Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 41 (13.10.1869)
- Date
- 1869-10-13
- Page
- Seite 443 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 443 — Feuilleton. Der Traum eines Künstlers. -• Rach dem Ungarisch«,, rrzihlt von IS. I. Rosenmeyer, Oberlehrer in S. A. Ujhely ') (Schluß.) Sarah! Welch ein Vorwurf für mich liegt nicht in diesem einfachen Namen! Du unschuldiger Engel meiner Jugend, wie'sündigte ich gegen Dich! Der Rubin des Götzen drängte Dich aus meinem Herren, der Taumel der falschen Glückseligkeit machte mich dich vergessen, Du aber bliebest mir unter allen Verhältnissen treu, Du hast die Feuertaufe bestanden und mein Andenken mit seltener Treue bewahrt, trotz der Gleichgiltigkeit meines ewigen Stillschweigens bliebet Du standhaft und übernahmst sogar für mich die Pflichten efneS Kindes als Pflegerin und Trösterin meiner alten Mutter. Mit der Erinnerung an die Seligkeit meiner Jugendjahre kehrte auch die Jugendliebe selbst zurück, ich fühlte ihre Rückkehr in tausendfacher Kraft. Ich werde mich Dir zu Füssen'werfen, aus deinen Engelsangcn Verzeihung erfleaen für die Sünden meiner Jugend. Ich kenne Dein vortreffliches Her; und bin gewiß, Du wirst mir Alles verzeihen — dann werde ich um Dich bei Deinem Vater werben — und Dich führen — — Wohin, clcnoer Apostat! Unter die Chuppah oder zum Altäre? Kann ich, darf ich mich Dir unter die Augen wagen, nachdem ich Dir die Hoffnung geraubt, die Rosen Deiner Jugend geknickt. Damals logich wohl nicht, ais ich Dir sagte: „ich liebe Dich", alS ich Dir ewige Treue schwer, Dein zu sein für immer. Seit dieser Zeit bin ich ein Heuchler, ein Bösewickt, ein Verräther geworden, dessen Lippen anders sprechen, als das Herz fühlt, dem kein Eid heilig, dem seine Ueberzcugung eine Waäre und der seinen selbstsüchtigen Wünschen diejenige» opfert, die ibm vertrauen. Ich fühlte eine Ohnmacht, eine mit jeder Minute wachjcncc Pein. Schon waren mir die Worte auf de» Lippen: Freue Dich nicht, Mutter, Du hast keinen Sohn mehr. Schwä,me nicht, Maschen, von der Treue Deines Geliebten, heirathe, schwere ewige Treue, aber halte sie nicht so, wie ick Dir ne hielt — Saget, wenn mein Name genannt wird: „er werde ausgclöjcht von der Erde!" Verzeihet mir nicht, was ich gegen Euch verbrochen, damil ich nicht Gnade finde weder im Himmel, nock auf Erde», und nch an mir erfülle der ganze Fluch der Schrift". Wenn ich dieses hätte Alles sagen können, würde ich mich vielleicht erleichtert gefühlt haben, doch ich mußte Rnhe, Freude heucheln. Mit einer gleichgiltigcn Miene, doch großen An streugung, sagte ich endlich: „ick bin schläfrig, liebe Mutter, laß mich, verschone mich mit dem Besuch, bis auf Morgen." *) Nach Miivi-sznbrimul bei Mozei M' . bcacb itet. Es f el der Mutter schwer, daß ich das Abendessen nichs abwarten und das Kiduschgebet — denn es war Freitagabend, — nickt abhielt, doch gab sie, da eS einmal mein Wunsch war, nach und geleitete mich in das Schlafzimmer — um Ruhe zu finden. im Schlgfe. Ich wäre eher im Stande.geivesen, Wunder zu verrichten als in dieses» aufgeregten Zustande zu schlafen. Ängekleidet warf ich mich auf das Bett, unter ungtheuren Schmerzen Secuaden zählend. Lch, dachte an«inen Selbstmord, mein Leben war mir zuwider. - Solle ich etwa meine Mutter, sollte ich Sarah bedenken? Halten sie doch ohnehin keinen. Sohn, keinen . Verlobten mehr, ne verloren ihn längst in■> einer Weise, di: viel schmerzliche?, als der Tod. Wenn ich sterbe, werden sie mich beweinen, meine Mutter wird endl ch im weisen Ratbschlusse Gottes ihren Trost finden. Er kann geben, kann auch wieder nehmen^ — Wenn ich leben bleibe, wenn sie meine LebenSge7 schichte ersährt, wird sie ihren eignen Schoß verfluchen, der mich zeboren. — Draußen hörte ich die Thüre sich öffnen. Es lain Besuch. Sarah »nd die Ihrigen. Ich hörte jene Tone, die Musik meiner ersten Jugend. Ich horchte und jede Modulation dieser Stimme verlebendigte meinem Gedächtnisse ein andres,- längst vergessenes Bild meintr alten Seligkeit. Sie sprach ustd jeoer Laut tönte in meinem Äusen getreue lich nach. ES zog mich hin, ne zu sehen, vor ihr niederzusinken. wieder zu sieben, wie vor alrerlZeit. Ich konnte nicht widerstebeu. Leise schlich ich mich vom Bette, vorsichtig ichoh ick den Riegel bei Seite, ui d lautlos öffnete sich die Thüre. Mir gegenüber saß ein junges Frauenzimmer, die zwei großen si stvärmerijchen Augen gerade auf mich geheftet. Sie ist's! Du himmlische Glückseligkeit! Du verlornes Paradies! Du vcrzweiflungsvoller Jammer! Me n Blut schäumte in diesem Augenblicke so eigenthm glich, mein Herz schlug so sonderbar — ein halb nnt ndrückker Schrei entwand nch znciner Brust, und ick ank zusammen. j Me n eigner Schrei ließ mich erwachen, und als ick aufspringend die Strahlen der ausgehenden Sonne aus der Kuppel der Pclerskirchc schimmeln iah, war ich glücklich, Alles nur geträumt zu haben.! Ich begriff! die Lehre meines schweren Traumes lsfls freute mich j unaussp eidlich, jener Glanbensgenossrnjchaft anzugehören, deren Erbiheil zwar Leiden uijd Verfolgung sind, ans deren Fahne aber die erhabenen Worte stehen: „Höre Israel, der Ewige ist dein Gost, der Ewige ist einzig! — V