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Der israelitische Lehrer · 1868-10-28 · 44 (28.10.1868) · p. Seite 250

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
8 (1868)
Issue
44 (28.10.1868)
Date
1868-10-28
Page
Seite 250 (sequence 2)
Language
German
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250 den. Ja es wäre sinnlos zu berichten, Josua habe gebetet, daß die Sonne in'ihrer Bewegung geheotmt werde ündin ihrem Laufe still stehen möge, und Gott babe dieses Gebet wunderbar erhört und in Erfüllung gehen lassen > — wenn die Sonne in Wirklichkeit sich gar nicht bewegt , sondern an sich schon still steht. Der Bericht der Bibel gründet sich eben auf jDte alte auf Augenschein beruhende Weltanschauung, es ist dies die Lebre des PtolemäuS; die Lehre des Kopernikus gilt den Bibelgläubigen als ketzerische Neuerung/ Aber darin allein weicht die Anschauung der Bibel nickt von der wissenschaftlichen Forschung ab. DaS Alter.der W?lt, die Schöpfungstheorie, die Schöpfunzszeiten', die Aufeinanderfolge der Schöpfungswerke, die Schöpfungsart des Menschen an sich und zstm Untersckiede von den Thieren. die Respirationsthehrie als' eine nur auf das menschlicke Leben bezügliche/'btc Hinstellung des Wolkenzelts als den vollendeten Himmel, die Ausstellung von Wasserbehältern über den Wolken zvgl. auch Gen. 7, 11s. daS Wachsen der Pflanzen ohne Sonnenwärme, das Vorhandensein des Lichts auch außerhalb und losgelöst von der Sonne, — in allen diesen Dingen stimmt die Wissenschaft nickt st riet mit der Bibel überein. Und was den bedeutendsten und wickrigsten Unterschied in der früberen naiven Welransckauung ausmacht und auck in der Bibel wiei erkehrt: die Erde galt als Mittelpunkt des ganzen gro;en Welisvstems, und 'Sonne, Mond und Sterne waren nur gesckasten, um als Lichter und Zeitmesser für die Erde zu dienen. Daß jeder Stern eine Welt für stch ist und -d.'ch dem universellen Ganzen angehört, >aß die Sonne der Mittelpunkt unseres Weltsnstems, aber auck nur des einen ist, daß-aber jeder Fixstern wicdei um als die Sonne eines andern Welstvftems gilt, ind für die unzähligen Welten eine Centralsonne gesicht unk vielleicht ebenso, sicher gefunden werden wird, wie Leverricr die im Voraus geahnten und berechneten Planeten gefunden hat; — dieser Gedanke der Wis ensckast war der früberen Zeit unbekannt uitd liegt euch der Bibel fern. Es ist hier nickt der Ln, unsere Anfickt aber die biblisckr Schöpfungstbeorie darzulegen nnd?as Wort der Bibel vor ungerechtfertigten Anglisten zu sickern. Nur soviel sei bemerkt, daß die Bibel nicht ein Buck wissenschaftlicher Belehrung sein will und nickt diese znm Zweck hat, sondern den Unisturz heidnuck-unsittlicher und die Begründung mcuolheistiischsittlicker Ideen. Die Frage, ob Wistcnschaft Hder Bibel, und welche von seiden zu weicken babe, fällt daher von unserm Standpunkte aus weg; ste bestehen beide neben einander' und ihre Gebiete schließen sich gegenseitig nicht aus. Im Judenthum'ist diese Frage längst entschieden oder eigentlich nie entstanden, Tie Bibel war uns nie ein verschlossenes Buck, sondern gemeinsames Eigenthum und die wisienschaftliche Forschung darüber nicht bloS zulässig und geduldet, sondern religiöse Pflicht. Die Religion des Judenthums fürchtet eben nichts von wissenschaftlicher Aufdeckung, sie weiß, daß sie dadurch nur gewinnt. Ueberhaupt ist im Judenthum Nichts dem bloßen Glauben übergeben. Der Gottesglaube selbst soll auf Erkenntniß gegründet sein (Hof. 2, 21); die Religion überhaupt soll nichts Aufgezwungenes sein, sondern auf eigener Erkeimtniß und freier Entschließung ruhen (Er. 19, 7 ünd 8, .Jos. 24, 22). Es ist nöthig, daß man dies wisse' und feststelle, um nicht durch stets neue Aufdeckung von wirklichen oder scheinbaren Widersprüchen beständig am Worte GotteS rütteln und damit den Grundbau alles religiösen Denkens und Lebens zerstören zu sehen. Denn daS ist es, was die Einen zu offenen Leugnern am Worte Gottes und die Anden: nur um so mehr zu starren und blinden Anhängern desselben macht. Lasten wir das Wort Gottes stehen und zum Beweise, daß wir dies auf rationellem Wege , mit Billigung und Annahme der Resultate wissenschaftlicher Forschung, mit Gutheißung des menschlichen Verstandes und unsrer Denkkraft können, unterziehen wir die streitige Stelle an Jos. 10, 12 einer näheren Betrachtung und Erläuterung. Für die Deutung nnd das Verständniß der Bibel gilt das Grundwort der alten Schrifterklärer: „Die Bibel bcquemt fick der gewohnten Denk- und Sprechweise der Menschen an." Wie ist es auch anders .möglich, als das Wort in der' gegebenen Bedeutung zu nehmen und anzuwenden? Darauf gründet sich inn Schöpsungsbcrichte der Gegensatz von Himmel und Erde als Bezeichnung des ganzen Universums, darauf in Josua die Änsckauung von der Bewegung der Sonne und -der Nnbeweglickkeit der Erde. Es kommt an letzterer Stelle gar nickt darauf an, die pbysische Wahrheit zu lehren, sondern das Wunder zu verkünden, daß die Sonne nicht zur gewohnten Zeit unterging und eS länger Tag blieb, als zu erwarten stand.! Der Ausdruck konnte sich dabei dem herrschenden j Sprackgebrauch nnd der gewohnten Anschauung an-! schließen, ja er mußte es, weit er -sonst nicht verstanden.! worden wäre. Die auf gewohnte, herrschend gewordene : Änsckauung gegründeten Ausdrücke sind überhaupt nicht; so leicht aus der Sprechweise des Volkes zu verdrängen ■ und bestehen fort, selbst wenn die Anschaungen langst als irrige erkannt und gelehrt worden sind. So sprechen ja-auch wir trotz besseren Wiffens t.nd trotz unserer wissenschasllich geläuterten Anschauungen immer noch von „Aufgang und Niedergang" der Sonne, obgleich 1 wir wissen, daß die Sonne sich nicht bewegt. ES ist dies hben die ererbte, gewohnte und auf natürliche Beobachtung gegründete Anschauung und die darauf ruhende Ausdrucks- und Bezeichnungsweise des Volks.

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