Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 10 (1870)
- Issue
- 4 (26.1.1870)
- Date
- 1870-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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er IsmelrtiseKc Jelirer. Wockcnschrift für die allgemeinen Angelegenheiten des Judenthums und insbesondere des israelitischen Lehrer st andes. Organ für den Verein „Achawa." J\fo 4. ‘ Den 26 Januar 1870 10. Jahrgang. Wöchentlich I Rümmer Vierteljährlicher Abonnementsvreis 40 k Ni/2 Sgr. An,eigen zu 1 Sgr. die Petitzeile. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Aie Weltanschauung der modernen Zeit. iForts-tzilngi. a. Die 4tiid)i hat sich nur um die Religion zu kümmern; sie hat mit der weltlichen Kultur nickts zu schaffen, steht mit derselben in der Regel in dein Verhältnis; des Gegensatzes. d. Die Kirche hat die Faktoren der Civilisalion und Kultur nicht nur nickt mit gleichgültigen Augen anzusehen, oder gar zu bekämpfen, sondern sich mit denselben in Kinklang und Harmonie zu setzen. Thut sie dieses nicht, so bringt sie sich nach und nach um allen Kredit. Versteht sie ihre Ausgabe rechts so sucht sie das religiöse Leben mit dem nationalen zu einigen, an dem Geistesleben der Nation lebendigen Antheil zu nehmen, um die liberalen Ideen des modernen Staates zu begünstigen. e. Die Religion Israels ist. und war zu allen Zeiten eine Religion der lebendigen That, nicht' starrer, unbeugsamer Glaubenssätze. Der Glaube entstammt der mm, der fortgesetzten Lehre und Erken ntniß; t>'e That ist «in Produkt der jedesmaligen Lage und Verhältnisse, in. der sich das Individuum und die Jndenheit befindet und befand, eine andere zur Zeit der StistShütte, wieder anders geformt und geartet zur Zeit des Tempels, — des ersten-und zweite», wieder anders in der DiaSpora. Nur die ewige» filtlichrn Grundlagen der religiösen That bleiben sich zu a lle n Zeiten gleich. Tie Orthodoxie kann und wird nicht leugnen, daß eine solche Umg-staltung der religiösen Formen vor sich gegangen; daß der Gottesdienst. ebenso wie die übrigen für des. häusliche und öffentliche Leben bestimmten Satzungen einer fortschreitenden Entwicklrmg unterworfen waren. Diese Entwicklungen — mögen sie uns, je nach dem Reflex, den die Geschichke darbietet und je nack der Anschauung, die wir heute davon baden, als Fort- oder als Rückschritte erscheinen, — immerhin waren sie Produkte ihrer Zeit — also natur- und kulturgemäß. Zur .»seit der llebermackt der griechischen Kulrrrr wirkte j diese so mächtig aus das Jadenthum ein, M8 sich 1 Sekren bildeten, t>:- biauf einige amu Spuren! wieder sich verliere, a'.e die Zerstreuung e n enges i Aneinandersckließen nöthig machte. Der bedrückte, ge j hetzte und gefolterte Jude reS Mittelalters fand Schutz i nur bei seinem Gotte, Ersatz nur in der Uebung I tausendfältiger schwerer religiösen Pflichten. Sie — I chie Gesetze - waren damals cultur- und zeitge- , maß. Das hinderte die Gelehrten in Spaniens Blütbezeit nicht, am regen Geistes- und Kulturleben ihrer > Zeit und ihres Volkes den regsten Antbeil zu nrh- > men, ja Leuchten zu werden der s. g. profanen Wisj senschasten aut allen Gebieten — in der Methaphysik, Mathematik, Dichtkunst.sowohl wie in der Astronomie und Anthropologie. Diese Leuchten der Wissenschaft :Maimonides, JudaHallevi, Avicebron — sind auch die erhabenen Leuchten der Religion. Die vorzüglichsten religiösen. Schriften des Judenthums, selbst der vielverschrieene Talmud — beschäftigen sich auch mit profanem Wissen. Wir sagen: profanem Wissen, obgleich wir als Jude diesen Begriff nicht kennen. Alles Wissen ist aus Gott und soll zu Gott hinführen, ist mithin religiös. Das Judentbum schreitet fort, ist der Veredlung deS Lebens durcb Bildung und Cultur nicht abhold. Die „Synagoge" ist nur die Stätte, worin das religiöse Leben leinen vorzüglichen Ausdruck findet und durchaus nickt identisch mit dem Begriffe „Kirche". ES-kann schon darum von einem Zwiespalt zwischen Synagoge und Leben keine Rede sein. Niemand wird „Juhenthum" und' „Synagoge" für identisch halten, wie dies mit „Christenthnm" und „K>rcve" der Fall ist. Daher rührt eS, daß'allerdings die Kirche in Zwiespalt mit dem Leben der Zeit kommen kgnn, während die Religion Israels aber, das Judenthum, als eine daganze Leben umfoffende und dasselbe tragende Institution nimmermehr in Gegensatz kommen kann «it einer sittlichen Lebensäußerung des einzelnen Menschen