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Der israelitische Lehrer · 1870-05-18 · 20 (18.5.1870) · p. Seite 159

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
20 (18.5.1870)
Date
1870-05-18
Page
Seite 159 (sequence 7)
Language
German
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— IS» — darin liegt der SBmei«, daß %it Reform hier noch einen wenig bearbeiteten Boden findet, sonst hätte eine solche Reform als reife- Frucht vom Baume fallen müssen. Feuilleton. AerAetter. Novelle von Ö. Kl. (Fortsetzung.) Ein eigenes Leben entwickelte fich in der Stadt und Umgegend, im Kloster, in den Häusern der Israeliten wie auf dem Schlosse in den nächsten Tagen. Alle Menschen, die in die Geschichte verwickelt waren, die wir hier erzählen, waren in großer Aufregung. Jedermann trug ein Geheimniß mit sich herum, ein schweres, furchibareS Gehe mniß; Niemand aber wagte eS, seinem Nachbar sich anzuvertrauen. Nur ein kleines Häuflein nach Verwirrung und Unruhe lüsterner, gewaltthätiger Menschen sammelte sia, bei Nacht und Nebel im Kloster — um von den PaterS bearbeitet und aufgestachelt zu werden, zu Gewaltthätigteiten gegen die Juden/ Man hatte die Nacht vor Peter und Paul zur Ausführung bestimmt. Man empfahl Allen daS tiefste Geheimniß gegen Jeoermann. Als das Ziel wurde die Vertreibung ver Inden und d>e Plünoerung ihrer Habe genannt. Jar Leben sollte geschont werden; do h gab im schlimmsten Falle die Kircke Jndulgenz — und Ablaß und Absolutionen waren für die gewiß, welche sich an einer so frommen That bethciligten. Am meisten waren Pater Anten und Dominian und der junge Fanatiker, welcher in der Osternacht nach Anton gesprochen, thätig; ersterevreizte blos mit wilden Ausdrücken, denen man einen gewissen persönlichen Zorn und eine gefährliche Wuth anmerkte; Dominian war ruhig; maß seine Worte ab. Er ging von Haus zu Haus, sprach mit Ruhe über die Sache, suchte die Leute auszuforschen. Wo er den Fanatismus rege fand, beruhigte er denselben für die Gegenwart und wies auf die genannte Nacht hin. Aber er fand auch viele Gegner des Aufstands, bedächtige Familienväter, ehrlich denkende und ruhige Menschen, Feinde jeder Gewaltthätigkeit. Für diese hatte er andere Worte, andere Reden. Auch sie verpflichtete er zum feierlichsten Schweigen und veranlaßte sie, sich für jene Nacht, at» eine Nacht allgemeinen Aufstandsversuchs des Pöbels, bereit zu halten. Die Juden erhielten geheime Drohbriefe — aber auch MMHeklungen freundlichen Inhalts. Sie sollten sich vorsehen, sollten sich wie in Furcht rüsten, sollten Alles, wie zum Aufbruche fertig halten, aber am bestimmten Tag« «erde unerwartet Hülfe ei »treffe«. Do sollte diese aber herkommm? Der Fürst rüstete and auch die andere» ReichSstände in der Nähe bestimmten bereits einen Tag für die Abreise. Auf die Anfragen und angsterfüllten Bitten der Jude» gab der Fürst beruhigende und ausweichende Antworte« — däß es Hülfe geben würde, wenn die Roth a» höchsten wäre, daß st« auf ihren Gott und ihn sich verlassen könnten. Er würde für sie wirken, wen« sie auch fort wären, u s. f. Im Hause Frau Bella'S schien der Mittelpunkt der beruhigenden ebenso wie der aufregenden Gerüchte zu suchen, die die jüdische Gemeinde bewegten. Fra« Bella erhielt regelmäßig gcheimnißvolle Briefe über alle bedeutenderen Forffchritte, die die Verschwörung machte, über alle die Maßregeln und Vorbereitungen der Feinde. Aber sie erhielt auch stets die Versicherung, daß inmitten des Lagers der Feinde Freund« wären, die wachten und die alle Mittel bereit hielten, in der Stunde der Gefahr einzutreten und Hülfe zu bringe». Sie wußte nicht, welche Wege die Freunde einschlügen, welche Mittel ihnen zu Gebote stünden; aber ihr Vertrauen zu den Worten des unbekannten Freundes war tief und unerschütterlich. Sie kannte die geheimen Canäle nicht, wodurch diese Priese den Weg jn ihr Hausfanden, aber ein rigenthümlicheS, unnennbares Gefühl durchströmie sic, wenn ne die beredten Worte des unbekannten Briefschreibera wieder und immer nieder durchlas; es war nicht nur das sich ans den Umständen herleitende Band, das sie durch diese Briefe selbst mit dem Briefschreiber verknüpfte; es war ganz besonders ein ihr selbst unklares und unerklärliches Wonnegefühl, das sie durchbebte, wenn sie die Worte las, die ihr wie Stimmen aus einer ihr fernestehenden aber doch bekannten, vertrauten und innig befreundeten West entgegenkamen. Wer war eS, der ihr so schrieb, dtr ihr Gemüth so aufregte und in Spannung hielt? War eö allein die Lage, in der sie uns ihre Glaubensgenossen sich befand? Woher diese galiz eigenthümliche Bewegung in ihrem Herzen, die sie die Schriftzüze des Briefes küssen ließ und mit banger upd freudiger Erwartung auf den nächsten hoffen machte, wie die Braut den Brief des fernen Geliebten erwartet, fast ganz abgesehen von den oft so bangen J 'halt? Es war eine heilige Offenbarung, einer geheimnisvollen Kraft der Natur — eine heilige Gottesstimme, die auS diesem Gefühle bei diesen Briefen zu ihr sprach. (Fortsetzung folgt.)

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