Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 8 (1868)
- Issue
- 27 (1.7.1868)
- Date
- 1868-07-01
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Himmel hat sich nicht weiter geöffnet. Der Gottesdienst ist der alte, wie vordem, bloS, wir bisher, durch Entfernung einiger Piutim reformirt. ES gibt zwar noch immer Leute, welch« sich auf dieses Minimum der Reform; etwas zu Gute thun, — leider ist -Lmpf ihr Führer! j — aber die Mehrzahl der Tempelbesucher dürstet nach j dem klaren Waffer -er göttlichen Lehre — und es wird ibnen trübeS gereicht. Tarnopol, 9. Juni. Tie rumänischen Zustände scheinen ansteckend auch auf die Nachbarlande wir- ' ken und die „amtliche" Judeuhetze nicht mehr die berechtigte Eigenthümlichkeit von Galacz und Bakeu bleiben zu wollen. Unter der Rubrik .Rumänisches in Oestreich" meldet die Reue fr. Presse nachstehende recht hübsche Polizeiaffaire: .Gestern hörten wir mitten im tiefen Frieden Schlachtrufe, Kriegsgetümmel, scharfe,' Schwerter blitzten» in der Sonne, cs floß Blut, Finger wurden abgehauen ,' Schädel eingeschlagen und Verwundete weggcführt. Tie Sacke »erhält sich folgendermaßen: j Ein Bauer vom 'Lande kam zum Eisenhändler Michel — Kamm, kaufte eine Sense und zahlte hierfür 60 kr.; 'der Kaufmann glaubte aber, sie um 70 kr. »erkauft, der Bauer dagegen, sie um 60-kr.'erhandelt zn haben; cs kam zum Streite. Der Bauer rief einen Polizcimann herbei, welcher den Streit beilegen wollte; dieser gcdcrdete sich aber, wie es in Galizien zu geschehen pflegt, zugleich als Richter und nahm endtich den Krämer am Kragen, um ibn 'auf die Polizei zu schleppen. Der Jude, der es wahrscheinlich mit der sancliouirten persönlichen Freiheit ernst-nahmprotestirte gegen die rohe Behandlung; es kam zu Tbätlichkeiten, uud der Polizeimann zog ein blankgeschliffenes Schwerts Darob erschreckt, kommt der Nachbar Caspar Ludmer, ein Schnittwaarenbändler, herbeigehinkt (er ist rin krummbeiniges, schwaches Männlein) und wird mit Stößen lractirl; besten Frau, Malkc, die den Gatten wegzichen will, erhält mehrere Schwerthiebe über den Kopf und fällt besinnungslos stieder, und einem Schneider, Michel Kamm, baut der Wüthcndc zivci Finger von der Hand weg. Endlich gelang es mehreren Iherbelgerufenen Polizeileuten, den Canieraden wegzubringen und auf Befehl eines israelitische» Gemeinderaths zu arrctiren. Eine Stunde darauf verbreitete sich das Gerücht, man hätte den Polizeimann sreigelastcn. Als ein israelitischer Gemcinderath in das Gemeindeamt ging» um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, erklärte man ihm, .man habe dem Deliquenten nur ein wenig erlaubt, nach Hause zu gehcil und sich an seinem MittagSmahle, daö etwa kalt werden würde. nach so viel Mühe zu delectiren". (!) Ein anderer Polizeimaun kam darauf mit der Menge, die, natürlich aufgeregt, sich nicht zerstreute, in Conflikt uud mußt« sich in die ProbinationS-Kanzlci flüchten. Darob kam der Polizeifeldwebel in Harnisch und requirirte ungefähr 30 bis 40 Soldaten. Als diese auf dem Marktplatz ankamrn, rief der Polizei-Feldwebel t „Pflanzt daS Bajonnet!" Es geschah, und mit gefälltem Bajonnet lief die Mannschaft unter „Hurrah" zum Angriff. Die Boutiquen Und Läden wurden gesperrt, und todtenbleich vor Schreck lief Alles, was Bei^e hatte, als flüchtete man sich vor den raubenden und mordenden Soldaten Tillh'S. Da Niemand an einen Widerstand je gedacht, erstürmten die Soldaten die imaginären Barrikaden, besiegten die nicht dagewesenen Hinberniffc und befreiten t en nicht gefangen gewesenen Polizeimann. DaS Publikum hat bei dieser Affaire die Entdeckung gemacht' baß die Säbel der Polizeitnannschaft vor Kurzem geschliffen wurden, als ob man sich zu einem Rencontre mit den Juden vorbereitet hätte. Der Herr Major, der vor dem Gasthause saß, wußte gar nicht, daß seine Mannschaft im Ghetto Schlachten schlage und „Hurrah" gegen Hasenjuden schreie. Der Feldwebel der Linie hat dem Polizei-Feldwedel Folge geleistet! Es hatte ja nichts auf sich, eS ging gegen die Juden her! Wozu also eine höhere Ordre? Die kommt ja nachttäglich." Jassy, 4. Juni. Die Wiener Presse bringt nachstehenden Beitrag zur Leidensgeschichte der rumänischen Israeliten: „Obgleich die Regierung des Fürsten Carl sehr wohl die judenfcindliche Sttmmung der hiesigen Bevölkerung, sowie die Quellen kennt, durch welche diese genährt wird, so scheint sie doch davon keine Notiz nehmen zu wollen, da sie nicht die geringsten Maßregeln ergreift, um die Angehörigen der israelitischen Gemeinde ausreichend zu schützen. Es ist daher begreiflich, daß einzelne Mitglieder derselben unaufhörlich der Gegenstand höchst bedauerlicher Mißhandlungen sind. Einen besonderen Ruf haben in dieser Beziehung die Zöglinge des kollegial National erlangt, und bei einer etwas längeren Tour durch die Straßen der Stadt ist eS gar nichts Ungewöhnliches, eines jener Bürschchen die vor- , übergehenden Juden mit Rippenstößen, Fußtritten oder! Schimpfworten tractiren zu sehen. Wahrhaft empörend! aber war ein am Pfingstsonntage Abends von mehreren ' Eleven ocr höheren Claffen dieser Anstalt im BolkSgar- ' ten verübtes Bubenstück, besten Opfer Hr. M. jun., j Sohn des hiesigen BankixrS. M., und besten Gemahlin waren. Kaum waren diese in wen Garten getreten nnd eine Strecke in der Hauptallee destelben entlang gegangen, als einer der anwesenden Studenten auf sie zukam und Hrn.' M. mit den Worten : »Jude, wie kannst Du eS wagen, hierher zu komm en?" zwei Schläge ins Gesicht gab. Als jener sich gegen den elenden Angreifer verthcidigen wollte, rief dieser einige seiner Genostcn herbei, mit welchen er da s unglückliche Paar derart mißhandelte, daß dieses sich n »r durch die Flucht und - mit Hülfe seine- Wagens der größten Gefahr entziehen . konnte. Das übrige Publikum verhielt sich dem be- - bäuerlichen Vorfall gegenüber sehr thcilnahmloS. Son- ' derbar ist nur das Eine, daß sich am bezeichncten Abend