Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 34 (22.8.1867)
- Date
- 1867-08-22
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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T — 138 Ausbildung und Vervollkommnung religiöser Begriffe und Gedanken gerichtet. — Fragen wir uns nun: „Worin besteht die Aufgabe unserer Zeit?" Unsere Zeit ist die Zeit der socialen und politischen Reformen, es ist die Zeit der LoSlösung von den beengenden Feffeln, die aus allen Gebieten des Lebens durch Jahrhunderte hindurch die Menschheit gedrückt haben; es ist die Zeit der Mündigmachung des Volkes, der Verwirklichung der Worte: „Ihr sollt alle sein ein Volk von Priestern; eS ist die Zeit der Zertrümmerung der Privilegien, der Vorrechte; — mit einem Worte: die Aufgabe unserer Zeit ist die Erkämpfung der Freiheit ö f allen Gebieten des Lebens. Durch unsere ganze neuere Culturentwickelung geht ein Zug, den wir umsonst in der deranderen Zeiten suchen. Während man in früheren Zeiten, noch vor einem Jahrhundert, nicht in der Masse des Volkes, sondern nur in einer kleinen Zahl durch sociale -Stellung wie höhere Bildung Bevorrechtigter die Ration suchte, ist man jetzt von diesem großen Jrrthume zurückgekommen und sucht denl ganzen Volke die Stellung zu erkämpfen, die durch natürliches- und dadurch göttliches Recht ihm zustehl. Auf allen Gebieten, über welche die Lebensäußerungen eines Volkes sich erstrecken, wird in dieser Beziehung gearbeitet, und alle stehen wi derum in innigem Zusammenhänge. Derjenige, der in politischer Hinsicht für sein Volk.eintritt und für den demokratischen Gedanken des Selfgovernments arbeitet, wird von demjenigen unterstützt, der das Feld der socialen Frage zu feinem Kampfplatze erwählt, der einge'ehen hat. daß das Volk nur dann in die ihm gebührende Stellung als ein vollberechtigter Faclor des Staatslebens eintreten kann, wenn die materielle Stellung desselben gehoben und g-festigt ist. Derjenige, der das Gebiet der verschiedenen Wissenschaften dem Volk zu eröffnen sucht, (vorzüglich tntt dies in der neuesten Zeit hervor, in welcher es die berühmtesten belehrten nicht verschmähen, die Wissenschaft zu popularisiren; wir erinnern nur au Namen wie Birchow, Bluntschli, Bernstein, Gneist, Holtzendorf, Zeller) unterstützt beide, indem er dem Volke den Fonds geistiger Bildung, zur Verfügung stellt, der demselben nothwendig ist, um den richtigen Gebrauch von seiner gehobeneren Stellung zu machen. — Und so barf,~ wie schon oben geiaat, auch die Schule mit ihrem.weitgreisenden Einstuffe sich nicht indifferent gegen die Fragen der Gegenwart verhalten; auch sie muß in den Kreis derjenigen Mächte treten, die auf die Verwirklichung der oben charakterisirten Aufgabe unserer Zeit hinarbeiten „Der zu erziehende Mensch," sagt Diesterweg, „kann wohl als ein von jedem bestimmten Raume und jeder bestimmten Zeit unabhängiges Wesen betrachtet werden — und es ist dieses eine fruchtbare Betrachtungsweise, um dir allgemeinsten Grundsätze aller Menschenerziehung, die für jeden Raum und für alle Zeit, also eine ewige Geltung haben, auszufinden, — aber der zu erziehende Mensch muß jeder Zeit als ein im bestimmten Raume befindliches oder auf irgend einem Theile des Erdbodens lebendes und als irgend einer bestimmten Zeit angehöriges Wesen betrachtet werden. Jeder Mensch lebt unter einen< Volke, zu einerj bestimmten Zeit. Er ist nach den