Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 46 (17.11.1869)
- Date
- 1869-11-17
- Page
- Seite 483 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4*3 Muhr ist trefa! So war fcer Mann bestellt, au- > dessen Leben wir zur Unterhaltung der Leser einen Lug im Zusammenhang mit den großen und kleinen, erhabenen und erniedrigenden Ereignissen des Jahres 1818, im Folgenden erzählen wollen. II. Die Politik auf der Straße. Aom n her! wir setz n uni zu Tisch; Wen möchte solch Narrheit rühren! , Die Welt geht auseinander wie «m fauler Fisch 1 Wir wollen ft' nicht balsimiren. Göthe. Es war an einem Sonntag Morgen. Die FrühlingSsonne blickte vom blauen Horizont freundlich hernieder. Die' christlichen Bewohner der Stadt schickten sich überall an, ihren „Täg des Herrn" zu feiern; auf dem Kirckthurm läutere eo das Erste, und die ländlicbe Bevölkerung stellte sich in ihrem eigentbümlichen Feslanzug ein, t eils zum Goltesoienst und theils i um ihre nöthigen Einkäufe für die kommende Woche \ bei den Gewcrbs- und Handelsleuten zu machen. Auf dem! Marktplatze vor einem schönen großen Haus, an dem mit großen Goldbuchstaben die Firpra: „Spezerei und Scknittwaarenhandlung von Pinheas Slernheimer" an- | gebracht war, bildete sich allmählig eine Gruppe von : Männern verschiedenen Alters, welche stch eifrig unter- ■; hielt und mitunter dabei geftikulirte. „ES spuckt und raucht überall", schloß ein junger Mann ohne Kops-! bedeckung in grauer mit Grün auSzeschlagener Joppe, mit brennender Eizarre im Munde, üb.r den ein zier- . licbeS Schnurrbärtchen hinlief, „es spuckt überall, fuhr l er in seGzer Rede fort. Die Völker wollen sich nicht; | mehr kneten lassen. Ja, nicht bloß die Franzose» i \ baben revolutionirt, auch die Deutschen rühren stch..! In Wien, in Berlin und in allen großen und kleinen Residenzen fordert das Volk feine Rechte, und wo : man sie ihm nicht giebt, da nimmt es sie sich mit Ge- ' walt. Wir schreiben jetzt 1848!" Alles hörte gespannt! aus diese Rede". j „Werden's haben, nahm ein ältlicher Mann das > Wort, wird' gut zugehen, wenn das Volk nimmt.! Wirst's bald erfahren, Strauß, sprach er zu dem jungen Mann gewendet, der mit ihm ein und dasselbe Haus in einer entfernteren Straße bewohnte. Wo man sich selbst nimmt, da ist Gewalt und die gefällt mir nicht. Und an wem wird man sich zuerst vergreisen?, an uns arme Juden, denen wird ma > ihr biscken Vermögen zuerst nehmen und jede Partei wird 1 zuerst auf unS loSschlaze.:. Ich Hab' das Jabr 1819 : erlebt und den Gräuel der Verwüstung, welchen der Pöbel in Würzburg angerichtet hat." Die alten Männer in der Gruppen stimmten erschrocken bei. Aber der junge Mann rief wieder: „A bah! Ihr Alten könnt' euch in unsrer Zeit nicht finden. Meint immer, ihr müßt katzenbuckeln um jedes gute Wort und sehet in allem gleich RischuS *). Man fürchtet sich i. 1.1848 nicht mehr. Auch für uns Juden ist der Tag der Freiheit angebrychen. In Frankfurt ist ein Parlament zusammengetretest, das die Einheit Deutschlands Herstellen wird. In diesem sitzen die freisinnigsten Männer des Landes und darunter auch Juden. Glaubt ihr, daß eine Vjersamlung, in der unser Rießer sitzt, etwas Anderes als die vollständigste Emanzipation der deutschen Juden proklamiren wird? Wird nicht der Grundsatz: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten zur unbedingten Anerkennung gelangen?" „Nun! waS sagt Ihr Gelbschnäbel dazu?" warf der Handelsmann Altinger ein, in Scköttingen droben ist der Pöbel dem Fürsten aufö Zimmer gerückt nnd hat ihn gezwungen, seinen alten Reckten schriftlich zu entsagen und auch unsere Glaubensgenossen haben mitgethan und haben sich von ihren Abgaben lossagen lassen? j>it man so etwas je noch von Inden gehört? „WaS wir dazu sagen?", ries Strauß, und die Mienen der jungen Männer bezeugten, daß er ihre Meinung getroffen, „dazu sagen wir, daß sie ganz recht daran thaten Haben lange genug die Gänse- und Klapper, Bezräbniß und andere Judengelder bezahlt, die ihnen eine gewaltthätige Jen ausgedrungen und eine feile Justiz erhalten hat. Oder meint ihr, das Volk wird für uns die Kastanien aus der heißen Asche holen und wir dürfen nur zusehen? Wir Juden müssen in allem mitrathen und mitthaten und unS freimachennnd nicht in der Ferne halten. Manschreibt jetzt 1848. „Wahr ist'S", sagte der ältlicke Mann, welcher 'zuerst gesprochen hatte wieder. „Wir Juden erleiden viel Unrecht, viel Bedrückung. Wie sind, wir überall in unserem Erwerb gehindert, während man von uns alle und jede Abgaben wie von einem anderen fordert, ja sogar noch mehr; von sem erbärmlichen Matrikelwesen gar nickt zu rede». Aber trotz all dem bleib' ich dabei: Wir Juden dürfen nicht revolutioniren! apj," np dip^ Jacob Hai nur Worte, nicht Gewalt. Die Macht der Wahrheit und die Hilfe unseres Gottes, die machen uns frei. So stritten sie lange. Die älteren und bedächtigen Männer konnten sich nicht in den Gedanken der Erlösung von allem Druck durch Revolution finden, sie fürcht.'ten, daß sich die erwachte Macht des Volkes gegen sie kehren würde. Die jüngeren Männer aber freuten sich des neu aufgegangenen Tages, der das Vaterland frei und sie selbst zu weltberechtigten Bürgern desselben machen werde. Der Refrain ihre- Wortführer« Strauß, der seine Lehrzeit als Kaufmann in Frankfurt zugebracht, wo er vorher durch die Güte eines reichen Onkels die dortigen Schulen besucht hatte» der Refrain war immer' „Wir schreiben jetzt 1848! *) Judenfeindschaft.