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Der israelitische Lehrer · 1870-08-10 · 32 (10.8.1870) · p. Seite 263

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
32 (10.8.1870)
Date
1870-08-10
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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— 263 — Feuilleton. Hleöer die heidnischen und Israel. Orakel im Atterthum, ihren Ursprung und Werth. Don Dr. M. Stern in Berlin. Gleichwie man noch leine Nation auf Erden gefunden, welche nicht irgend eine Ahnung und ihr gemäße Anbetung der Gottheit gehabt hätte, mochten beide noch so roh und kindisch sich ausnehmen, also dürfte es auch kaum je ein Volk gegeben haben, in dessen Mitte nicht der Drang nach Erforschung der zukünftigen Begebnisse, sei es im Interesse der Einzelnen, sei es (besonders) in dem der Gesammthe't sich lebendig bekundet hätte. Diese beiden Momente des Menschengeistes, so fern sie einander zu liegen scheinen, haben doch bei tieferem Einblick unverkennbar darin ihren Concidenzpunkt, daß sie gemeinsam dem Streben der menschlichen Seele nach dem Idealen und Erhabenen ihren Ursprung verdanken, und nur mit der erheblichen Modification, daß das GotteSbewußtsein ein ihr durchaus unentbehrliches ist, ohne welches sie sich selbst gar nicht zu begreifen und entfalten vermag, weshalb auch jeder intelletuelle Fortschritt zu höherer Einsicht und Vernunft unwiederbringlich zur Läuterung des Gottesbegriffs und der Ihm gebührenden Verehrung führt, — der Hang zur Ergründung der Zukunft hingegen ähr keineswegs wesentlich immanent ist, vielmehr nnr um ihres Zusammenhanges willen mit den realen Verhältnissen draußen, also accidentiell, ihr beiwohnt, und sie daher einen gar hohen Grad der Entwickelung ihrer m mnigfachen Kräfte und Fähigkeiten erreichen kann, ohne die Potenz, in die Zukunft zu schauen, auch nur um ein Geringes gefördert zu haben. Das demnach unabweisbare religiöse Bedürfniß des menschlichen Gemüths hat sich denn auch, wie allbekannt, auf allen Stufen seiner Bildung und Gesittung einen dieser entsprechenden Ausdruck im CultuS geschaffen, und kaum dürfte die Jakobsleiter so viele Sprossen ent- - halten, als von der stupiden Anbetung des Fetisch oder ekelhafter Thiere bis zum rationell n Theismus und reinsten Monotheismus hinauf Stufen der Erkenntniß und Verehrung Gottes unter den Menschen vorhanden waren und sind. Ist nun auch nicht zu leugnen, daß, wie mit allen im Bereich des Menschlichen liegenden Objecten, auch mit der Religion, ja mit ihr ganz besonders, weil sie eben des Menschen ganzes innerstes Wesen aussüllt, unsäglicher Mißbrauch getrieben und durch damit verbundenen Eigennutz. Ehrgeiz, Fanatismus u. dgl. unendlich viel Leid und Wehe in die Menschrnwrlt geschleudert worden, so bleibt -gleichwohl die gegenüberftehende Wahrheit unangetastet, daß Intelligenz und Moral, wenn nicht überhaupt ohne Religiosität undenkbar, dock sicher in ihr ihren mächtigsten Hebel gefunden, mittelst deffen sie im Laufe der Zeiten auf eint unvergleichlich höhere Stufe rmporgehoben wurden. Hat doch selbst die dem grausigen ObscurantiSmuS des Mittelalters entquollene Institution des Klosterlebens und Mönchtbum« durch Erhaltung und Vervielfältigung der klassischen Schätz« des AlterthumS dem Wiedererwachen wissenschaftlichen Geistes und Strebenseit dem Beginn der Neuzeit mächtig vorangearbeitet, und hat unstreitig — trotz Menschenopfer, BachuS- und Mylittendienst, Jnquisitionsttibunalenrc. — kein Factor der menschlichen Gesellschaft, nicht Philosophie, nicht Kunst, nicht Industrie und Handel, den Sinn der Men'chen für Gerechtigkeit. Milde und Humanität allmälig so eröffne», als die in der Religion wurzelnde Furcht vor, Lieb« zu und Zuversicht auf die Gottheit. — Die nahe Verwandtschaft nun, in welcher das Verlangen der Menschen nach Lüftung des die Zukuft verdeckenden Schleiers mit ihrer Beziehung zum Göttlichen steht, tritt schon darin zu Tage, daß von der Urzeit her die dem letzteren besonders geweihten Diener: Priester und Seher, vorzüglich zur Verkündigung der kommenden Dinge in Anspruch genommen wurden, und die Opferstätten : Tempel, Heine und Höhen, auch die Orte waren, an denen man sich über den erhofften oder gefürchteten Eintritt jener Belehrung holte. Bei dem tiefen Dunkel aber, daö der menschliche Blick hierzn durchdringen wagte, koynte eS nicht fehlen, daß eine große Zahl mystischer Hilfsmittel zu seiner Erhellung ersonnen wurde; bald sollten die Eingeweide der Opferthiere, bald der Flug heiliger Vögel, bald die Stellung der Gestirne, und selbst hundertfache andere geringfügigere Dinge, wie Stäbe, Würfel oder Loose, die geworfen wurden, die Andeutung geben ja auch die Tobten mußten he,halten und durch das Zauberwort des Beschwörers citirt auf die an sie gerichteten Fragen, Rede stehen. Wie oft die mittelst solcher Kunstgriffe erzielten Antworten der Wahrheit entsprachen, und sie sich, wie bei der Todtenbefragerin zu Eador (I. Sam. 28), 'mit Recht als Wahrsagungen bezeichnen konnten, darüber ist speciell zu wenig bekannt, um ein entschiedenes Urtheil in Betreff des Werthe« derselben zu fällen; daß e» aber^wenn es eintraf, mehr ein glückliches Erratben als Wiffen des Zukünftigen gewesen, (wozu auch unsere heutigen Wahrsager, Wetter- und sonstige Propheten eine passende Illustration bieten), läßt sich schon aus dem Mißkredit entnehmen, in den sie mit der Zeit bei den Einsichtigeren verfallen waren, so daß Cicero mit unverkennbarer Ironie berichten kann, daß zu seiner Zeit ein Augur den anderen nicht ohne zu lächeln anzusehen vermochte; noch sicherer indeß aus

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