Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 22 (1.6.1870)
- Date
- 1870-06-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432125--2937-4899237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I -US wären'» meine eigenen Briefe, in oas HanS Sara« unv aui den Tisch ihrer Mutter bringen lasse, ihr und den ihrigen Trost und. Leitung bringen sollen. Ihr seid mir überhaupt nicht erschienen, wie ich fürchtete und wie laueres Vorgängers Drohung erwarten ließ, als ein strenger unerbittlicher Mahner,' als ein Zerstörer unserer Freundschaft. Ihr habt iie nicht als Lündein gescholten, habt mich nicht zur Vcrräthe rin an dem Heiligtbnm meiner Freundschaft machen wollen. Dank, Dank Euch! Nein, schweigt, schweigt!! ^ch habe nicht viel Jeit und noch weniger Kraft zum : Lorecken. Sagt mir nur eins: ist es wahr, daß! im Kloster zuweilen arme nnglücklickc Gef ingene sich befinden, die nie das Tageslicht erblicken? Ist das - wahr?" „WaS bringt Euch auf diese» scbrecklichen Gedanken? Was veranlaßt Euch, Geheimnisse erkunden zu! wollen, über die ich selbst bis jetzt wenigstens keine Kunde ' und keine Aufklärung erhalten konnte? Ich glaube. . nicht, daß sich derart in unserem Kloster befindet! Ich habe mindestens nie davon erfahren. Doch bin ich erst > kurze Weile hier und lebte bis vor einiger Heit bloS : den Wissenschaften und ihrer Pflege. In dem Klo- > ster, in welchem ich erzogen wurde, und das ick nach | allen Richtungen erforscht habe, war wohl ein Gesang-! niß, aber nie ein Gefangener." Klara blickte sinnend auf ihre weißen abgemagerten Hände. „Denkt Euch," sagte ne nach einer kurzen W ile, „so zart und mager meine Hände auch sind, die meiner Freundin sind noch zarter und dünner, wenn auch nicht so durchsichtig. Wenn diese ' Hände gefesselt werden sollten, o mich schaudert! Und doch, sagt sie, seien oft Juden und Jüdinnen ohne Urtbeil und Stecht in Klöster eingesperrl and in steten Fesseln gehalten worden. Sie glaubt, daß ihr Vater und ein Bruder, die vor vielen Jahren forlreiften und nimmer wieder kamen, vielleicht auch in einem solchen Kloster schmachten. Ihre Mutter ist, Sara weiß nicht wie so, seit einigen Tagen aus diesen Gedanken gekommen und nun ist Sara ganz außer »ich, spricht von nichts, als von ihrem Vater und Bruder und hofft, sie bald wieder zu finden. Wie, das weiß sie freilich nicht. Aber es ist eben ein Sonnens blick für diese Frauen, inmitten tiefer Finsterniß; ugd der ' läßt sie nicht zur Ruhe, zur Besinnung kommen. Auch inich hat sie angesteckt; wenn ich es noch erleben könnte, , daß Sara die lange Vermißten wiederfinden würde, dag ich sie unter männlichem Schutz zurückließe. Doch, i ich bin eine Thörin; ich habe nur noch wenige Tage i zu leben. Dann hat Sara keinen Freund mehr, nur ihre alte schwache Mutter — O, Ihr Pater Dominian, Ihr seid ein guter Mensch; wenn Ihr kein Pater wäret und sie keine Jüdin« — ach, wa« schwätz ich so thörichtes Heug; «ißt Ihr auch, daß sie ein Pa- , ter die vergangenen Ostern von dem Pöbel rettete? Sie glaubt nicht, daß es ein Pater gewesen, sie sagt, e« müsse ein Engel gewesen sein!" In athemlvscr Spannung hatte Pater Dominian zugehört. <*» war ihm, als höre er ein Geheimnis; seineeigener. Gebens und e» war ihm dock Alles so fern und so fremd, ging ihm doch nicht» an. Was kümmerte ihn diese Familie und ihr Schicksal? Und doch! Er verabschiedete sich von Klara und ging sinnend in das Kloster zurück. Er ging zum erstenmale nicht alsbald in seine einsame Heile. Er trat hinaus auf einen Thurm im Hofe, von welckem man eine entzückende Aussicht genoß, weil, weit über das Thal hinaus, über den Fluß.' über das Sckloß des Fürsten hin. das jetzt öde und einsam da lag, denn gestern war der Fürst abgezogen. Er grübelte an>em Geheimnisse seiner Jugend und konnte doch nichtals dunkle, schattenhafte und ge» heimnißvollc einzelne Bilder erhaschen aus dem seinem Gedächtnisse gänzlich entschwundenen Jugendleben. Er war erst zu sieben Jabpen, als ein von einer langen Krankheit genesender schwächlicher Knabe, zum Bewußtsein seiner selbst erwacht; Alles, was vorher war, schien seinem Gedächtnisse entschwunden. Er wußte nichtvon Vater, nichts von Mutter, — und doch! Nebelhafte Bilder ans einer früheren .-zeit schienen zuweilen mehr und mehr aufzudämmeriz. I a er wußte, daß ihn auch einmal eine Mutter geherzt und geküßt! Aber wann? wo? Jetzt fiel ihm die Frage Klara« nach den Klostergesangenen ein' Er schritt vom Thurme mit seiner entzückenden Aussicht herab in das Kloster und zum erstenmale ging er vor seiner Helle vorüber, bis an das Ende de- Korridor'-, wo eine Treppe tief, tief hinab in die Erde zu führen schien. Er trat in ein feuchtes, dunkles Gewölbe, wo auch Hellen, aber unbewohnt waren. Ec war nie hierhergekommen. Die Thüren standen offen. Kein Laut war vernehmbar. Er durchschritt den ganzen finstern, kellerahnlichen Gang, er fühlte die feuchte Luft nicht, die ihn umgab. Er betastete die Thüren, die Schlösser, die Wände. Er suckt« ein Geheimniß' 'Ikickts, nickt»! Da, am Ende des Ganges' War das nicht ein menschlicher Laut? Er tastete um sich her; er fühlte keine Tbüre; er tastete wiederholt! „Sollte ich mich geirrt haben? Sollte der Laut, de» ick vernommen, kein menschlicher Laut, nur ein Gebilde «einer Phantasie gewesen sein? > Nein, nicht möglick!" Wieder begann das Suchen, das Tasten; sein Her; klopfte, seine .'lugen schmerzten von der Anstrengung, mit welcher er die Finsternis durchvrtngen wollte. Jetzt hörte er wieder einen Laut, klar und deutlich: „Bella!" War das nickt eine Stimme au« der Tiefe?" Fortsetzung folgt.)