Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 2 ir - sende Mitbürger im Vertraue» auf sein Recht, geschützt zu werden, beansprucht, keinen Einfluß auf die verhärteten Gemüther der ruchlosen Schaar? Hielt sie kein Gott zurück, die Heiligkeit de« Schlafe«. die Ruhe ihrer wehrlosen Brüder ruchlo« zu^ stören? Vielleicht mochte der Anführer an der Spitze -twaS derart fürchten, denn er schritt voraus, auf das Haus Bella'S zu, indem er zugleich die Genossen mit fanatischen Worten harranguirte. Während dies am einen - Ende der Straße vor sich ging, zeigte das andere Ende, das auf das offene Feld hinauSging, ein anderes Bild. Ein bedeckter Wagen stand hier, mit zwei starken Pferden bespannt, die von dem Vater der verstorbenen Klara gehalten wurden. Vom Felde her aber kam ganz leise eine berittene Schaar, die Soldaten des Fürsten. Sie hatten die Füße der Pferde umwickelt, und ritten nun auf dem entgegengesetzten Wege dem rohen Gesindel entgegen. Eben hatte Pater Anton selbst zuerst mit einem Knittel an die wohlverschloffene Thüre des Hauses der Wittwe Bella geklopft, als eine herrische Stimme „Halt" rief und — der Fürst mit seinen Soldaten stand dem Haufen gegenüber. Erschreckt wich dieser zurück, Einzelne machten bereits Mienen zum Rückzug, als der Fürst rief: „Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier in der Nacht, an der Thüre meiner Schutzbefohlenen?^ Auch Pater Anton wich zuerst einen Schritt zurück, da« lag außer seiner Berechnung. Er hatte geglaubt, der Fürst weile jetzt mit seiner kleinen Soldatenschaar weit ab beim Feinde und nun stand er hier, ihm gegenüber. „Aha*, sagte er, „Verrath! Nun denn, Freunde, drauf, im Namen der Kirche gegen die Feinde der Kirche. Und Ihr, Soldaten, wollt Ihr sür elende Juden fechten?" Diebetrunkene fanatistrte Schaar seiner Anhänger drang nach diesen Worten wirklich wieder einige Schritte vor, nachdem der erste Schrecken vorüber war. Einer derselben schlug sogar mit seinem Beile gegen das verriegelt« Thor, daß es auseinanderflog — da stand Bella mit ihrer T o ch t e r, zur Reise gerüstet. Die verruchte Schaar wollte gegen die wehrlosen Frauen vorrücken, da rief die Stimme de« Fürsten nochmals: „Halt, oder ich gebe Feuer," „So schieß zu" rief der entmenschte, vor Wuth und Aufregung außer sich gebrachte Pater und stürzte sich auf Bella. In diesem Augenblicke fiel ein Schuß — Pater Anton wankte und fiel — das Gesindel stob auseinander. Im gleichen Augenblicke kamen aus einer Nebenstraße einige Männer, welche eine Bahre trugen, an ihrer Spitze Pater Dominian. Er schritt alsbald auf Pater Anton zu, hob die Decke von der Bahre und stützte die Gestalt, die auf derselben lag. „Kennt Ihr diesen" sprach er mit bebender Stimme zu Pater Anton. Dieser erhob seinen Kopf; Todesschmerz und Wuth blickten auS seinen Augen. „Jetzt," sagte er mit einer Stimme, in der bereits das Todesröcheln stch pernehmen ließ, „jetzt weiß ich, wer der Verräther war. So belohnst Du die L i e b e der Kirche! O, ich Blinder! Und du nun. — ein höhnisches Grinsen zitterte über dem Gesichte des Sterbenden, — so gehe denn hin, Verräther! Da seid Ihr ja hübsch beinander, die Mutter Bella, der Vater Jacob, die Tochter und der Sohn! Fluch über Euch Alle — I u d>n I. Seine Seele entfloh. ... ... . Bei diesen Worten des Paters stürzte Frau Bella auf Pater Dominian und die Bahre zu. Sie schaute auf das Auge des so lange im Kerker Schmachtenden, in das Auge des entzückten Paters Dominian. Die Natur trat ein in ihr heiliges Recht; waS jetzt geschah, brauchen wir weiter nicht zu schildern. Unsere Feder wäre auch zu schwach. Der Sohn war der Retter seiner Eltern und seines Volkes gewordeü. In dem bereitstehenden Wagen stiegen die selig Beglückten, die Wiedervereinigten. Unter dem Schutze des Fürsten fuhren sie in eine nahe Stadt und dann, als der Vater sich erholt hatte', in das Land der Freiheit, in den fernen Westm. — Dort lebten sie, als fromme Israeliten, vereint in Liebe — —. Als der Fürst im Kriege fiel, zogen auch die andern Israeliten aus dem Städtchen. Six. wollten nicht da wohnen, wo sie, wäre ihnen nicht wie durch ein Wunder ein Retter erschienen, dem Fanatismus zum Opfer gefalle» wären. Gras wächst in dem verödeten Städtchen und das Zrmlichste unsauberste Gesindel hält sich in der einstigen Judengasse auf. Noch bis auf heute wohnt dort kxin Jude und die Cultur des Ortes ist weit zurück geblieben gegen das frische, freie Leben, das sich anderwärts und in den Nachbarorten entfaltet. Noch heut«! aber gedenken die Nachkommen der von dort Ausgezogenen des Pater Anton — und des Retters, dessen Nachkommen im fernen Westen sich eine glückliche freie Heimath gründeten.