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Der israelitische Lehrer · 1869-10-06 · 40 (6.10.1869) · p. Seite 435

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
9 (1869)
Issue
40 (6.10.1869)
Date
1869-10-06
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
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435 Ich wurde Christ. Die Hallen der Kunst standen mir offen. Alles, was man mir versprochen. ging auf 1 taö Genaueste in Erfüllung, man überhänstc mich mit Auszeichnungen und Unterstützungen, führte mich j in die feinsten Familien und bestürmte mich mit Be-; ftellungcn, die man bald zu den vorzüglichsten Meisterstücken der Kunst zählte. Meine Talente wurden ge- , 7Ühmt, meine Anlagen allgemein bewundert und meine Kunstwerke als vorzüglich von berühmten Meistern gepriesen. Die Tage der Glücklichen entrinnen schnell und schon nach ^jährigem Aufenthalte in Rom batte ich eine seltene Berühmtheit erlangt und war, ohne das; ich cs selbst wußte, ein weltberühmter Künstler geworden. - In meinem Künstlertaumel hatte ick' Hciinath uns Herkunft vergessen, nur selten gedachte ich meiner lieben Mutter, die mich in Sorgen erzogen, . noch seltner der Gespielen meiner Fugend, die mir so zugethan waren. Ganz anders dachte meine arme Mutter, die mich täglich in ibr Gebet schloß und endlich inst dem Wunsch, ihren einzigen Sohn noch einmal wiederzusehen, nicht länger mehr zurückhalten konnte. Wie sehr mich eineStbeils der unerwartete Brief meiner Mutter freute, so - schmerzte mich anderutheils das Bewußtsein wieder, ^doß ich ihrer Liebe nicht würdig und gegen ihre Iärtlilckkeit undankbar gewesen. Meine Ingenderinnerungen »raren mächtig vor meine Seele gestiegen, und nichts war mir so thener, wie meine Mutter, der ick mit inniger Liebe anhing. Ich ordnete schnell meine Angelegenheiten in der Tibcrjiadt. Da. ich kurz vor meinem Anlangcn in der Heimath einen. Brief a.i meine Mutter hatte abgehen lassen, so war mein Komnien in meinem kleinen Geburtsorte kein Gebckmniß mehr, und noch bevor ich das be'cheidcne Hänschen meiner Mutter an eineni Freitagnachmittag betrat, wußte' 'Federmann im Städtchen, daß der berühmte Iadkünitlcr angelangt fei. Die lheure Mutter und ich - wir weinten Freudenthränen des Wiedersehens und waren glücklich, schon nach einigen Augenblicken, als die ersten Besuche naher Verwandte beseitigt waren, einander ganz anzug-hören,. Mit unaussprechlicher Freude lauschte die zärtliche Mutter meinen Worten und sie lebte fri'ch auf, als sie von meinen gefeierten Triumphen im Auslände erfuhr. Doch in den übersließenden Freusenkelch sollte nur zu bald der erste bittere Tropfen fallen, der mir den süßen Genuß vergällte. Es war ein dunkler Fleck in meinem Leben, ein Fehltritt, mit dem ich hinuntergeglitten war von der Dornenbahn meiner Väter und hinübergeirrt aus^die geebneten Wege der Fremden, ein Schritt, der meine Geburt verleuguete, und den ich nicht entschuldigen konnte vor der, die mich gebar. Es war die erste Lüge, die nur so heiß auf dem Herzen brannte, die ick' meiner Mutter sagen sollte, und die mir so unaussprechlich webe that. Ein falscher Schwur würde mir nickt so sckwer gefallen sein, als diese Lüge in den ersten Minuten unseres Wiedersehens. Doch was war zu tbun? Ein Eingeständnis; wäre ein Todesstoß in das Herz meiner tbeuren Mutter gewesen. Meine Mutter war eine fromme Fra». „Sei gepriesen, Gott Israels, Herr der Welt, der du üb--rschütlest mit Deiner huldvollen Gnade die Söbne InaelS; segne und beschütze, anck fernerhin mein tbeurrs Kind, wenn cs fick im <M'etc an Dick wendet. Du aber, mein theurer Sohn, vergesse nie. daß alles Gute von Gott kommt, der im Glück nie im Unglück über Dick wacht, der der Gott deiner Väter war von Geschlecht zu Geschleckt und welcher der (^ctt Deiner Enkel sein ivird bis zwn letzten Sproßen". Wenn d-e ganze Welt mick verflucht hätte, wenn ick verbannt worden »äre aus der menschlichen Gesellschaft, r.ick'is hätte mich so niedergedrückt als die segnenden Worte meiner tbeuren Mutter cs gelhau. Ein jedes ihrer Worte war für mich eine Folterbank meines Gewissens, ein jedes ihrer Gebete eine Pein für Geist und Körper. A ck>. wie gern wäre ick davon gelsuie», wie gern hätte ich verlassen, wonach ick mich so lange gesehnt. Es. war mir. als sollte' ick zusammen ü ken. und in dieser Siunde für die eine Sünde lansendfach leiden. 'Was sollte ick', was ton nee i ch jetzt mache»? Ick bckäiiip tc die peinliche Schande, den wülbenden Schmer;, und mit gcser.k: n.i Haupte empfing ich stnmnt die l'ebevcllcii Küss meiner armen Mnuet; mußte ick mich doch vor jedem verfänglichen Wort, bitten. um mich nick't' zu veiratben. „Morgen geben wir in die Synagoge, mein Sohn", jagte »iciuc Mutter, es ist Sabbath und der Vorsteher der Gemeinde behielt für Dich dcu Mattier, obwohl ein Andrer als Bräutigam gerechte Anjprückc darauf bat, und dieser der Ausschließung wegen nickt wenig erbost ist. Arme-Mutter! Sollte ich doch aus jedem deiner Wone Deine unbegränzlc Liebe erkennen, und doch ist jercs dersebben em Tolck'stilch für mein -Herz. Das reine Wort auf einen unreinen Bnseir fallend, ist eine brennende ,'Iohkc, welche zwar reinigt, aber auch den bcsteckten Körpertheil cinäschcrt. Ich wußte wohl, daß mein Gang zur Synagoge und mein Mafliersagen zu den beglückcndsten Gedanke»'meiner Mutter gehörte, und daß sic. um diese kindliche Freude zu ermöglichen, gern cinai Theil ibres Lebens hingcgeben hätte. Doch, konnte ich jene Anhöhe besteige», aus welcher meine Väter und'Großväter mit so vieler Andacht die Worte Gottes anhörtenö Konnte ich in meiner jetzigen Lage das Betbaus betreten, den Sitz

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