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Der israelitische Lehrer · 1870-01-19 · 3 (19.1.1870) · p. Seite 22

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
10 (1870)
Issue
3 (19.1.1870)
Date
1870-01-19
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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beginnen können. DaS Zeichnen der verschiedenen Srrickereien, so wie verschiedene Berechnungen und in Physik oder Geometrie einschlagende Erklärungen sind wohl bei' kleinen Kindern ganz unpraktisch. Die Art daS Häckeln zu erlernen halte ich für praktischer, da die Kinder durch daS Stricken schon mehr Fingerfertigkeit und Sinn für weiblicbe Arbeiten erlangt haben.. B. R. 'Feuilleton. Per Wetter. Novelle von I. Kl. „ - . (Fortsetzung.) Nack> einiger 3eit erst scbaute Bella sich nach Hülfe um. Ta stand Christine, die alte Dienerin des Nausis, ganz kn ibrer Nähe, die Augen starr auf die Gruppe gerichtet. Bella hatte kaum bemerkt, daß sie eben erst wieder eingetreten war. Sie hatte auch ihren Weggang vergessen, der ihr kürz vorher doch so auffallend vorgekommen war. S i e hatte nurei n en Gedanken— ihr Kind; nur eine Sorge bekümmerte ihr Herz was wohl mit ihrem Kinde, das stets so freundlich und unbekümmert seines Wegs ging, während deffen Abwesenheit. vorgegangen sein mochte? Nach einiger Zeit schlug Sara — so bieß die Tochter — ihre Augen auf. „Bin ich zu Hause, o meine Mutter! Bin ich wirklich zu Hause? Und wo ist er?" Zitternd und erröthend barg sie ihr Gesicht an dem Herzen der Mutter. „O Mutter. Mutter! was Hab ich während der Zeit meiner Abwesenheit erlebt! Komme, komme, laß uns in dein Zimmer gehen; ich will Dir erzählen!" Und sie drängte die Mutter dem Eiugange zu. Christine wollte nach; aber Frau Bella hielt sie zurück.. „B'eib hier", sprach sie. „Gib Acht, daß uns Niemand stört. Wo warst Du vorhin, als ich Sara die Thüre selbst öffnen mußte-?" „Ich hattedie Proccssion von der Straße aus angesehen." Bella schüttelte. wiederholt bedenklich das Haupt. „Christel, Christel, ich weiß nicht, was Tu seit einiger Zeit vorhast. Du scheinst auch ein Geheimniß mit Dir herumzutragen, du bist vielleicht vom Treiben deiner Brüder und. Schwestern im Glauben angesteckt. Vergiß nickt, daß dies dieselben Brüder und Schwestern sind, die Dich, als Du als arme, verlaffene kranke Wittwe an ihr Haus klopftest, verließen, während dich mein Mann, eingedenk früherer Dienste, ausnahm; und daß Du seither wie ein« Angehörige von uns behandelt und -«trachtet wurdest?' Bella wartete nicht auf Antwort. Sie trat mit ihrer Tochter durch die vordere Thür in ein hinteres Zimmer, das der Mutter und Tockter zugleich als Schlafgemach diente, verschloß sorgfältig Thüre und Fenster und setzte sich auf das Fußende des Bett««, während ihre Tochter zu ihren Füßen kauerte und erzählte. — Wir kehren indeß während dieser Unterredung auf die Straße zurück, die mittlerweile ruhiger geworden war. Die Procession war in lärmender Weise zum Kloster gewallfahrt, einzelne jüdische Fensterscheiben würden unterwegs geopfert. Waren Sie wohl ein dem „Gott der Liebe wohlgefällige« Opfer"? Es sckien doch so! denn die ganze Stadtgeistlickkeit, der Oberpfarrer selbst an dcr Spitze, achtete nicht auf das Geklirre und ließ es ruhig geschehen, daß selbst vor ihren Augen die Zerstörung der jüdischen Lichtbringer vorgenommen wurde. Anders jedoch gestalteten sich die Sachen in der Klosterkircke selbst, deren Pforten auch nach dem Einzug der Procession weit geöffnet blieben, so daß die Frommen von der großen Pforte , aus an dem Aufwand von Licht und Pomp Antbeil nehmen konnten, der sich in der ohnehin sehr schönen und reich gesckmücklen Kircke entfaltete. Alle Wände waren kunstvoll mit Teppicken behängen und mit Lichtern in allen Farben geziert. Ueberall waren die Bi der von Heiligen angebracht, die in ihrer Art manchmal wie die mürriscken, bärtigen Gestalten alter heidnischer Hordenführer und wilder Ritter aus der Zeit der Kreuzzüge, Allem aber mehr als Heiligen, ähnlich sahen. Man sah darunter auck zarte Seelenfänger aus der späteren Zeit, mit den spitzigen, fauniscken, boSbasten Gesichtern der Tyrannen aus der JnquisiticnSperiode, die auf die fromme Gemeinde herunter blickten. Der Gottesdienst bat seinen Anfang genommen, durch Gebet und Gesang waren die Gemüther zur Andacht gestimmt. Da trat ein strengblickender Kapuziner aus der Mitte des ChorS, wie aus einer anderen Welt hervor, und sprach. Was er gesprochen — eS mußte auf die Gemüther der Anwesenden einen ganz eigenlhümiichen und se^r verschiedenen Eindruck machen; denn einige schluchzten vor innerer Erregung; Andere ballten die Fäuste, andere schüttelten sich die Hände. Nur wenige, und zwar gerade diejenigen, denen man dem Gesichte nach eine höhere Intelligenz und größere Ruhe Zutrauen mußte, schüttelten wie unwillig das Haupt. Ihnen schien die Rede des Kapuziners durchaus nicht gefallen zu wollen. Sie fühlten Etwas heraus, was ihrer Einsicht wiedersprach. Aber sie mußten stille sein gegenüber der allgemeinen Theilnahme, der großen Aufregung der Versammelten. (Forts, folgt.)

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