Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 49 (7.12.1870)
- Date
- 1870-12-07
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 394 Wir haben derselben unsere Dienste mit aller - Hingebung, ohne irgendwelchen persönlichen Bortbeil, rein im Interesse der Sache gewidmet und beispielsweise noch in der erste Hälft? diese« Jahres nicht nur die Uebersetzung und Drucklegung, sondern auch die Versendung von nahezu l‘>,000 Exemplaren des Berichts vom 2. Semester 1869 kurz vor dem Ausbruche des Krieges vollendet. Wer es weiß, was das für einen vielbeschäftigten Lehrer und Herausgeber einer Zeitschrift heißt, w-r sich ein Bild davon machen kann, welchen Aufwand von. Zeit und Mühe die Verpackung und Versendung von ca 500 Postpaketen, Kreuzbandsendungen und Eisenbahnstücken nach allen Theilen Deutschlands, Oesterreichs, Ungarns und Rumäniens erfordert, der wird unS schon um deswillen das Recht zuzestehen, ein ernstes Wort in dieser heiligen Angelegenheit mitzusprechen. Von ar-deren Zeitschriften war es besonders die neuerstandcue .Israel. Wochenschrift", deren Redacleur Hr. vr. Tr-uenscls iu Stettin die Alliance in würdiger und aneikeunenswerther Weise unterstützte. Umsomehr erstaunten wir, in der jüngsten Nummer dieser Zeitschrift einen Artikel zu finden, welcher, wenn auch in bester Absicht geschrieben, dock die sämmtlichen bisher errungenen Erfolge der Alliance in Frage stellt, und welcher ganz dazu angelhan ist, das heilige Werk zerfallen zu lassen. Wir beeiden uns, den dort ausgesprcchenen, wenn auch von der Redaction nur theilweise zugestandenen Aeußerungen entgegenzutreten; denn, obwohl zur Zeit die ganze Angelegenheit leider' schlaien muß, io kann sie doch jeden Auge, blick, wieder in den Vordergrund treten, von ihrem nothgedrüngenen -Schlafe erwachen. Wir find nicht gewohnt, in diesen Blättern unsere politische An- Und „Äussicl ten" und unsere dürftige politische Weisheit als-pbytifche Orakel zu verkünden; wir scheuen uns, über Politik zu sprechen in einem Augenblicke, wo Mßkennung und Anfeindung die Folge sein könnte. Aber die Angelegenheit, die hier in Frage, ist, streift so nahe an Politik, daß wir nicht umhin können, -.inige Anschauungen in dieser Beziehung vorauszuschicken. Nun denn, trotz der fulminanten jüngsten Reden des jüdischen Propheten der neudeutschen Naticnalliberalen im Berliner Reichstage und gar vieler anderen deutsch. Vertrauensseligen zweiflen wir doch noch gar zu sehr, daß für Deutschland das goldene Zeitalter begonnen har, wenn wir Elsaß und Lothringenhaben; und daß „Frankreich verloren gegangen". Wir denken an Oesterreich, das eine größere Strecke Landes (Lombardei Venedig) verloren hat und dessen Stimme trotz vieler, langjähriger, innerer und äußerer Kämpfe, im europäischen Concerte noch jetzt die alte Geltung hat. Wir denken an Preußen 1806 und — 1813 und an Frankreich von 1789 1815 und später. Uns will es bedünken, als käme eben Alles nur auf die französ. Regierung nach dem Kriege an. Wenn Frankreich, durch die erschrecklichen Leiden der Gegenwart zur Erkenntniß seiner selbst gebracht, d-nn zu einer guten Regierung gelangt und die traurigen E'fabrungcn Mitwirken zur gründlichen Ausmerzung der napolconischen Schandwirthschaft, zur moralischen Wiedergeburt, so kann es schon nach einem Jahre, auch wenn Elsaß und Lothringen an Deutschland zurückkommen, sich innerlich desto kräftiger entfalten. Seine Bedeutung in Dingen, die diplomatisch verhandelt werden, wird ihm sicherlich ebenso wie seine Großn.aä tstellung bleibcn. — War es jedoch nur die politische Macht, die Frankreich als die geeignetste Statte der centralen Wirksamkeit der Alliance erscheinen läßt, oder ist es nickt vielmehr d as große Princip derGleichheit, welches in Frankreich so durchgreifend zur Geltung gekommen, das dort fick so tief ei,«gelebt, in allen stattlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu Fleisch und Blut geworden ist? Ist irgend ein anderer großer Staat Europa'« in dieser Beziehung mit Frankreich zu vergleichen? Werden andere Regierungen ebenso bereit sein, für die leidenden Juden eines entfernten Landes einzutreten , wie die verschiedensten Minister Frankreichs getban, wenn sich die Alliance durch ihr Centralcomile an sie wandte, und zwar trotzdem Crömieux.ihr bekannter und entschiedener politischer Gegner war? — Ich glaube, unsere neuesten Erlebnisse in der Feldgeistlichenafsaire sollten unö genüge, d belehren, was wir in Bezug auf Anerkennung des Judenthums in Deutschland zu gewärtigen haben. Wir glauben wohl annebmen zu dürfen, daß man den Juden jetzt nicht mehr, weder staatsbürgerliche noch politische Rechte vorenthalten wird. Aber dem Judenlhume gegenüber wird man sich hinter ein an sich wahres Princip der neuen Zeit verschanzen, das freilich eben dann nur für das Jndenthum Geltung bat, „freie Kircke im freiem Staate"; was der aufmerksame Beobachter auch in Süddeutschland,, wo man sich früher viel mehr in Angelegenheiten des JudenthumS einmifchte, schon, seit Jahren mehr und mehr verspüren kann; und in dieser Beziehung wird eS zweifelsohne nicht besser sondern schlimmer werden Dann aber kann uns die Macht Deutschlands wohl nichts nützen. Wir würden an keiner Regierung solche Stütz- und Anhaltspunkte finden, wie an der französischen, die sicherlich jetzt umsomehr Gelegenheit suchen wird, ihre Macht auf diplomatischen Wege wieder zu kräftigen. als sie durch militäiische Gewalt augenblicklich geschwächt wurde. Wir wollen noch darauf aufmerksam machen, daß in vielen orientalischen Gegenden auch später noch Frankreich und Oesterreich mehr Geltung haben wird,