Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 43 (26.10.1870)
- Date
- 1870-10-26
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432165--3133-4899413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 349 Ich habe mich bei den meisten Familien, in denen ich in Paris bekannt wurde, baldigst zu erkundigen gesucht, in welcher Art der Unterricht der Kinder geleitet wird. — Die Knaben über 9 Jahre waren meistens in den ColleaeS untergebracht, wo sie Unterricht, Kost und Wohnung erhielten. Manche, worunter meistens die für den Handelsstand Bestimmten, ließ man in den Pensionären erziehen. — Bei den Mädchen fand ich daS Besuchen der Pensionate seltener, weit seltener als in Deutschland und meistens nur da, wo die Eltern sich nicht Zeit nehmen konnten oder wollten, die Erziehung der Töchter zu überwachen. — Die Mädchenpensionate werden zumeist nur von Mädchen aus den Provinzen und dem Auslande besucht. Als beliebtesten und am allgemeinsten verbreiteten UnterrichtSgang, hauptsächlich für Mädchen und für kleinere Knaben, welche die obigen Anstalten nicht besuchen, ward mir daS Systeme des, cours bezeichnet, wo der Hauptunterricht sich auf einen wöchentlich 2 Mal 2stündigen Schulbesuch erstreckt. — , Ich beschloß nun, um die Sache kennen zu lernen, eine mir befreundete Dame zum Unterrichte ihres kleinen Sohnes zu begleiten. — Wir traten in einen langen freundlichen Saal, wo sich außer dem großen Tisch und den Stühlen für die Kinder, längs der Wände gepolsterte Bänke für die begleitenden Mütter oder Lehrerinnen befanden. — Die Zahl der Kinder betrug 11 oder 12, mehr Mädchen als Knaben, alle nicht über 10 Jahre. — Der Unterricht begann mit dem Abhören eines kleinen Gedichtes, daS von den Kindern in Prosa wieder gegeben wurde und dem eine genaue Erklärung der einzelnen Wörter folgte. — Nach diesem kam Abfragen aus dem erlernten Ka-. pjtel der Geschichte, daS zufällig die Jugend von CyruS enthielt, welcher Stoff benützt ward, um an der Tafel Sätze über Futur und Conditionnel niederzuschreiben, eine Arbeit, die von den Schülern selbst gcgengenseitig verbessert werden mußte. — In der Geographie kamen die Flüffe Europa'S zur Sprache und bezeichneten die Kinder die Richtung deö Laufes an der Tafel. — Ich fand überhaupt, daß der Lehrer sein Hauptaugenmerk darauf richtete de faire travailler l’intelligence ein Ausdruck, der etwa mit dem deutschen Begriffe „die Geistesregsamkeit zu wecken" — zusammenfallen dürfte und den Unterricht möglichst anschaulich zu machen. — Die Lebhaftigkeit, mit der Kinder und Erwachsene folgten, war der beste Beweis des Gelingens. — Zum Schlüsse gab es Aufgaben, die von den Kindern und Müttern genau niedergeschriebcn wurden. - — Die Zahl der Aufgaben schien mir . sehr groß und der Stoff zu schwer, um für das Selbststudium der Kinder berechnet;u fein; doch ward mir entgegnet, daß die Arbeit zu Hause nochmals einen vollständigen Unterricht erheischt, der entweder von den Eltern, falls sie die Zeit uyd Fähigkeit besttzen oder von einer institutrics geleitet wird. — Ich besuchte die UnterrichtScours öfter und fand mich jedes Mal angenehm berührt von den, sichtlichen Fortschritten, die in allen Fächern gemacht wurden. Ein äietä von Zeit zu Zeit war der Gegenstand, nach dem der Lehrer Plätze und Noten vertheilte. Die Unterrichtszeit vauert vom Monate Dezember bis zum Monate Mai incl., während die Sommerzeit frei gegeben ist. Im nächsten Winter wird, der ganze Unterricht des vorhergegangenen Jahres in raschen Zügen wiederholt, ehe an Erweiterung und Forschreiten gegangen wird. — Obgleich jede Lehrstunde ein Examen ist, so findet am Ende des Semesters immer eine besondere Prüfung statt. — Mädchen von besonderer Begabung setzen ihren Stolz darin, nach vollständig zurückgelegter Lernzeit, etwa im Alter von 15 —16 Jahren ein öffentliches Examen zu bestehen. — Die Handelswissenschaftist gleichfalls ein verbreiteter Unterricht für Mädchen, und ebenfalls durch daS System <le cours, scwie auch in Gesang und Musik auf diesem Wege vorzügliche Resultat, erzielt werden. — Ein ernlleS Zusammenwirken zwischen Schule und HauS ist dabei natürlich unbedingt nötbig, um dem Gange richtig zu folgen. Daß sich Kinder verschiedener Konfessionen an allem Unterrichte betheiligen, ist selbstverständlich, ebenso daß der Religionsunterricht eine unabhängige Sache bildet, die dem Willen der Eltern überlassen bleibt. —-Vielleicht werde ich Ihnen demnächst, wenn Sie cS erlauben, noch über andere UnterrichtSansialten berichten ^können. i. Stuttgart, 16. Oct. Die israelitische Centralkirchenkasse deS Landes hatte im Verwaltungsjahr 1866—69 einschließlich eine- Zuschusses der Slaatsbanptkasse von 9600 st., eine laufende Einnahme von - 22054 fl. 56 kr., biwunrer ,5709 fl. 6 kr. Personalsteuer, 3614 fl. 3 kr. Rabbinatsbesoldungsbeträze und 3129 fl. 17 kr. Zinseill, wocgegen nch die lautenden Ausgaben auf 1988-j: fl. 54 kr. berechneten, hierunter 10470 fl. Rabbiniatsbesoldungen, 3150 fl. 48 kr. AusncktS- und VerwalrungSkosten, 3098 fl. 6 kr. Gehaltsaufbesserungen fstr Lehrer und Vorsänger, 500 fl. Unterstützungen an Rabbinato- und SchulamtSzöglinge uns 358 st 30 kr. Unterstützungen an Gewerbelebilinge. Das,Vermögen der Kasse belief sich 'am 30. Juni 1869 auf 76230 fl. 34 kr., biernnler 73095 fl. 41 kr. Kapitalien,. Brzesko, 14. Oct.! In der „N. fr. Presse' veröffentlicht der Vorstand der ior. Genicinde folgende Klage: „Die Judenkrawalllj haben in Galizien solche l