Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 18 (4.5.1870)
- Date
- 1870-05-04
- Page
- Seite 143 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 145 — ins Leben gerufen, Ihr habt sie gerettet. Wir haben jenes Wert, das Besitz ergriffen hatte von unfern Herzen: eder für sich" — ausgetrieben und an seine Stelle jenes andere, so schöne und so edle Wort gesetzt: „Einer für Alle und Alhe für Einen." Wie die Maccabäer sprachen wir: „Wir sind frei und wollen, daß unsere Brüder es auch seien wie wir." Wir wollen ihnen über Berge und Meere die .Hand reichen, beschützen die, welche leiden, und unterrichten die. welche in Unwissenheit leben. Wir sind Brüder, wir waren es auf dem Boden der Sklaverei, seien wir cs auch auf dem Boden der Freiheit! (Bravo.) So sind wir, das wollen wir und Gott — Dank fei ihm dafür dargebracht! — Gott war mit uns, denn er leiht seinen Beistand jedem edlen Streben; in allen großen Gedanken lebt eine belebende, befruchtende Kraft die da ist der Segen Gottes. Nichts, m. H., nichts entgeht der Wachsamkeit, der Sorgfalt unserer Alliance; jedes Leid weckt ihr Mitgefühl, das physische wie das geistige Leid unserer Brüder, und als wir neulich den Nothschrei jener Unglücklichen hotten, die der Hunger hinrafste in Rußland; als er bis zu uns gelangte, der.Herz durchbohrende Beucht ihres Elends, da erhoben wir uns wie ein Mann und Ihr wißt, was wir thaten; wir entrissen sie, dem Tvde. O, laffen Sie mich diese Gelegenheit benützen, um von dieser Tribüne herab, an alle f r a n z ö s i s ch e Israeliten den Ausdruck meines herzlichsten,, iväunsten Dankes zu richten für die so rasche, so freigiebige, so großherzige Weise, mit der sie Creinieur's, Ruf, meinem Aufrufe, zu Gunsten der unglücklichen russischen Juden -entt gegenkamcn. Lassen Sie mich vor Allein mit vollem Herzensergüsse unserem lieben Präsidenten. meiitem guten und trefflichen Freunde, danken, der sich einen neuen Anspruch aut unsere Verehrung erworben, eine neue Krone denen hinzugekügt, die sein Haupt bereits zieren: er, der edle Greis, hat es nicht gescheut, inmitten strenger Kälte selbst eine lange, beschwerliche Reise zu unternehmen, um diesen Unglücklichen nebst der heilenden Hülfe auch das tröstende Wott zu überbringen. Und dort, in Berlin, dort entfaltete Erbmieur, nachdem er viele Thränen getrocknet und viele Leiden gelindett, in Gegenwatt eines ausgewäblten Kreises von Zuhörern, die er mit den heißen von seinen Lippen sprudelnden Flammen begeistett hatte, die Fahne der Alliance und sammelte das ganze Deutschland (touto ontiöre) um diese Fahne! Lasten Sie mich ferner auch den edelmüthigen Männern danken, die ihn begleiteten und deren Namen der Welt vettündet zu werden verdienen: unserem theuern Vice-Präsidenten Goldschmidt, der sein Vermögen, seine Geisteskraft und seine Muße unserer Sache weiht; unserem Freunde Albert Cohn, dessen wohlbekannter Name mit Menschenliebe gleichbedeutend ist; und unseren beiden jungen Eollcgen, die Sic so eben gehött haben, den Advocaten Leven und Lehmann, die bereits in den Fußstapfen ihres Meisters. wandeln. Was jene arme russische Familien betrifft, so habe« wir Folgendes für sic gctban und sind überzeugt, Ihren Bcikall, m. H., dafür zu erhalten. Denen, die noch jung und muthig sind, werden wir die Mittel zur Auswanderung nach Amerika schaffen, nach jenen, Lande der Freiheit, wo die gebeugten Glieder sich wieder aufrichten; diejenigen, welche den Boden, in dem die Gebeine ihrer Väter ruhen, nicht mehr verlassen können, werden wir untcrskützen, und jene Waisen, die zu Hundetten in den Straßen umher irren, die weder Vater noch Mutter mehr haben — für sie werden wir die jüdische Welt auftufen, sie an Kindesstatt anzunehmen: wir werden sie im Namen der Alliance in alle Gemeinden Europä's vcttheilcn und jede wird sich beettern, einige bei sich aufzunehmen. Wir werden sie zu unfern Kindern, werden sie zu Männern machen, und wenn dereinst jene nach Amerika ausgewanderten Brüder und diese von uns erlogenen und gebildeten Kinder, beide umgcwandelt durch Freiheit und Wohlstand, in Europa, wohl gar in Paris sich wieder treffen, so wird vielleicht das erste Wott, .das sie bei ihrem Händedruck aussprechen, der Name der Alliance sein, die sie gerettet hat! Sie werden dann Wohlthgteu üben ihrerseits, sich unserem Werke beigesellen, reiche Gaben spendeü inmitten ihrer Brüder,"die noch leiden, und dadurch ihren ehemaligen Verfolgern beweisen, daß, während die Sklaverei den Menschen tief erniedrigt, die Freiheit ihn erhebt und ihm Glück vetteiht. (Beifall.) Da« haben wir gethan; urtheilt über un« und saget uns, ob unser Werk Eures Mitgefühle» würdig ist. In diesem Augenblicke gedenke ich einer Unterredung, die ick neulich mit einem Glaubensgenossen hatte, der am Tage vorher einer Sitzung der Alliance beigewohnt. Ich fragte ihn um seine Meinung über unsere Alliance, und hier haben Sie seine Antwott: „Als ich gestern Ihrer Sitzung beiwohnte, dachte „ich an. den „Ew i g e n I u d e n" von Eugen Sue, „an jene Scene, wo Nodin seine Correspondenz öffnet „und Briefe findet, die au« den vier Ecken der Welt „ankamen." Der Vergleich zwischen den beiden Gesellschafteu ist richtig, was die Verbreitung, die Ausdehnung unserer Beziehungen in der Welt betrifft — aber weiter geht er nicht. O, welch' ein Unterschied in beiden Unternehmungen! Die Triebfeder der Einen, so sazft man, ist die Unterdrückung, di« der andern ist die Befreiung; die Eine dehnt sich aus, um die Freiheit zu ersticken, die andere um sie zu verbreiten; die Eine will da« Licht, die Bildung aaSlöschen, die andere anzünden;