Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 33 (17.8.1870)
- Date
- 1870-08-17
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
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— 271 hingehen mag, ehe dieser feine volle Bewährung ge» funden. Darum lebt denn auch, während Heidenthum und Wahrsagerkunst (in der civilistrten Welt wenigstens) dem Tode anhsimgefällen, der Prophetismus sammt dem Judenthum unvergänglich fort, da, wenngleich der Seher Mund seit lange verstummt, ihres Geistes Blitze «nverlöschlich der Menschheit leuchten, und der Kernpunkt all deren Ringens und Strebend inseinem Wesen nichts Anderes ist, als waS jene mit so beredter Zunge und gewandtem Griffel in grauer Vorzeit ihr vorgezeichnet. War nun durch das Prophetenthum, diese, wie allgemein zugestandrn wird, in ihrer Art einzig dastehende iSrael. Institution, für das ideale, geistig-sittliche Bedürsniß in vorzüglichem Maaße gesorgt, so konnte, da ja daS materielle Leben täglich seine Anforderungen stellte, und man auch hier in bedeutungsvollen Fällen nicht nach eigener Willkür, sondern nach dem göttlichen Willen verfahren sollte, eö nicht umgangen werden, auch andere Formen für die Vernehmung des GotteSsprucheS zu sanctioniren, und ließ eS sich der MosaismuS nur angelegen sein, hier dem Wahnglaubrn und Betrüge Thür und Thor zu versperren, sowie auch jene dadurch vor Profanirung zu bewahren, daß sie bloß für allgemeine Zwecke (Volk, Fürst, Obrigkeit betreffend, s. Joma 71 b. u. 73 b.) in Anspruch genommen werden sollten. Den ersten Rang unter diesen anderweitigen Gottesstimmen nehmen nun unstreitig die Urim und Thummim (= fiidjt und Wahrheit) im Drustschilde des Hohenpriesters ein, der, mit seinem vollen Priesterornate geschmückt und von dem gewichtigen Gegenstände, über den er befragt ward, in feierlich-gehobene Stimmung versetzt, aus j nen—* von denen wir freilich nicht wissen, ob sie etwas mehr Concrekes oder Abstractes, Reelles oder Symbolisches darstellten — daS für den vorliegenden Fall Richtige oder Räthllche ersah und (ganz verschieden von den heidnischen Orakelsprüchen) in unzweideutiger, kürzester und bestimmtester Weise ausdrückte (so: Richter 1, 2. 20, 1-8. 23. 29. Sam. I. 23, 2. 4. 11. 12. 30. 8. II 2, 1. 5, 19. 23. 24. 21, 1.). Die Nothwendigkeit dieser Veranstaltung mußte wohl um so dringender erscheinen, als nicht vorauszusehen war, daß zu jeder Zeit und an jeglichem Orte, da man im allgemeinen Jntereffe Rath zu holen hätte, Propheten, zumal beglaubigte und anerkannte, ztzr Stelle sein würden, und demnach zu befürchten stand, daß, in Ermangelung gesetzmäßig zu erlängender Auskunft, man, wie Saul'S Beispiel (Sam. I. 28) zeigt, zu gesetzwidriger Befriedigung seines Verlangens schreiten oder gar (s. Kön. H. 1. 2) zu den heidnischen Orakeln senden und, abgesehen von der darin schon implicirten Anerkennung des fremden Gottes, auch zu direkter Bethätigung de« GöhettglaubenS geführt werden könnte. *) Unter den sonst in alter Zeit üblichen AuSkunftSmitteln zur Erkundung verborgener oder künftiger Dinge erschien dem MosaiSmus da^ LooSwerfen am unverfänglichsten, und wird daffelbe sowohl bei religiösen Acten, wie am Versöhnungstage zum Entscheid zwischen den beiden Sündenböcken, als bei Criminalfällen, wie bei Achan und Jonathan (s. Jos. 7 und I. Sam. 14), als auch endlich bei Theilungen, insbesondere der des Landes Kanaan nach Israels Stämmen, Geschlechtern und Familien (indeß hier, da ausdrücklich wiederholt bemerkt wird, daß man nach Ver» hältniß der größeren oder geringeren Personenzahl auch deren Antheil bemeffen solle, höchst wahrscheinlich , wie Abarbanell wohl richtig bemerkt, nur, um die Lage der einem jeden von jenen zuzutheilenden Parzelle festzustellen) angewendet. Mag man nun über die Zuverlässigkeit der hierdurch erzielten Entscheidung günstiger oder ungünstiger denken und urtheilen, so viel steht wohl ohne Zweifel fest, daß in dem Loosen jedenfalls die unschuldigste Manipulation unter den damals und auch.später (man denke an die Ordalien, Waffer-, Feuerproben, u. dergl. m.) gebräucklich gewesenen gewählt war; und ziehen wir nun nach dem hier Beiaebrackten das Gesammtfacit über den vorliegenden Gegenstand, so kann dies kein anderes sein, als: Wäbrend das Heidenthum, wie eö sein auf Raivetät und Phantasie, zugleich aber auch auf Hinterlist und Heuchelei basirter Charakter mit sich brachte, in all' seine Orakel und Wahrsageikünste unsäglich viel' Gaukelei, Schein und Trug einmischte und brk dem absoluten Ueberwieg'N der materiellen Gesichtspunkte den Idealen äußerst wenig Spielraum ließ, begünstigte dagegen das Judenthum,' seiner entgegengesetzten Natur entsprechend, .daS Ideale in eminenter, der Menschheit bis an'S Ende der Tage zu Gute kommender Weise (Prophetismus), ohne darum de» realen Bedürfnissen des Momente» — hiebei jedoch den Forderungen der Wahrhaftigkeit mit möglichster Gewissenhaitigkrit gerecht zu werden trachtend — etwas Wesentliches zu entziehen. DaS wahrheitsgetreueste Symbol für diesen Thatbestand ist das Choschen auf des Hohenpriesters Brüsk, welches, „Licht *) Ist doch der Opfercultus überhaupt, deffen höchster Diener auch der Verkünder jener Gotlessprüche war, wahrscheinlich mehr eine Eoncession des Moiaismus an den Zeitgeist, der sich ohne jenen keinen Gottesdienst denken konnte, als ein Erforderniß seines eigenen Princips, und als das geeignetste Borbeugungsmittel (s. 1'evit. 17, 7beliebt, um die illegalen Opfergabe» voll ISrael fernzuhalten. — Eine schon>von Maiill. (Mor. Reb. m, 32) nach der Auffassung sowohl seiner Anhänger als seiner Gegner vorgetragene, wiewobi von manchen Cominentätoren, wie Mos Narbon., als in seinenÄorten nickt liegend zurückgewiesene Ansicht.