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Der israelitische Lehrer · 1870-07-20 · 29 (20.7.1870) · p. Seite 237

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
29 (20.7.1870)
Date
1870-07-20
Page
Seite 237 (sequence 5)
Language
German
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— 237 — i Wochenbericht. Bielefeld, 1. Juli. Vor einigen Tagen starb hier der Lehrer Heine in Herford. Er verschied nach langem Leiden im 55. Jahre seines Lebens. Die Bethelligung an der Beerdigungsfeier, namentlich auch von den Lehrern aller Confesstonen, war eine allgemeine. Blumenau von hier sprach an dem Grabe deS Freundes und Collegen warme Worte — einen würdigen Nachruf für einen würdigen Collegen (Heine war seit etwa 1 Jahre Mitglied der Achawa. Red.) Breslau, 4. Juli. Ein wahrhaft -tragisches Geschick hat den heute beerdigten KreiSrichter I os ep h Landsberger auS Trebnitz betroffen. Derselbe war seit mehr al» 12 Jahren unbesoldeter Affeffor (er gehörte der jüdischen Confession an); er genoß als solcher schon längere Zeit das zweifelhafte Glück, der älteste Affeffor in der Monarchie zu sein. Seine Anciennität datirte vom 15. März 1858! Nach den bis vor kurzer Zeit bei den Appellationsgerichten und im Ministerium herrschenden Anschauungen sollte bekanntlich ein Jude nicht Richter werden. Dem Justizminister Leonhard gebührt daS Verdienst, denjenigen VerfaffungSartikel, der cken entgegengesetzten Grundsatz aufstellt, auch ssdtzfÜsche Geltung verschafft zu haben. So wurde auch Landderger endlich nach zwölfjährigem Harren, lyährend welcher Zeit er bei dem hiesigen Kreiszerichte lhätig gewesen ist, vom 1. Juli c. ab zum KreiSrichter in Trebnitz ernannt, und am folgenden Tage war er todt! (Volksztg.) DaS ist eine Geschichte, die das ganze große Weh Judas in der Gegenwart in einem ergreifenden Bilde zur Anschauung bringt. Red. Mecklenburg - Schwerin Herr Moritz WiggerS hat von dem ihm von den isr. Gemeinden des Landes, zur Feier des Bundesgesetzes wegen Gleichberechtigung der Confesstonen, zur Verfügung gestellten Fonds, 400 Thlr. dem Arbeiter-BüdungS-Verein zu Rostock mit der Bestimmung für Unterrichtszwecke überwiesen. Einer unter Führung des Dr. Brunnengräber vom Verein an ibn gesandten Deputation, welche den Dank für diese Gabe aussprach, erwiderte er, daß er von den gesammelten Geldern keinen bessern Gebrauch machen zu können glaubte, als wenn er sic zur Förderung der Bildung verwende, da gerade in dem Mangel an Bildung die politische Unterdrückung der einen Religionspartei durch die andere ihre Wurzel habe. Wien' Graf Beuft hat zum Baue einer Synagoge in Jerusalem 100 fl. geschenkt. Lemberg. 9. Juli. Am Donnerstag und Freitag ist es hier nach Wiener Blättern zu argen, Exseffen gegen die israelitische Bevölkerung gekommen. In der Judengasse sind eine Anzahl Scheiben zertrümmert. Selbst Leute von der befferen Classe haben auf Juden eingebauen. Zwei Schänken wurden geplündert. Auf dem Krakauer Platze ist eS besonders blutig zugegangen. Militärisches Einschreiten stellte die Ruhe her. Aufrufe Smolka's rathen von Gewaltthätigkeiten ab. Die Stimmung ist erbittert. , Belgien. Je näher der 17. Juli heranrückt, der Tag, an welchem die Säcularfeier des Wunders der heiligen Hostie und mit ihr die Erinnerung an blinden Glaubensfanatismus durch öffentliche! Auf rüge begangen werden soll, um so mehr steigt die Zahl der täglichen Meetings mit Beschlüssen gegen einen solchen Anachronismus. Der König hat sich auf's; ernsteste gegen diese unzeitgemäße Demonstration ausgesprochen, und wird er und die königl. Familie am Tage der Procession nicht ln der Stadt anwesend sein, um so öffentlich seine Unzufriedenheit zu zeigen. Paris. Mr. Isidor hat in einem Hirtenbriefe die Beschränkung der Piutim vertheidigt. ES ist die» gewiß eine sehr gemäßigte und unschuldige Reform; dennoch wird er darüber von der orthodoxen Partei in Frankreich und Deutschland verketzert. Der Rabbiner selbst nennt die Abänderung: die Auslastung willkürlicher, spät verfaßter, weder durch das Gesetz noch die Tradition vorgeschriebener Gebete, die sogar weder dem Inhalte noch der Form nach Gebete seien, nicht einmal Reform. Er. muß es sich aber gefallen lassen, Relormrabbiner gescholten;}U werden. — Herr Isidor strebt auch die Gründung einer Kaffe an, auS welcher RabbinatScandidaten unterstützt werden, so lange sie keine Stelle haben, wofür sie die Verpflichtung erhalten sollen, Rabbiner in Verhinderungsfällen, wie in fern liegenden Gemeinden zu vertreten. Es sei dies ein B.edürfniß, weil in der Regel nur Söhne armer Eltern sich diesem Stande widmen. Albert Cohn bat bei Verheirathung seines ältesten Sohnö vom Maaßer der Mitgift alle WoblthätigkeitSanftalten bedacht und dafür 1700 Fr. verwendet. Zuletzt fiel ibm ein, daß er der Alliance verzeffen habe, und er bestimmte schließlich auch für diese noch 100 Fr. A. Cohn empfiehlt bei dieier Gelegenheit die jüdische Sitte, Maaßer zu geben. Selbstverständlich liegt für Maaßer keine gesetzliche Verbindlichkeit mehr vor; aber wir machen auch hier wieder die Erfahrung, daß die Cioilisation kein so mächtiger Träger der Cultur ist, wie die Religion. Die Wohlthätigkeit hat abgenl^mmen, seitdem man sich nickt mehr;n Maaßer verpflichtet fühlt. Selbst diejenigen, welche sich noch an das alte Gesetz gebunden glauben, erfüllen diese Pflicht in der Regel mit Widerstreben und Beschränkung. Man erkennt indeß auch hierin wieder, wie verkehrt es ist, die alten Gesetze in ihrer buckstäblichen Strenge festzuhalten. Coneessionen sind selbst für Maaß-r in unsrer Zeit erforderlich und natürlich auch zulässig. Hätte man dazu sich früher verstanden, man hätte von

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