnd Zähneftzppern." Und dieser selbe Matth, spricht noch viel, wa« unserer derzeitigen religiösen Anschauung wiederstreitet. Da lese ich eben 21, 19. „Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege und ging hinzu und fand nichts daran, denn allein Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf Dir hinfort nimmermehr keine Frucht. Und der Feigenbaum verdorrte alsobald." Wa« hatte der arme Feigenbaum verbrochen, für das er verantwortlich gemacht werden könnte? Oder 25, 41. „Und dann wird er auch sagen z« denen der Linken: Gehet hin von mir, Ihr Verfluchten, in da« ewige Feuer, da» bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln — und 46. Und sie werden inS ewige Feuer gehen. Wahrlich, genug der Stellen, die uns beweisen, daß wir die Ueberzeugungen der Christen der Grgenwart nicht bemesien dürfen nach den Aussprüchen des „neuen" Testaments. Wa» folgt yasgns? Ich könnte sagen und behaupten: Nein, die Bücher unseres Moses und der Propheten und die heiligen Schriften der JSraeliten enthalten nichts Sehnliche« und ich würde Recht behalten. Ihnen das zu erklären und zu beweisen, würde jedoch für diese Blätter zu weitläufig sein. Ich will darum der Kürze Wille» nur daS sagen: WaS es Großes und Erhabene», gibt in der ganzen sittlichen Wettordnung, eS findet sich ausgesprochen in den heillgen Schriften, welche die Israeliten als ihr heiliges, unantastbare« Erbe anerkennen. Lesen Sie den Decalog. oder nein, lesen Sie da« >9. Kap. des 3. Buch Mose«, lesen Sie die Psalmen, die Sprüche, Zesaia« und Jeremias und Äe staden Alles wieder, was z. B. die vielgerühmte Bergpredigt Erhabene« enthält. Wir — Judm — hatten genug mit diesen Schriften. Denn die religiöse Entwicklung, der Menschheit soll nicht allzusehr an dem Bnchstahen einer tobten Schrift angeschlofsen sen. Die Schrift, sie ist der Boden, auf welchem die Himmelsleiter der religiösen Entwicklung steht. In der Geschichte, im Leben, da soll das Wort sich klären und bewähren. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Die Religion darf «sicht stille stehen; sie steht nicht stille in ihrer Entwicklung, trotz der Bannsprüche aller Orthodoxe« aller Zeiten und Confrssionen. Die Religion ist die Blüthe im sittlichen und geistigen Leben der Menschheit; sie wächst und entfaltet sich mit der Culturentwicklung derselben. Nur die sittlichen Grund - elemente, wie sie in der Schrift niedergelegt sind, sind unantastbar, ewig. Aber die äußere Erscheinung wandelt und wechsett. DaS Judeuthum der Gegenwart, — es ist in seiner einfachen Gotteslehre, in seinen erhabenen GotteSgeboten das uralte, da« MoseS den JSraeliten als Erbe