Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 7 (1867)
- Issue
- 12 (21.3.1867)
- Date
- 1867-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4896751-5428720-5431724--1591-4898059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der JAgMisrlie Mirer.! Zeitschrift für die gesammten Jnteresien des israelitischen LehrerstotndeS l ' und zugleich ( Organ für den Perein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Wittwen und -Waisen in Deutschland. M lt Lehrer- Mainz, den 21. März 1867. (Siebenter Jahrgang.) j Wöchentlich 1 Nummer. Vierteljährlicher Abonncmentspreie 27 lr. -- 1/4 Thlr. Bei franlirter Zusendung Anzeigen zu 1 Sgr. die Petitzeile. Bestellungen nehnien alle Postämter und Buchhi mtcr Kreuzband jährlich 2 fl. IS kr. jandlunaen an.! f Ztever Iummheit. Eine psychologisch-pädagogische Exkursion. (Fortsetzung.) Geduld, oft bodenlose Geduld müssen wir haben einem Individuum gegenüber, das die Gegnerin schon bei seiner Geburt umarmt und in ihre gnädige Protection genommen hat. Da gilt es, das aritie Menschenkind aus den Klauen der Häßlichen zu entreißen. Der Kampf ist schwer und oft auch nur von geringem Erfolge begleitet. Um ihn mit einigen Ehren zu bestehen, betteten wir andächtig jenen Tempel, von dem so eben die Rede «war, beten an und stärken Geist und Gcmüth. Dann geht'^ beharnischt in den Kamps. DaS Schwert der Gerechtigkeit : bleibt unberührt in der Rüstkammer. Wir rühren eS nicht an aus verschiedenen Gründen. Einmal nicht aus Mitleid, das wir mit dem Unglücklichen empfinden, den die Dummheit von Anfang an umfangen und mit. ihrem Heriblute genährt hat; es kann uns nicht einfallen, das Unglück durch Unglück vermehren zu wollen; — dann aber auch nicht, weil jeder halbwegs erfahrene Erzieher wohl weiß, daß man weder graue noch wirklich dumme Köpfe zu Doctoren zu schlagen vermag. Ein Klotz bleibt ein Klotz,! will sagen: wer unter dem Niveau^ einer gewissen Mittebnäßigkeit begabt ist, wird auch nie über dieses Niveau hinaus kommen. Damit aber die Kluft nicht, allzugroß werde! oder bleibe, welche den Gegenstand unserer Sorgfalt und! unserer Pflege von diesem allerdings niedrigen Ziele trennt, suchen wir den Unglücklichen so hoch als möglich zu heben. Wir suchen das, können das und thun das, weil uns die Naturwissenschaft lebrt, daß jede Kraft dadurch entwickelt wird, daß sie zur Perfektion gelangt. Leider aber lehrt auch dieselbe Wissenschaft, daß jede Kraft, also auch die Mcnschrnkraft, die Grenze ihrer Entwickelungsfähigkeit in sich trägt, daß man nach der größeren oder l geringeren Weite dieser Grenze die Intensität dieser Kraft1 zu bemessen hat und daß das Wachsthum und die Entwickelung zu Ende ist, sobald besagte Grenze erreicht worden. Du kannst einen an sich schwachen und einen an sich starken Magneten dadurch stärken,'daß du ihm täglich mehr anhängst; bis inS Unendliche hinein geht'S, weder bei dem einen, noch bei dem ander!, und dei dem an sich schwachen fällt die Last bedeutend eher, als bei dem an sich starken. "Worin aber zeigt sich liie angeborene Dummheit eines Menschen? Ohne Zweifel da sin, daß er weniger Mensch ist, als die Menschen gewöhnlich zu sein pflegen. Zieht man nämlich daS ab, waS der Mensch mit dem höchst entwickel- ° ten Thiere gemein hat, so bleibt daS übrig, was ihn eigentlieb zum Menschen macht. Und in der Unbedeutendheit : dieser Differenz dürfte die angeborene Dummheit zu suchen sein. Da nun bei der Betrachtung der Dummheit nur die J eine Seite des Menschen, die Intelligenz, inS Auge gefaßt werden kann, so fragt es sich, wodurch sich in intellcctueller Beziehung der Mensch vom Thiere unterscheidet. Antwort: er kann Begriffe bilden, was daS Thier nicht vermag. Also ist ein Mensch von Natur dumm, wenn eS ihm unverhältnißmäßig schwer fällt, Begrifie zu bilden. Begriffe bildet man aber, wenn man! von unwesentlichen Merkmalen der Dinge abstrahirt und vie wesentlichen zu einem Gesammtbilde zusammen faßt. Zunächst handelt es sich also bei solcher Thätigkeit darum, die Merkmale aufzusuchen, dann, sie zu sondern, und zuletzt, die als wesentlich auSgeschiedenen zu einer Totalität zu vereinen. Nach allen drei Seiten hin ist der Dumme dumm. Erstens! wird es ihm schwer, zu sehen: die Dummheit erstreckt sich bis in die Peripherie des Kopfes und sitzt sogar in den Augen. Der Dumme „döst* — um einen specisisch norddeutschen AuS-! druck zu gebrauchen. Er sieht überall Wald, aber keine! Bäume. Auf der Straße starrt er in die Welt hintin und wird leicht umgerannt oder umgefahren; auf den Schulbänken entwickelt er eine stoische Ruhe, und man könnte ihn für einen Philosophen halten, wenn der gläserne, nichtssagende Blick flicht auf das Gegentheil hindeutete. Im Unterrichte muß er auf alle Einzelnheiten des zu betrachtenden Gegenstandes förmlich mit der Nase gestoßen werden. Hat er endlich Borstellungen gefaßt, so haften dieselben nur schwer; denn soll er das Erworbene rrcapituliren, so läßt ihn das Gedächtniß im Stiche, bis eine. Fülle von Wiederholungen nach ungewöhnlich langem Harren die Befestigung der Vorstellungen vollzieht. Dummen gegenüber kann man