Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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insbesondere aus den grauen der niederen Bürgerklasien der Stadt und den-Dienstboten großer Häuser sich rekrutirten. Wer nun noch in das Herz Christinens hätte schauen können — kein menschliches Auge hätte, auch wenn dies möglich gewesen wäre, entziffern mögen, was hier verging. Angst, Gewissensbisse, jedoch nur wegen solcher Sünden, welche nicht vor den Beichtstuhl gebracht werden, gute Voriätze, die mit dem Beichtstühle in Widerspruch stände»; - eS sah in diesem Herzen aus, wie in einem Abgrund, der von einem einzigen Lichtstrahl erleuchtet ist, der hier und dorthin einen bleichen Schein wirst, der aber nicht hinreichend ist, daß Tu die Gegenstände unterscheiden, den Lrt ftnden könntest, wo du dick sesthalten, Boden für deine Füße gewinnen ka-inst, du sinkst immer tiefer, immer weiter. „Tu hast gedeichter," sagte der Pater endlich. „Aber Du hast mir nicht gesagt, daß Du in einem jüdischen Hause lebest und dienest." „Der hochwnrdige Herr weiß das seit lange." „Ja, ich weiß es. Aber ich habe Dir die Absolution für die fortwährende Todsünde nur unter der Bedingung gegeben, daß Tu mir stets sagest, was in diesem von Gottes Feinden bewohnten Hause geschieht, waS von seinen verfluchten Bewohnern stets Feindliches gegen die heilige Kirche gesprochen und gesponnen wird; wie da daS Heiligste verhöhnt, die Diener Gottes, ja Gott selbst verflucht, fromme Christen betrogen und übervortheilt werden. „Meine Herrin ist eine bejahrte Fron, die Niemanden was zu Leide tbut ... „Ihre Tochter" „Ist ein unschuldiges Kind, das noch kaum dry Unterschied kennt zwischen ibren Glaubensgenossen und den Christen . . . ." „Aber sie hat eine christliche Freundin . .. ." „Die ne fetten mir besucht; und eine christliche Freundin — ist das eine Sünde?" „Also weißt Du nichts, gar nichts?" entging. Er wußte, daß Christinens Herz etwas verschloß, das er um jeden Preis wissen m:E:e. Er ging jetzt direkt auf sein Ziel loS. „ES ist gestern eine junge Jüdin unter den Kirchengängern bemerkt worden, die in dem Augenblicke, als man sie vor der Thüre ertappte und wegen ihres Frevels züchtigen wollte, auf eine ganz eigenthümliche Art wieder entwischte. DaS war die Tochter Deiner Herrin." Entsetzt blickte Christine auf; der einsame, an solche Aufsorderungen nicht gewöhnte Sinn der Armen verwirrte sich. Sie traute dem Geistlichen mehr als gewöhnliche Macht zu. Wieder sah sie sich, wie schon öfters, in den Schlingen gefangen, dfe ihr der Pater flegle. „Wer war es, der ne der gerechten Züchtigung entzog?" „Wenn Sarah und ich selbst mich nickt getäuscht haben, so war es — ein Pater." „Ein Pater?" Die Neide des Erstaunens und Entsetzens war jetzt am Beichtvater. „Ein Pater? unmöglich! Erzähle." Christine erzählte, wie sie selbst sich hatte von der gestrigen Rcdehinreißen lassen zu Gefühlen deS Hasses gegen die Juden. Wie da auf einmal Sara neben ihr auftauchte, wie sie entsetzt sich zu dem Rufe: „Eine Jüdin unter uns" hatte hinreißen lassen, uyd wie dann eine Hand sich nach Sara auSgestreckt — sie glaubte, um ihr mit stärket Faust inS Gesicht zu schlagen; wie aber statt dessen di-se Hand Sara dem Gewirre entzog. „Ick selbst eilte nun, um vor ihr oder zugleich mit ihr ins Hans Hl kommen, und kam 'zur selben Zeit, als ein Mann im Gewände eines Paters Sara bis vor die Thüre ihres Hauses brachte. Es war ein Pater — aber ick erkannte ihn nicht."-- Der Beichtvater stand noch einige Minuten iinnend da, dann beendigte er eilig die Ceremonien der Beichte, gab Absolution und sprach: „Gehe, meine Tochter/ Eine flammende Rölhe überzog Christinens Gesicht. So dunkel es auch im Beichtstuhl war, der Pater war an daS Dunkel gewöhnt und halte diese ausflammende Rothe im Gesichte der Alten bemerkt. Er mußte erfahren, was dies zu bedeuten habe. „Es ist vielleicht doch etwas geschehen, waS Du zu sagen fürckteft; ick weiß ee, Du fürchtest immer Deine Herrin mehr als die Kirche. „Sie ha: mich vom Hungerlode gerettet; ich habe schon zu viel gegen ihr Wohl gesprochen." „Sie har Dich gerettet, um Deine Seele zu verderben. Hat sie nicht gesprochen von dem Kirchengangr gestern und von der Aufregung gegen die Juden." Wieder flammte die Röthe im Gesichte Christinens aus, die dem scharfen Auge des Beichtvaters nicht In selber Nacht trat Pater Anton noch pät in die Zelle Pater Dominians. (Fortsetzung folgt.) Anzeigen. Dacanzenliste ^WU ' 1. Framersheim bei Alzey. Lehrer und Vorderer; Gehalt fl. 250—300, freie Wohnung; Meldungen bei dem Vorstände, sofort zu besetzen. 2 Flonheim bei Alzey, Lehrer und Vorbeter; Gehalt nach den Verdiensten; Meldungen bei hem Vorstände; sofort zu besetzen.