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Der israelitische Lehrer · 1869-11-10 · 45 (10.11.1869) · p. Seite 475

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
9 (1869)
Issue
45 (10.11.1869)
Date
1869-11-10
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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9 475 rischen Gemeinde des Ortes. Da lag ihm, wie dies j das Geschlecht der Dümlinge von jeher gethan, in erster! Linie ob, deren sämmtliche Wohnungen an Sabbattagen zur Winterszeit mit dem Frühesten zu Heizen und das Feuer den Tag über zu unterhalten, bei Sabbattaus- : gang oder in sonstigen Ausnahmefällen Licht aufzu-! zünden, oder auch abzulöschen, kurz alle diejenigen Arbeiten und Verrichtungen in den Wohnungen der Juden vorzunehmen, welche diesen eine strenge Sabr -batfeier verbietet. Licht aufzuzünden und noch hänfiger eS abzulöschen, lag ihm auch in der Synagoge ob, und' namentlicb am großen Versöhnungstage war er so eigentlich im buchstäblichen Sinne des Wortes ein Diener des Lichtes; denn da ging er den gg izen Tag über deshalb ab und zu. und in der Nacht hielt er Wacde im Gotteshaus, damit, wie er als Reminiszenz seines Vetters, der seines Zeichens ehrsamer Nachtwächter der guten Stadt Lobheim gewesen war, sagte, „durch Feuer- und Licht, kein Schaden nicht geschicht". Dabei nahm sein sonst gerade nicht geistreiches, mit einer Stumpfnase geziertes, gerötbetes Gesicht, eine sehr ernste, wie er sagte, kirchliche Miene an, und auf seinem schneeigen Haupt trug er zur Feier des Tages eine frisch gewaschene Zipfelkappe und legte eine desgleichen Schürze jcdeSinal neu um. So sollte sein äußerer Mensch mit seiner Umgebung in Harmonie treten, denn in t. v Synagoge waren an diesem Tage alle Stände weist belegt, und die Thora's weist bekleidet, und die Gemeindeglieder mit den meisten Sterbgewändern angetban. Ja, er legte sogar, gleich den Zetern, an diesem Abend! die Schuhe ab und bewegte sich so unhörbar, die eigens | dazu gehaltene alterthümliche Lichtscheere in der Hand! durch die Reihen der Andächtigen, um nicht blost den Kronleuchtern, welche von der Decke Herabhinzen, sondern auch den zahlreichen Wachskerzen auf den eisernen Gestellen an der Wand, — allwo ein jedes Familienglied eine angebracht hatte, — in ihrem Werk der Erleuchtung zweckdienlich nachzuhelfen. Beineben war es auch seine Aufgabe, das Hol; der Geineindeglieder zu spalten, ihre Garten- und Feldarbeiten mit zu bestellen, Botengänge zu th»n und dgl. Es war dies ganz besonders im Haufe des Vorstehers, von Inden und Christen hergebrachter Weise noch Parnost genannt, der Fall, dem er auch Hausknecht und nach Umständen Kutscher war, und der ihn deshalb scherzweise seinen Lol bo *) zu nennen pflegte. Nahm er eS auch gerade mit den Gesehen des Mein und Dein dabei nicht so ganz genau, besonders bei Est- «aaren und derlei, so begnügte man sich, ihm eifrig nachzugehen. und ihm, um seiner andern Tugenden willen, wie Andern seines Gleichen, etwas nachzusehen. Mit diesen Funktionen, die sich in noch gar viele *) Ein alle« enthaltende« Gebetbuch. andere Nebenverrichtungen verästelten, die alle zu nennen weder nöthig noch schicklich wäre, waren, außer gutem Boten- und Taglohn und den obligaten „Schabbes krenzern sür's Schüren" noch so manche Emolumente und ungezählte Aceidenzien verbunden, mit Hilfe deren sich Dümllng, der Junggeselle war und bleiben wollte, ganz gut fortbrachte. Dahin zählte vor allem ein ansehnliches St.'.ck Sabbat-Brod aus jedem Hau« und ein desgleichen von der bekannten Sabbat-Mehlspeise, Kugel genannt, hie und da noch andere Ueberbleibsel. Ferner manches trefa*) gewordene Huhn oder eine andere durch rechtswidrige Vermischungin diese Kategorie gefallene Spelle, dann das Neuegeld für den Scheinvcrkauf alles Gesäuerten über Peßach und endlich noch viele abgelegte Kleidungsstücke, wobei ihm noch persönlich das gut zu statten kam, dast die Röcke des Parnost ibm wie angemessen standen und die etwas zu langen Schöße durch die landesübliche Tracht'der christlichen Ein vohner ausgeglichen wurden. Von dieser Lebensstellung hatte Johann Dümling — Johann in Hans üblicher Weife verwandelt, und der bei den Juden üblichen Aussprache des Wortes entsprechend — den Namen Schabbas-HanS erhalten, den auch die Christen aeceptirt hatten. Seinen vollen l Namen, den er nur hörte, wenn er zu Gericht geladen oder sonst etwas unterschreiben sollte,. gebrauchte im Leben, Niemand gegen ihn, und er hatte sich daran gewöhnt, auf jenen zu bören, wenn er gleich innerlich damit nicht zufrieden war. 1 Zur näheren Kennzeichnung dieses NamcS fei uns erlaubt, noch einige charakteristische Vorfälle aus seinem Leben hier anzugrben. An einem Sabbat-Nachmittag wollte einmal derParnoß — wir werden diesen Mann im nächsten Kapifcl näher kennen > lernen — wisein, rückwärts des Hauses bestndtiches Jimmer gehen, wo er an diesen Tagen gewöhnlich etwas;u „lernen" und sein MittagS-Ichläschen ungestört zu machen pflegte. Nack gewohnter Weise und um;u sehen, ob Alles darin in Ordnung sei, warf er erst durch das in der Tbür angebrachte! Fensterchen einen Blick; c siehe! da saß der SchabbaS-HanS in seinem Lehnstuhl, auf dem Tisch vor ihm ein Halmudfoliant, auf dem sein Haupt schlafend ruhete. Geweckt, erklärte er, wie er seil langer Zeit an Schlaflosigkeit leide. Da habe er schon oft gesehen, wie der Herr Paruoß auf diesem Buch immer io sanft eingeschlssen sei und daher habe er sich auch dieses Mittels, um schlafen zu können, bedient. Wir setzen bei, daß sein G-anbe bei lange nicht gehabten! Schlaf, ihm geholfen und der Talmudfolianl darum! seine erwartete Wirkung gethan hatte. Ein andermal — dies soll seine Kapazität in an- I deren Dingen kennzeichnen — zechte er im WirthöhauK •) Nach dem Speitegesetz ungmiehbar. i

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