Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 9 (2.3.1870)
- Date
- 1870-03-02
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4896751-5428708-5432099--2820-4899133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
war wohlhabend und eine Mutter der Armen geblieben; sie hatte sich durch ihren Schmerz nicht verbittern lasien. Das gewann ihr die Ächtung degreisen Rab« binrn. Rabbi Henoch war ein Mann von klarem Geiste und edlem Herzen, der wohl tief eingeweiht war in die Geheimnisse deö Talmud und «it seinem Thun und Denken ganz in den hergebrachten Formen des alten Judenthums sich bewegte. Und doch! Auch vor Mendelssohn schon gab eS Minner, die eine Ahnung einer anderen Zeit in sich trugen und die edleren Formen eines gebildeten Daseins würdigten; ja selbst schon im Geheimen von dem Wissen jener aufstrebenden Zeit in sich ausgenommen hatten, daS erst in einer späteren Epoche von einzelnen Zeloten grundsätzlich verpönt wurde. Bella lebte nicht so ganz nach den Gewohnheiten der Zeloten jener Zeit. Ihre Tochter hatte zu viel Umgang mit der christlichen Freundin — ja selbst an der christlichen Magd hatte man Anstoß genommen. DaS war, waS man von ihr sprach, und was anscheinend daS Mißtrauen gegen ihr religiöses Thun begründete. Aber mehr und in Wirklichkeit war eS die Abgeschlossenheit, in welcher sie lebte; daS Geheimniß, das sie umgab: daS Verschwinden ihres Mannes und ihres Kindes, von dem man eigentlich nichts Rechtes wußte. Man erzählte sich, daß sie ihrem Manne — der ein gewöhnlicher, aber braver Geschäftsmann war — vor dem geschicktesten Bachur der großen Gemeinde den Vorzug gegeben hatte. Darum traf sie das Unglück, ihren Mann und ihren Sohn zu verlieren. Man versündigt sich nicht ungestraft an der Thora . . . .. Rabbi Henoch führte Bella in sein „Lernzimmer", und fragte sie mit der Wärme, die ihn so verehrungswürdig machte, was ihm die Ehre ihres Besuches per» schaffte. Bella erzählte die Ereignisse des vorigen Abends. Der Rabbiner schüttelte dasgreise Haupt. „Vieles, meine theuere Frau Bella, wußten wir schon. Es herrscht deshalb große Traurigkeit in der Gemeinde. Der Fürst hat uns zwar Schutz versprochen, aber er ist in die Kriegshändel verwickelt und wird bald abreisen. WaS dann werden soll, wissen wir nicht. Aber, wir sind stark, wenn wir auf Gott vertrauen. Unsere Zeit ist eine andere geworden. Seit fast 50 Jahren haben wir nichts von Judenverfolgungen gehört. Seitdem ich auf diesem RabbinatSstuhl sitze, war durch die eigenthümliche Feier des CharjreitagS und OsternsamstagS alljährlich hier eine gewisie Aufregung in der Gemeinde fühlbar, — siewar in letzten Jahren schwächer geworden; aber diese Pater» Anton und Dominian sind schrecklich« Menschen! —.— doch, > meine theure Frau, ich denke auch: daS Fühlen und der Geist des Volkes ist ander» geworden; sollte in unserer Zeit^ eine ernste Verfolgung möglich sein? Wir werden uns ruhig verhalten; vergeiht jedoch, Frau Bella, daß ich in Euch dringe. Warum habt Jh» gerade am gestrigen Abend Eure Tochter zur christlichen Freundin geschickt? Kanntet Ihr die Gefahr nicht, der Ihr Euer einziges Kind aussetztet?" „Ihr habt Recht, Rabbi. Aber mein abgeschlossenes Leben ließ mich die Größe der Gefahr unterschätzen. Doch, daS ist gnädig an uns vorrüberge» gangen. Aber dieser Vater Anton ." Bella stockte. Der Rabbi schaute auf. „WaS ist'S mit ihm, das wir nicht wüßten? Warum stockt Ihr? Bella schwieg eine Weile. Dann stieg/»e auf, trat näher auf den Rabbi und sprach in einer Aufregung, die man bei der sonst so ruhigen Frau nicht hätte erwarten sollen: „Rabbi -dieser Pater Anton ist ein-Meschumed, ein getaufter Jude und — mein Todfeind!" Der Rabbi fuhr entsetzt von seinem Stuhle auf: „WaSsagt Ihr? Ein getaufter Jude, ein Meschumed?" Er schwieg eine Weile. „Möglich ist'S wohl, sagte er dann wie zu sich selber. „Das größte Unglück, da» je über Israel ist gekommen, ging zu meist von zwei entgegengesetzten Seiten aus, von den Proselyten und den Abtrünnigen." „Doch, sagt mir," sprach er lauter, woher habt ihr diese Kenntniß? Ihr wißt, ich habe nie bei Euch nach den Geheimnissen Eures Lebens geforscht, da Ihr selbst es für gut befunden, mich nicht zum Vertrauten zu machen; aber Ihr erlaubt mir doch heute die wohlberechtigte Frag«: woher schöpft Ihr daS gefährliche Wisien, womit begründet Ihr Euren schrecklichen Verdacht? Ich muß Helle sehen, ehe ich die Schritte thun, die etwa nothwendig werden könnten! : Lange kämpfte Bella mit sich selbst^ ^Endlich aber trat sie zurück zu ihrem Stuhle, glS wollt« sie sich stützen. „Rabbi," sagte sie, „ich sehe wohl ein, daß ich heute Euch alle« anvertrauen muß, wa» ich als das Geheimniß meines Lebens vor den Augen der Welt verbarg. Ich gebe Euch^, weil eS sein muß, Alles Preis, Alles, o Rabbi,' alle die schmerzlichen Erinnerungen und Erlebniffe meines traurigen; nur kurze Zeit freudig erhellten Lebens.... Ihr wißt, ich bin di« Tochter de» Vorstehers der israelitischen Gemeinde zu A. Mein Vater war reich und angesehen, meine Mutter war eine ruhige und edle Frau, die in Allem nur einen Willen kannte, den ihres Gatten, nur eine Pflicht, für ihn und ihre Kinder zu leben. Ich war di« einzige Tochter; mein Vater kannte keinen höheren Wunsch, keinen höheren Ehrgeiz, al» mich, seine einzige Tochter, als Rabbinerin an der Seite eines großen Gelehrtm zu wissen, der nach dem Ableben de» greisen Rabbinen zu A. einmal den RabbinatSsttz daselbst einzunehmm