Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 — Werden der religiösen Gebräuche und Institutionen, von der stetigen Umgestaltung des Religionslebens, von dem Auf- und Absteigen in der Entwicklung der religiösen Formen. All das, was wir da sagen könnten, ist schon hundertmal und zwar oft weit bester gesagt worden, als wir es vermöchten; selbst von den tonangebenden Männern derjenigen religiösen Richtung im Zudenthume, die heute ihren Standpunkt und ihre Aufgabe mißkennt und. uns vor solche Fragen stellt, uns gleichsam nöthigend, mit unseren Anschauungen und divergirenden Ansichten hervorzutreten. Das Judenthum kann sich seiner Cercmonien, kann sich seiner Aeußerlichkeiten nimmermehr entschlagen; aber es kann auch nicht daö zu erhalten streben, was nur eine-Erscheinung einer Zeitidee war und gerade darum dem Zcitenstrome, anderen Zeitideen nicht widerstehen kann. Wit sie kamen, diese tausend verwickelte und uvdefinirbare Formen, die wohl bei ihrem Erscheinen auch Kämpfe hervorgerufen, so sind sie gegangen, als man andere Anschauungen von der Würde,- Bedeutung und Aufgabe des Zudenthums bekam. Nimmermehr darf aber an die' absterbenden und vernachlässigten Formen ein anderer Maaßstab angelegt werden, als nur das Bestehen, die Würde und die Aufgabe des Judenthums selbst. Dir Gründe, die uns zum Aufgeben. einzelner bisher heilig gehaltenener Institutionen veranlassen könnten, dürfen nicht außerhalb der israelitischen Kreise gesucht werden, sie dürfen eben nur religiöse sein und ihr Zweck muß sein: die.Er Haltung derReligion. Prüfen wir nun das Verhalten der Orthodoxie in der Gegenwart gegenüber diesen Behauptungen. (Schluß folgt.) Das ^rincip der Sparsamkett in der Bolksjchute. (Schluß.) Hat so der gewisienbaste Lehrer in und bei seinem Unterrichte das Gesetz der Sparsamkeit wohl zu beachten, so muß er dasselbe nicht minder bei seiner Disziplill berücksichtigen. — Disziplin ist Aufrechterhaltung der Schulordnung; die -Schulordnung besteht in oer Unterordnung des KindeS unter den Lehrerwiüen; der Lehrerwille manifestirt sich im Gesetz, im Ge- und Verbot. Schon hier ist die Mahnung zur Sparsamkeit vollberechtigt. Viele Erzieher sind zu verschwenderisch mit ihren Gesetzen. Nicht bloS, daß alle Augenblicke ein neues Gebot ergeht, welches möglicherweise das frühere aushebt oder mindestens beschränkt, sondern man überlegt auch nicht einmal vorher,, ob das zu erlassende Gesetz konsequent'durchgeführt zu werden vermag. WaS ist natürlicher, als baß das Kind sich einfach über alle Gebote wegsetzt und seinem eigenen Willen folgt! — Bleie Lehrer verbinden mit dem von ihnen ausgehenden Gebote zugleich eine Drohung im Nichtbeachtungsfalle. Wenn schon dies ganze Verfahren als nicht recht angemessen! erscheinen will, da denn dock erst abzuwarten ist, | wie das Kind sich zu dem Gesetze stellt, so muß doch, i wenn einmal davon nicht abgegangen werden soll, j zur größten Sparsamkeit ermahnt werden. Wie viel und wie fürchterlich wird nicht gedroht! Hinterdrein merkt der Lehrer aber selbst, daß die Ausführung der Drohung entweder unpsychologisch und unpädagogisch oder doch mindestens ihm selbst höchst unbeqnem sein würd , und die Ueberschreitung des betr. Gesetzes bleibt ungeahndet. Wie nahe liegt es für das Kind, auch In anderen Fällen auf die Inkonsequenz des Lehrers zu rechnen oder ihn dann, wenn doch die Drohung einmal zur Ausführung konimt, der Ungerechtigkeit zu zeihen! Also sei man sparsam mit den Geboten, sparsam mit den Drohungen. Wenn aber einmal ein Gebot gegeben, eine Drohung daran geknüpft ist, so muß das Gebot unantastbar feststehen, so muß die Drohung unabänderlich verwirklicht werden! Dem Verhalten des Kindeö gemäß knüpft sich an daö Ge- oder Verbot des Lehrers Lob und Auszeichnung, oder Tadel und Strafe. Auch hier ist weise Sparsamkeit am Platz«. Wie man das Gewürz mit Maß der Speise zusetzen muß, so halte man Maß mit Lob und Auszeichnung: beides macht das Kind leicht schlaff und träge. Ich sage nicht, daß gar nicht gelobt werden soll, aber ich meine, daß man das Kind auch durch die Fassung des Lobes zu immer weiterem Streben anregen müsse. In gleicher Weise ist bei Tadel und Strafe größere Sparsamkeit anzuempfeblen. Oft sind die Fehler der Art, daß sie in einem Vorzüge wurzeln und mit dem Fehler der Vorzug vernichtet wird. Ost mit Tugenden verwachsen ist ein Fehler, Und dulden mußt du ibn, sonst machst du-jene schmäler! Schmidt sagt: „An den Maikäfern im Frühlinge der Natur sollte der Mensch lernen mit den Kindern im Frühlinge des Lebens umzugehen. Wenn der Mensch den Blüthenbaum schüttelt, .um die Maikäfer herunterzuschütteln, so schüttelt er mehr Blüthen als Kä'er ab. So soll der Mensch auch an dem Kinde nickt zu sehr rütteln, um ein paar summende Maikäfer von kleinen Unarten herunterzuschüttcln: er schüttelt vom jungen Blüthenbäumchen für einen -Maikäfer 20 Blüthenflocken herunter." — Und wenn Tadel und Straf« nickt unigangen werden kann, so sei dock der Erzieber im Tadeln und Strafen sparsam. Wo ein Blick genügt, bedarf es keines Wortes; wo ein Wort ausreicht, ist keine Strafe nötbig; wo eine