Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 48 (1.12.1869)
- Date
- 1869-12-01
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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499 mich sehr gleichgiltig; man fürchtet Sie nicht mehr. Wirschreiben jetzt 184#. Wir beanspruchen gleiche Rechte." 3Vr Stadtschreiber wollte sich doch noch nicht geschlagen geben und sagte, sicher Beifall zu erndten: „Die Juden der hiesigen Stadt können sich gewiß nicht beklagen. Sie können ungehindert ihren Handel treiben und genießen auch sonst überall den Schutz des Staates und seiner Gesetze. Was wollen Sie noch mehr? Sie vollends, Strauß, Sic sollten schon gar nicht so gegen mich auftreten! Habe ich Ihnen nicht die Ansäßigkeit in kurzer Zeit ertbeilt und noch dazu einen Nachmatrikel für Sie, als gelernten Kaufmann, erwirkt?" „Ack ja," rief Strauß höhnisch. „Was die Juden mehr noch wollen, diese Frage wird vor einem andern Forum beantwortet werden. Das Matrikelwesen, diesen Schandfleck der bayrischen Gesetzgebung, sollten Sie, Herr Stadtschreiber, am wenigsten erwähnen, denn Sie waren es, der einmal die Aeußerung in öffentlicher Magistralssitzung that: Eher würde der Himmel auf die (Erde fallen, ehe ein Iud-' dahier ohne Matrikel die Ansäßigmachung erhalte!*»" Der Stadtschreiber ward so roth wie ein gesottner Krebs. Gr konnte vor Aecger nicht sprechen und leerte ein Glas um das andere. Ader so »tark ist die Macht der Bornnheile, dass die meisten Gäste, so sehr sie die Wah heit des Gesagten anerkannten, es dem Inden Strauß doch übel nahmen, einem Stadtschreiber einer christlichen Stadt so entgegen zu treten. Einem christlichen Bürger hätte man so was nachgefehen, ja viel leicht mit Beifall gelohnt. Jclbik am unteren Tisch, wo sich mehr das städtische Proletariat zum guten Trank eingefunden hatte, hörte man eine Aeußeruug: Der Jude soll'S Maul halten! Andere stimmten bei. Es trat eine Allen peinliche Pause ein. Da nahm der Kantor Ehrlich das Wort und sprach: „Ich stimme dem vollkommen bei, was Herr Strauß über die beregte Frage im Allgemeinen gesagt hat. Man sollte doch einmal aufhören, das Religionsbekenntnis;, namentlich des.Juden, in Perbältnisfe zu ziehen und zu betonen, wohin dies nicht gehört. Vollends ganz uiupnrdig scheint eS mir, das Wort Jude mit einem verächtlichen Nebenbegriff zu verbinden. Ein Jude ist mir ein Bekenner deS einzigen Gottes, wie wir Bekenner Ehristi sind, ferner meine ich, was Einer glaubt oder nicht glaubt, das geht einem Andern gar nichts an. Nur was er rhut, das fällt unserem Urtheil und wenn es unrecht ist, dem Arm des Gerichts anbeim. Das ist mein politisches GlaubenSbekenntniß und mit ihm, meine ich, könnten alle Confefsionen in sich und nebeneinander bestehen und mit ivm •) Fakrtick. i _ wäre allem Häder und allein Gezänk ein Ende gemacht und HauS un > Familie, Stadt und Kirche, könnten sich Glück wünschen, ja selbst die deutsche Einheit würde große Förderung dadurch erlangen." Er hatte aber kaum ausgeredet, als ihm der Sladtschreiber ins Wort siel, dem der Bürgermeister entsetzt Beifall nickte und sprach: „Wie können Sie als christlicher Lehrer eine solche Sprache führen? WaS werden ihre Vi rgefetzten zu solchen Grundsätzen sagen?" Der Kantor, ein Mann noch ans ocr alten Schule, welche ihren Schülern humane Grundsätze beibrachlen, dabei auch erfahren und lebensklug, fühlte selbst, daß er sich in diesem Kreise in einer Weite ausgesprochen habe, die ibm nachtheilig werden könnte. - Er sprach noch einige harmlose begütigende Worte, trank sein Bier aus und ging. Auch Strauß, oer wohl fühlte, daß es nicht cerathen sei, trotzdem man l848 schreibt, sich in einen religiösen Streit im WirthshauS einzulassen, wohin die Unterhaltung immer mehr gerathen war, brennte sich eine frische Cigarre an und ging. Nach ihm, abcr bedeutsam nickt mit ihm, gingen einige seiner Ngchba n und andere Bürger, auch der Bürgermeister. 'Nur der Sladtschreiber blieb und mit ihm andere Schlinge, mit welchen er häufig die Gläser anstieß. Man trank sich allmählig m eine selige Stim-i mung hinein, die dem Stadtschreiber keine seltene war und die seine Gesellschaft als die' angenehmste und vergnügteste anpcieß. Auch an dem unteren Tisch ward es lebendiger. Ein Hoch wack dem Stadlschreiber, der dafür einig«! Maas» Bier ai den Tisch bring.'» ließ und vom Gei<s genfritz, oer a ch Kind braver Eltern es "auf dem Gymnasium bis zur untersten Klaffe gebracht, aber wegen liederlichen Wandels gejagt worven war, wurde den Juden einPeceat! ausgebracht. Auch auf ven Schulmeister ward geschimpft, der kein guter Christ sei und den man Urals absetzen sollte, wobei.der Stadtschreiber schalkhaft mit den Augen zwinkerte. In diesem Tone ging es hange fort. Ieyt wuckS auch dem Äirth der Kamm der seiner Gesellschaft, eie was aufgehen ließ und besonders drin Stadtschreiber zu Gefallen reden wollte. Er schimpfte auf chcn Schullehrer, der ein rother Demokrat sei und ans die Juden, die sich jetzt io viel Yerausnebmen. Was? rief er >n seinem Bierbaß, was wird denn das werden, wenn Alles gleich wird? Da hätten wir Christen ja k.inen Borzua mehr! Soll M'.r jeder bei feinem Glauben bleiben, wie eS vordem war. Ja, die alten Inden, die hielten ihrm ' Sabbat. Sie tranken ihre Maaß Bier, wenn's sein mußte, ui.d am Sonntag kamen sie uns fragten, wabin 'ch schuld-ig? Da war »ock etwas zu verdienen. Aber jetzt geben sic für jedes GlaS Bier an ihrem heiligen Sabbat den Groschen hin und zahlen anj wie wir Christen WaS wird denn daS sein!