Verhältnissendieses Volkes und für diese Zeit, oder, nach Kant, sür die nächste Zukunft (das Eine schließt das Andere nicht aus) zu erziehen. Also nimmt die Erziehung desselben ihre Regeln und Gesetze von der Beschaffenheit dieses Volkes und dieser Zeit oder von der Geschichte. Mit einem Worte: es stellt sich neben dem allgemeinen Begriff der Naturgemäßheit, der weniger allgemeine. der Eultnrgemäßheit, welcher dm ersteren ergänzt und nach vielm Seiten hin modifizirt " Wie aber und wodurch kann die Schule für die Aufgaben unserer Zeit wirken? Wir meinen dadurch, daß sie die Erziehung der Jugend im kräftigen nationalen, vaterländischen Geiste leitet, indem sie dm Geist der Freiheit, den Geist der Aufopferung für die höhen Interessen des Vaterlandes in den Herzen der Jugend erweckt. ' Warum ist uns „jener antike Begriff der Sittlichkeit verloren gegangen, jener Sittlichkeit, die von jedem Mensche» Bürgertugend, Gemeinfinn, Hingebung für das Vaterland, und ohne diese Tügend keinm -tttlichen Werth ees Menschen anerkmnt, wäre er im Familien- oder Privatlebm noch so fromm und gut?" Weil wir viel zu wenig für die Erweckung und die Erregung des vaterländischen Sinnes thun, weil wir dm kräftigen, vaterländischen Geist mit einem schlaffen und vagen Weltbürg rthum vertauscht haben. „Ans Vaterland, ans theure'schließ' dich an, das batte fest mit "einem ganzen Herzen, hier sind die starken Wurzeln dein r Krattl" sagt unser Schiller. Der natürliche Bodm, auf dem der Mensch wirkm und schaffen kann und soll, der ist 'ein Vaterland, Und nur indem der Mensch für dieses arbeitet und sich als Glied seiner Nation fühlt, nur insofern kann er auch für die ganze Menschheit arbeiten. Wir vermögen uns nicht auf den Standpunkt derjenig n zu erb den, die dem Pnnzip des Kosmopolitismus huldigen und das Prinzip der Nationalität als ein einengendes, beschränkendes und beschränktes Prinzip darstellen. Diese stellen auf einem Boden, dem jedpositive Grundlage fehlt; sie sind überall und nirgends zu Hause und hinter dem Kosniopolitismus verbirgt sich gewöhnlich ein großer Egoismus Wir meinen: „Sei vor allem ein <kind deiner Nation, lebe und strebe in ihrem Geiste!" „Eme jede.Blume will ihr blonderes Erdreich, ein jeder Baum seinen besonoerm Boden haben, auf dein er cedeiben und Früchte bringen kann, und so ist eS auch mit uns Menschen: nimmt man unserer Bildung den heimischen Boden, so nimmt man ihr eine der ersten und wichtigsten Lebensbedingungen." Was es mit dem vagen Weltbürgertbume für eine Bewandtniß hat, und von welchem schlechten Einfluß dasselbe auf die Zustände einer Nation sein kann, das zeigt sich mehr als einmal in der Geschichte. Fassen wir Deutschland um das Ende des vorigen Jahrhunderts ins Auge l Um diese Zeit war der nationale Geist im Herze» des Volkes ganz erstorben. Diejenigen, die an der Spitze des Volkslebens standen waren befallen von jener kosmopolitischen Krankheit. Sagte doch ein Lesfing, ihm sei das sogenannte Vaterlandsgefühl ein Greuel, und Wieland stellte die Behauptung auf, Rom und Judäa seien an dem Wahae eine- Vaterlandes zu Grunde gegangen. Was dieser Mangel an nationalem Selbstgefühl unlerm Volke gekostet hat; wies dadurch auf Bahnen gerieth, die seinem innersten Wesen widersprachen; wie unsere Selbstständigkeit als Nation, ja, unser eigenstes deutsches Bewußtsein, unser Nationalleben in Gefahr war zu Grunde zu gehen, wie alles dieses Haupt«