Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 9 (2.3.1870)
- Date
- 1870-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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srseliliscke Jelirer. Wochenschrift füf die allgemeinen Angelegenheiten des Judenthums und insbesondere des israelitischen Lehrer st an des. Organ für den Verein „Achawa." M S. Den 2. März 1870. 10. Jahrgang. Wöchentlich I Nurnmer Vierteljährlicher Abonnementspreis 40 kr.. — II1/2 Egr. Anreiqep üi)l Sgr. die Petitzeile. Bestellungm nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Jüdische und christliche Ichriftauslegung. Schon die Alten batten den Grundsatz 712 jn D-ip’SM1? 2’»nr: „Wiste, waS du dem Gegner zu erwidern habest." Es ist daher durchaus nicht überflüssig, die Berührungs- und UnterscheidungSpunkte deö Juden-> und Ehrislenthums zu beiprcchcn. Wir werden uns auch durch solche vergleichende Gegensätze des Inhalts- und der Borzüge unserer eignen, Religion besser bewußt. Christlicherseits will man eS aber noch immer in den seltensten Fällen zuzestehen, dag trotz der Schwäche der eigenen Religio» dem In> beulhum ein Vorzug eingcräumt werden könne. In. dogmatischer wie ethischer Beziehung bewegt sich das UrchriitNithum auf durchaus jüdischem Boden : monotheistisches Bekenntnis; und Nächstenliebe (Matth. 22, ’>?). Sobald aber das Ehristenthum anfing, dem Judenlhum gegenüber polemisch aufzutretc», hat es sich tbeilS von demselben entfern!, theilS auf Kosten desselben überboben. Jenes geschah in Rücksicht aus. die Dogmatik, indem der jüdische Monotheismus gegen die beidnifch-polythcistische Trinität eingetauscht wurde.; dieses in Rücksicht auf die Ethik, indem man dem Iudenthum die Lehre anfbürdetc, den Feind zu hasseist um dem Ehristenthum die vorzüglichere Lehre der Feindeöliebe vindiciren zu können. Man konnte den Grundsatz : „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" als einen jüdischen nicht leugnen; JesuS selbst hatte ihn anerkannt, und - er findet sich auch ausdrücklich .nnd wörtlich in A. T. (Lev. 19, 18). Man gab aber ^Deinem Nächsten" ("lyo) die Deutung: Freund, Bruder, Stammes- und Religionsgeuoste und schloß dadurch mit rabbinischer Dialektik den Feind und Fremden aus. So lehrte man: Ihr habt gehört, daß gesagt worden: Du sollst Deinen Nächsten lieben, Deinen Feind aber hassen (Matth. 5, 43), obgleich dieser Gegensatz mit Worten nirgends ausgesprochen worden ist. ES geschah vieS, um die Ethik des ChristenthumS über die des Judenthums zu erheben und jenes diesem gegenüber als die höhere Vollendung zu bezeichnend 1 Es geschah etwas AehnlicheS auch ntit der Gotteslchre, indem man den Gott des Jndenthums als den Gott der Rache hinstellte, um den Gott des Ehristenthums als den der Liehe bezeichnen zu können. Man mußte das Judenthum herabsehen, um für das Ehristenthum ein Steigerung anöglich zu machen, ohne welch; es ja überflüssig und bedeutungslos gewesen wäre. Wir unterlassen hier ans der monotheistischen Wesenheit Gottes, wie aus den speciellen und ausdrücklichen Lehren des Judcnthums nachzuweisen, daß Gott nicht anders denn als Gott der Liebe, der Gnade und der Versöhnung auigefaßt werden könne. Vielmehr erinnern wir nur daran, daß das geforderte SohneSop-er zur Sühne der Menschheit nach der Lehre des Ehriftenthums Gott als einen rache- und blutdürstigen Gort darstellt, wie kein Moloch oder Heidengott schlimmer vor- und vargestellt werden kann. Der Vorzug ist also ganz auf unserer ScUe, wenig rens lällt zever Grund zur Ueberhebung fort. Es wird uns nicht fchwer, in Bezug aus die dem Iudenthum imputirte Feindesliebe ein Gleiches na chzuweisrn. Die in Betracht zu ziebenden Stellen sind Lev. 19, 17 und 18, und 38 mno 34.: „Du sollst Deinen Bruder nicht im Herzen hasten: Du sollst Deinen. Nächsten zur Rede stellen, damit Du seinetwegen kerne Sünde davon tragest, Du solst: Dich nicht rächen an den Kindern deines Volkes, denn lieben sollst Du Deinen Nächsten, wie Dich selbst." Ferner : „Wenn ein Fremder bei euch wohnt im Lande, soul ihr ihn nicht be rücken; wie der Eingeborene soll euch der Fremde sein Du sollst ihn lieben wie Dich selbst, denn Fremde waret-ihr in Aegypten." Hier findet sich das große Grundgesetz jüdischer Lehre und Moral: Die Nächstenliebe, von Hillel schon als solches bezeichnet und von Akiba in den Jeiten christlicher Gegensätzlichkeit und. Machleutwickelung und in Folge derselbe» auch jüdischer Versolgung als solches wiederholt und bewirt innrc r.u vd2). Die Tora spricht sichindeß nicht in Principien aus, sondern^ in Gesetzen, welch: daraus gebaut