Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 44 (2.11.1870)
- Date
- 1870-11-02
- Page
- Seite 358 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 358 — geschmiedet», vcn Perseus einem Seeungeheuer entrissen; ähnlich wie Hesivne von Hercules befreit wurde, indem er in den Rachen des Seeungeheuers sprang und drei Tage in besten Bauch verweilte. Die Taube (Jona) ist also da» Bild Israels. Durch die Berfelgung zerstreut, kommt dieses Volk, welches der Taube gleich bisher isolirt für sich gelebt batte, mit den anderen Völkern in Berührung, in die Hände derer getrieben^ welche eS verfolgt batten. Jona will nicht nach Ninive gehen; — Israel glaubt ein Recht und Gründe zu haben, die Berührung mit den anderen Völkern zu meiden. *) Gott aber ist der Gott der ganzen Welt und hat leine Lehre sür alle Menschen und Völker bestimmt, wie er seine Liebe über sie alle auSdehnt. Sturm und Verfolgung bringt Jona (Israel) daher dennoch in Gott zugewandter Absicht zu den anderen Völkern, Noth und Drang läutern seine Ideen. — Jona predigt nicht den Leuten von Ninive Ablegung deheidnischen Irr- und Aberglaubens, erzwingt keine GlaubenS-Bekebrung, keinen dogmatischen Glaubenswechsel, sondern fordert nur Besterung deS unsittlichen Lebenswandels. Wie vcrthkilhaft unterscheidet sich hier Israel von den Anhängern der anderen Religionen, welche ihr HauptunterscheidpngSmoment gerade im Glauben haben! Hieraus sind bei diesen religiöse Spaltungen, Verfolgungen und Kriege entstanden, welche Israel vermieden hat; hieraus erklärt sich bei diesen der propagandistische Glaukenseifer, welcher Israel fremd ist. — Niniveh bekehrt sich und bestert seinen Lebenswandel; Gott verzeiht der Stadt und wendet ihr feine Liebe und Gnade wieder zu. Denn Gott will nicht den Tod, nicht die Strafe, sondern die Besterung und das Leben des Sünders; er wendet sich daher dem Bußfertigen und Reumüthigen sofort und gern wieder zu, und zwar ohne Unterschied der Völker. Gott ist Vater aller Menschen. Alle sind Gottes Kinder. Diese Grundsätze zu verbreiten und zu lehren ist Jona (Israel) auSgesandt worden. Er nimmt den Schein an, als glaube er das Geg'entheil, halte Israel als daS bevorzugte und auSerwählte Volk Gottes allein für berechtigt zur Gnade und Liebe Gottes, wie die Religion ai» sein ausschließliches Eigenthum, die Völker aber, wie dem Aberglauben und der Sünde, so auch dem Tode und Untergänge verfallen. Tie Abgeschlossenheit, worin Israel von den Völkern lebt und gehalten wird, könnte solche verkehrte Anschauungen Hervorrufen. In Wahrheit sind sie Gott und dem Judenthum fremd. Denn Jona kennt den Zweck *) Die geickicktliche Erscheinung, daß Israel die politische und religiöse Verbindung der Völker oft suchte, tbut der ideellen Anschauung, daß Israel die Völker geistig überragt unddeßdalb religiös beeinfluffen soll, bier keinen Abbruch. seines Sendung noch Ninive; er weiß von der universellen Bestimmung seiner Religion. Er kennt auch die Lehren von der allgemeinen Liebe und Gnade Gottes und sagt (4, 2): »War daS nicht meine Rede, als ich noch in meinem Lande war, — darum kam ich zuvor, nach Tarsus zu stiehen, — daß ich wußte, Du seiest ein gnädiger und barmherziger Gott....?" DaS Buch Jona löst daher in schönster Weise die prophetische Aufgabe, die unverselle Bestimmung der israelittschen Religion zu lehren, wie die Einheit Gottes, so die des Menschengeschlechts und die Gleichber cktigung aller Menscken an der göttlichen Liebe*) zu predigen; zü predigen auch, daß der Werth .der Religion nicht im unverstandenen oder mißdeuteten Glauben, sondern im sittlichen Handeln liege, und daß Gott weit entfernt sei, nach Art der heidnischen Götter auf Rache zu sinnen, nach Reche zu dürsten, die er an dem unglücklichen Sünder nehmen möchte, sondern daß seine Gerechtigkeit nur Umkehr sordere vom bösen Wandel und seine Liebe dem reuniüthigen und gebesserten Sünder gern sich wieder zuwende. Dasür ist Israel an die Völker gesandt worden; es steht da als deren Lehrer und Priester, als deren Gesetzgeber und Prophet. Da» Buch Jena predigt nicht asketische Buße, ganz wie Jesaias in der Hophtara des Schacharith-Gebets am Versöhnungstage, und obwohl der König von Ninive ein allgemeines Lasten auSruft, so ist dieses nicht, wa» Gott verlangt, oder daS ihm genüzt (3,10). DaS Buch ist eine wahre Fundgrube echter ReligionSprincipien und wabrer Humanitätsreligion — in voller Uebereinstimmung mit den Grundsätzen und Lehren deS JudentbumS. Alzey. vr. R. Anzeigen. V a c a n z. > Die Stelle eines israelitischen Religionslehrer» und Vorsängers bei der hiesigen Gemeinde wird mit Ende d. I. vacant. Concurrenzfähige Bewerber wollen ihre deßfallsigen Gesuche längstens binnen vier Woche» bei dem Unterzeichneten israel. Vorstand anmelden, unter Einsendung ihrer Zeugnisse. — Der Gehalt be- *) Selbst die Pflanzen (Kikajon) und die Thierc (vcrgl. den Scklußvers) sind nickt ausgesckloffen.