Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 9 (1869)
- Issue
- 36 (8.9.1869)
- Date
- 1869-09-08
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r 403 Feuilleton. Kartwig Wessely. biographische Skizze von H. Jacobson. Auch das Judeuthum hat trotz des gewaltigen Druckes, unter dem e» zur Zeit noch seufzte, seinen -ntheil an der Entwicklung und dem Wiedererwachen der deutschen Literatur. War es doch ein Jude — Spinoza — der mit SimsonSarmen das morsche Gebaute veralteter Philosophen,« zertrümmernd, jenen stolzen Prachtbau des Geistes aufsührte, dessen Grundsteine ewig und unvergänglich die Basis einer neuen Richtung bildeten. War es doch ein Jude — Mojes Mendelssohn — der thätig in das Gefüge des literarischen Räderwerkes eingreifend, sich Einfluß und einen Ehrenplatz auf dem deutschen Parnasse erwarb, abgesehen von dem Verdienste, einen Lessing — den Schöpftr des deutschen Drama's — zu seinem Meisterwerke Nathan begeistert zu haben. Doch diese Männer — wissenschaftliche Kosmopoliten — haben weniger für in« Jutenibum insbesondere, als vielmehr für die ganze Menschheit gearbeitet; um so größer war der Lohn ibrer Bemühungen — ein Welten-Ruf und Ruhm. Permittelten sie einerseits dadurch das Judenthnm mit europäischer Eultur, so büßten sie andererseits auch wieder durch diesen KoömopolitiSmuS ihres Wirkens einen Theil ihres Einflusses auf die Glaubensgenossen ein. Um wie viel höher sind daber —*vom Standpunkte des Judenthums aus — jene Männer zu schätzen, die in.dem engen abgegrenzten Wirkungskreise einzig und allein im Gebiete des Mosaismu« all' ihren Lohn darin suchten und fanden, ihre Glaubensgenossen aus die Höhe zeitgemäßer Bildung zu erheben, sie zu Staatsbürgern heranzubilden und durch Erweckung der in ihnen noch schlummernden Fähigkeiten sie ihren christlichen — so weit vorgeschrittenen — Brüdern im Staate gleich-.»stellen. Gewiß verdienen diese Männer vor Allen Ruhm und höchste Anerkennung, in je engeren und beschränkteren Kreisen sie sich bewegten. Der Besten Einer dieser Reformatoren des JudenthumS war Hartwig Wessely, dessen Leben wir in dem folgenden kurzen Umrisse schildern wollen. - Naphtaly Hartwig Wessely, geboren 1725 zu Hamburg, stammte auS einer hochachtbaren Familie polnischer Abkunft, welche sich in Folge der Kosackenrevolten in Polen nach Wesel geflüchtet hatte (woher der Name). WesselyS Großvater war Commercienratb und Agent des dänischen Königs Friedrich (VI.). in welcher Eigenschaft er sich in Hamburg niederließ. Hart- «ig's Vater, Behrend Wessely, ein Mann von unge- «öhnlicher Kenntniß, war nicht winder, wie die Mutter, eine geborene Herz Beer auS Frankfurt, geeignet,! ihrem ältesten von 4 Söhnen als leuchtendes Vorbild in Bezug auf Charakter und Gemüth zu dienen. Der jynge Hartwig entwickelte fick geistig und körperlich auf's Dortheilhafteste und zeigte die schönsten Anlagen. Als die Familie von Hamburg nach Copenhagen überstedrln mußte, wvr Hartwig noch im zartesten Kindesalter. Nichtsdestoweniger erhielt der , kaum 6 Jahr alte Knabe einen Hauslehrer, der ihn; — nach der Sitte der Zeit — im Hebräischen unj terrichten mußte. Wie dieser Unterricht beschaffen war,! kann man leicht erkennen, wenn man die Art des Unterrichtes und den Lehrer näher betrachtet. Letzterer, ein Mensch von der geringsten pädagogischen Begas bung und ohne jede Spur von Lehrfähigkeit, quälte das Kind mit den schwierigsten Stellen des Talmud. Daß bei einer solchen Methode Hartwig überhaupt noch Geschmack am Lernen fand, nimmt um so mehr Wunder, als sein Sinn ans vielfache Weise abgezogen wurde. Die Neuheit des Aufenthalts einerseits, andrerseits aber der Verkehr mit hohen einflußreichen Persönlichkeiten, ja mit dem Könige selbst, rief in der Familie eine, gewisse Aufregung hervor, von der auch der leichtenizündliche Knabe erfaßt wurde. In seftiem 10. Jahre fand Hartwig endlich Erlösung von idem Knutenregimente seines unfähigen Erziehers, dessen Nachfolger, der gelehrte Rabbi Salomon Hene,!ibm ein zweiter Vater wurde. Rabbi Hege, ein ebenso tüchtiger Hebräer als Philologe überhaupt, wußte durch angemessene pädagogische Behandlung Geist i und Herz seines Schülers zum Besten heranzubilden und!denselben zu seinem künftigen, hohen Berufe vorzubereiten. Beim Studium des Hebräi'chen wurden auch die modernen Sprachen nicht vergessen. Hartwig lernte in kurzer Zeit: Dänisch, Deutsch, Französisch, Holländisch und hatte auch in den alten Sprachen ziemliche Fertigkeit erlangt. Ebenso eifrig betrieb er diei Na- I turwisscnschasten, namentlich Botanik; das Gebiet der ' Anatomie blieb ihm ebenfalls nicht fremd. Sv erlangte Hartwig schon in seinem 17. Jahr eine gründliche und doch umfassende Bildung; jn der Folge sein eifrigstes Streben dabin richtend, durch eisernen Fleiß es möglichst bis zur Höhe der Vollkommenheitzu bringen. Des Hebräischen war Hartwig vollkommen mächtig, um so mehr, als er die Erlernung und das Studium desselben nicht nach dem herrschenden Brauche aus mechanischem Wege zn erlange» suchte, sondern es wissenschaftlich erforschte und sich mit höchstem Fleiße in die Tiefen der Grammatik und des Worvbaueö versenkte. So erkannte er denn wohl, daß die bebräische Sprache den ihr vielseitig gemachten Vorwurf der Starrheit und Unbildsamkeit nicht verdiente, vielmehr sich nach denselben bestimmten Gesetzt» al« alle ai.dere Sprachen entwickelt babe und Lebenskraft