Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 47 (23.11.1870)
- Date
- 1870-11-23
- Page
- Seite 384 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 384 — fort: , Kuddelmuddel! Kuddelmuddel!" das heißt so viel wie zusammengewürfelter Kram. Alles untereinander. Wenn man einen ArbeitSmann mit einem Rock unterm Arm gehen'sieht und es fragt ihn ein Anderer, wo er denselben gekauft habe, kann man der Antwort geniß sein: „Op de Juden-Börs'." Mütter, die ein Rudel Kinder haben und darum billig kaufen müssen, gehen „op de Juden-Börs'". Fabrikmädcken, Plätterinnen und Landbewvhnerinnen entnehmen ihren Putz „op de Juden-Börs'.". ,Sie hat die billigsten Kleidermagazine, die billigsten Mibelhandlungen. — Alles, was die schachernden Geister zum Verkauf besitzen, haben ste aufgestellt in sedem Winkel ihres Reviers, kein Platz ist unbesetzt und wo eine Stelle durch ein verkauftes Möbel leer geworden, oder wo noch irgend freie Aussicht über'den Kuddelmuddelberg vorhanden, werden die schreienden 'und /zappelnden Neinen Weltbürger hingepflanzt, das fckmutzpudelige Jsackcke oder Rebeckche mit den ungekämmten Rabenlocken, sie machen einen Heidenlärm den Tag über, üben sich im Heranrufen vorübergehender Käufer und ziehen sich so selber auf freier Straße zu Handelsleuten groß. Es ist wahr, ein solcher zwölfjähriger „Judenjunge" hat mehr LebenSproxis, mehr Weltklugbeit, als ein in Amt und Ehren grau gewordener Universitätsprofefsor. Girren Blick in unser Auge und er weiß, mit wem er eS zu tbun bat, welche Saiten er aufzuzieben, welche UeberredungSkünste er anzuwenden hat. Er bängt sich wie eine Klette an uns: er hält uns am Rockzipfel fest; schreit uns die Ohren von der Güte seiner Waaren voll. Diese letzteren sind immer „direkt aus Paris," oder „ganz neu auf der Leipziger Messe eingekauft," wir können uns nickt loSwinden von Ihren Händen, wir muffen zurück an ihre Waarenlaaeistätte, wir müsien Einsicht nehmen von Allem, was er „Neues" und „noch nie DageweseneS" hat und ist nichts darunter, was unsere-Kauflust erregt und unS den Beutel ziehen läßt, packt der langmüthige Schn Israels ruhig st inen Kram wieder zusammen, wirft Uns. einen uicktssagenden, gar nicht bösen, gar nicht unwilligen Blick zu, sondern kehrt unS nur den Rücken und probirt dasselbe Manöver an einer anderen Persop. <5in christlicher Hausirer würde hinter unS herschimpfen, ein jüdischer thut dies nie. Denn er verfolgt das richtige Princip. derselbe Mann, der mich beut nickt in Nabrung setzt, kann, erfreut durch die Bereitwilligkeit, mit ich der ihm meine Waaren gezeigt, ein ander. Mal doch etwas brauchen, waS mir ein Stück Geld einbringt. Auf der Hamburger Juhen-Börse kann manwirklich Lebensphilosopbie studiren. Wir haben es in ihren Insassen mit raffinirten Köpfen zu thun, sie beschummeln" vor unseren Augen, sie nennen die» nicht „betrügen," sondern sie versteh n darunter GeschästSproxiS. Sie kennen nur einen Lebensfactor, di« ist der Profit. Sie «ollen nichts geschenkt, sie wollen nichts unverdienter Weise haben. Sie geben Alles auf Zinsen. Sie rühren keine Hand an für Etwa», das chnen nichts einbringt; sie lieben nur die „kleinen Gefälligkeiten" und verlangen auch von ihrem Nächsten nichts BesiereS. Es drückt sie, bei erwiesenen Diensten ewig dankbare Schuldner zu bleiben, sie suchen fick abzufinden, je eher desto besser für ihre Ruhe. Sie wollen sich gefällig erweisen in allen Nöthen und Dingen, sie wollen „laufen durchs Feuer." — Armes Volks, wie viel bist du darum verlacht und verspottet worden! Du bist bester als dein Ruf. — Anzeigen. Literarische Todesanzeige Mit der Schwindsucht der Abonnentenzabl verj schied der theure „Jesckurun" nach schweren TodeSl kämpfen an Mattigkeit und Cachexie sang- und) klanglos. Weihen wir dem guten Papier und der - tbeuren Kupferschwärze ein dankbares Andenken und seinem unglücklichen polnischen Schöpfer an der Regnitz die wohlverdiente Lehre, nicht eber zu geben, bis man selbst etwas hat. Wenn wir auch schmerzlich bedauern, die erbauliche Ebararteristik unserer geachteten g«mei»dlicken Vertrauensmänner und an- * derer würdigen Gemeindemitglieder durch den Tod des schon lebendig verwesten und vermoderten „Jeschurun" einzubüßen, so trösten wir unS mit der erfreulichen Hoffnung, daß der weltberühmte Ge leerte das Publikum mit einer Badezeitung oder schlechtweg mit einem Mikwah-Dlatt beglücken wird, sollte es auch wie sein Doppelgänger „Jesckurun" so unglücklich sein, als Epbemeride im Sumpfe bald wieder unterzutauchrn. Lastet uns tief betrübt daö Grablied ansiimmen: „Nock ist Polen nicht verloren. Ein Enthusiast des selig entschlafenen Jeschmun. Briefkasten. i Herrn Lehrer 353. in Ein 353.: Es ist durchaus nickt ' ncibtq, daß auch Zbr Bruder ein Gesuck cinreiche, wenn es . von Zbiien geschoben. — Herrn Lehrer S. iw L. und Riw I C'A.: Ta auf allen Posten Bestellungen angenommen werden, so senden wir nickt gern Kreuzband unter Postnach- 1 nabme- K. . Verantwortliche Redaction und Verlag von Zosepb jrlingenstein, Lehrer zu Ingelheim. Für den Buchhandel in Ecmmission bei Lskar Lriner in Leipzig. — I. Eottleben's Buchdruckerei in Mainz.