Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 11 (1871)
- Issue
- 19 (10.5.1871)
- Date
- 1871-05-10
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 146 — Zehn I a - r e. Am 1. Mai 1861 erschien die erste Nummer de- „Israelitischen Lehrer." Also heute vor zehn Jahren! Der geehrte . Leser wolle sich mit uns einen Augenblick in di' Zeit vor zehn Jahren versehen. Der Knabe ist zum Jüngling, der Jüngling zum Manne geworden. der Mann sieht seine Haare erbleichen. Die Reihe der mir uns glrichstrebenden Genosten hat sich gelichtetz hier und dort ift einer ins Grab gesunken von denjenigen, die um uns her gestanden, die uns theuer warm; sie mögen im Allgemeinen ersetzt werden — unS sind sie unersetzlich! — Andere Zeiten, andere Ideen, andere Menschen! Wohl können die alten, .ewigen Ideen, roeW e die Menschheit innerlicb zusammenhasten, sich nimmermehr verändern, nicht schwinden; und doch kommen dazwischen neue Ideen und Anschauungen, die unS noch fremder erscheinen, als selbst die neuen Menschen. Die Anschauungen in und über Religion, Politik, Pädagogik baden sich auch in den letzten zehn Jahren in der Maste vielfach verändert; haben sie sich'geklärt oder getrübt? Sind die veränderten Anschauungen fortschrittliche, oder gar -- rückschrittliche? — — Wir überlassen die Beantwortung dieser ernsten Frage dem Nachdenken des geschätzten Lesers. Es komint eben dabei viel auf den Standpunkt an, den wir einnebmen, auf die ’« und Weise, wie wir die Menschen und Gr- : sch-innngen anzuschauen pflegen. Uns dünkt, als regiere jetzt nur der Erfolg; — doch brechen wir . ab! Nicht dem Allgemeinen, sondern nur dem „Jsr. j Lebrer" toll heute unsere -rückwärlö und vorwärts > schauende Betrachtung gelten, nack zehn! Jahren. Der „treue" Leser, welcher die zehn Jahrgänge des „isr- Lehrer" besitzt, wolle sich einen Augenblick die. Musie gönnen, darin zu blättern. Wird er sich dann eine Vorstellung davon machen können, was es , bedeuteit will, unter Sorgen und Kämpsen, unter tau-! sendiachen Nöthen und Aengsten, unter Dpfern und : Beschwerden eine solche Zeitschrift zehn Jahre 31t; erhalten? Ter „Israel. °ebrer" war von vornherein vorzüglich'dem Israel. Lehrerstand^ gewidmet. Dieser ist aber in seiner großen Mehrheit — man entschuldige! - kein reicher Stand. ES war also vorruSzusehen, dasi der Herausgeber einer Zeitschrift, die einem solchen Stande gewidmet ist, darin keine Quelle des Wohlstandes finden würde. ES war vorauszusehen, däsi bei.der geringen Zahl der jüdischen Lehrer ein Drgan sür dieselben nur eine geringe Zahl von Abonnenten haben würde, und daß nur die begeisternde Kraft, die in der Hingebung sür eine gute, ja große Sache liegt, üher diese Thatsache hinweghelfen werde. Der iSr. Lehrerstand ist aber auch außer der blasten materiellen Noth noch von „Anderem" bedrückt, und heimgesucht. Armuth und geistiger Druck! Sie schädigen die strebende Kraft, unterdrücken jedes edlere Gefühl für „Freiheit und Männerwürde," machen gleichqiltig gegen das Höhere und Edlere, ja selbst apathisch gegen die Hebung der eigenen persönlichen Verhältniste. Ein Stand, der in sich Anspruch und Berechtigung für eine freiere Entfaltung und bestere Gestaltung seiner Verhältniste trägt, wird stets diejenigen zu Gegnern haben, die ein Interesse daran haben, ihn in seiner Abhängigkeit zu erhalten; er wird der Gegenstand ihres steten Mißtrauens sein. Der arme, gedrückte, alle i n st eh endo Lehrer wird in der Bedrängniß des Augenblicks nickt daran zu denken den Muth haben, daß es auch eine Zukunft gibt; er wird sich beugen unter der Macht des Geschicks, d. b. der Männer und Gewalt, die sein augenblickliches Wohl und Wehe in Händen haben. Das sind die Hemmnisse, die dem „ISr. Lehrer" entgegenstanden, so daß nur eine verbältnißmäüig sehr kleine Zahl von Anhängern diesem von Anfang her und bis heute treu geblieben, und seinen Bestrebungen Gerechtigkeit wiedei fahren ließ. Mit diesen „wenig Getreuen" aber haben w'r unS dnrchgebolfen — b>S beute. Wer einen Einblick in die innere Geschichte dieses Blattes thun könnte, würde finden, wie schwer uns dies werden mußte. Es wird die Selbstachtung für ui,s und unser Streben durch die Kleinbut des Kreises, in dem wir Anerkennung gefunden, nicht bedingt. Im Gegentheil! Wir wisten, was wir wollen, und das große Ziel hebt uns hinweg über den theilweisen geringen Erfolg. Die enormen Spfer. die wir brachten, waren darum dock nicht umsonst und die Reinheit unserer Bestrebungen sichert uns die Zukunft: yom un:y n:my. Was hat der „Jsr. Lehrer" gewirkt und gefruchtet während dieser zehn ^>ahre? Er war der Mund des israelitischen Lehrer st andes. Wir haben ausgesprochen, was er will und wirkt, dieser gedrückte Stand, was er leistet und was er für seine Leistungen zu fordern berechtigt ist, was ihü drückt »nd beengt. Wir haben immer und immer wieder die Fahne des Standes hochgehaltehaben immer und immer wieder die Gemeinden und die es angebt darauf hingewiesen, was sie uns schuldig sind. Wir haben für das Recht eines jeden einzelnen Lehrers wie für das der Gesammtheit gleichmäßig gesprochen, geschrieben und einem Jeden das Wort gegönnt, der sich in seinem Rechte beeinträchtigt glaubte. Wir haben dem Einzelnen das Be-