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Der israelitische Lehrer · 1867-01-03 · 1 (3.1.1867) · p. Seite 4

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
7 (1867)
Issue
1 (3.1.1867)
Date
1867-01-03
Page
Seite 4 (sequence 8)
Language
German
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4 wirft. Uns kömmt es manchmal vor, als sollte und müßte unter diesen Verhältnissen Alles aus den Fugen gehen. Umschreiben wir darum den Antrag des Herrn Domkapitulars, so ist sein Inhalt für uns. in den Worten ausgesprochen': „Der hessische Staat ist. ein christlicher: um die Verhältnisse der jüdischen Religionsgesellschaft kümmern wir uns daher nicht. Laßt sie zu Grunde gehen oder nicht: das ist gleichgültig," 'Wir wissen nun wohl, daß eine Religionsgesellschaft in unserer Zeit sich nur. erhalten kann 'durch die Kraft ihrer ^ecn, durch ihre selbstständige Lebensfähigkeit. Aber inmitten'der großen religiösen Körperschaften, die sich der staatliche Fürsorge erfreuen und bei dem Umsiande, daß gewisse staatliche Anordnungen bereits bestehen, die eine ganz freie und selbstständige Entwicklung unmöglich machen, wird es der jüdischen Religio nsqcsrllschafl schwer werhen, der gescnlichen Initigtivc entbehren zu können. „Man merkt die Absicht und wird verstimmt." Uns dünft'das. was bicr als Toleranz herausgcputzt werden soll/ nur ein Grundsatz, dir aus' dem „allein scligmachcnden" Principe sich entwickelt. Wie Sie den Himmel für sich öccnpiren, io beanspruchen Lie auch, söweit die weltliche Gewalt es zuläßt, für sich allein die Rechte uhD Freiheiten dieser Erde. Wir unterscheiden wohl zwischen den Kirche, d. i. dem Clerus, der «Geistlichkeit und den Bekennern 'des Katholicismus. Sie, .«>er-r Domkapitular, verlangen für sich, was Sie in Wahrbeit nie den Bekennern.anderer Religionen;u bewilligen gedenken : die strafte Hierarchie, die in alle Lebensvcrhältnisse tief einschneidende Organifcltion Ihrer Kirche und kirchlichen Anstalten erlaubt es Ihnen, vmn Staate doch anscheinend Jtichr mehr :u verlangen, als unumschränkte Selbstständigkeit, Frcibcil den Bewegung sür diese kirchlichen «Gewalten, und das nennen Sie Gewiffensfreibeit, religiöse Selbstständigkeit. Bei Ibucn ift Alles seit Seiten auch in der äußern Organisation seftgeftellt nitd unverrückbar geregelt. Die Kirche ist -ein Staat im Staate und die enormen Reichlhüiner, die ihr von Alters ber zu «Gebote stehen.' ermöglichen solche Selbstständigkeit. — Wie aber/ wenn Sie den Säckel des Volkes täglich nir Ibrc Bcdürfnisic neu in Anspruch nehmen müßten? «Glauben" Sie, daß'Sie auch dann die Mitwirkung des "Staats entbchten könnten? Dgs Iudcnthnni bedarf einer frcks nck emivickcludcn-, inn dem Leben der Zeit fortschreitenden Organi'ation. eben um den «Grundgedanken der sittlichen Freiheit und rcligiö'cn Selbstständigkeit der Individuen :u wahren. Oie, Herr Dovleapitular, verstehen unter „Anerkennung der rechtmäßig zukommcndcn Selbstständigkeit, gesetzlicher Sch'.iu der freien Entfaltung un'ercs religiösen Lebens" nur die .Selbstständigkeit der „kirchlichen Eewa lt en." dK oir nichtsanders iein mag, als die Knechtung der Selbstständigkeit.dm Individuen nno^ des freien «ftedankens. Wir als Inden motten die religiöse Selbstständigkeit der Individuen und die Entwickelung und Förderung des freien «s'cdankeulebens. unter dem Schutze einer c:«f zeitgemäßer Basis aiffgebanrcn Organisation^ durch die staatlichen Gewalten sanktivnirt. Das ift die „Regelung des Verhältnisses der Kirche zum Staat, der gesetzliche Schul? der freien Entfaltung des religiösen Lebens" die wir verlangen. Welchen andern Sinn könnten.diese Sätze für uns haben? Zürnen Sie uns also nicht, daß wir Ihren Absichten mißtrauen. Uns schwebt als Jude die Geschichte unseres Volkes vor. die uns gegen die Liebkosungen hochgestellter katholischer Geistlichen mißtrauisch macht. Als Lehrer aber haben wir in der Geschichte der Pädagogik auch ein Kapitel gefunden, das die Ueberschrist trägt „Pädagogik des Jesnitismus;" da finden wir nun verzeichnet, daß man in den schulen der Jesuiten, die allerdings eine höchst bedeutsame historische Erscheinung bilden, auf vieles Wortwissen, auf äußer eBildung, großes Gewicht legte und daß hierdurch der Mißstand erwuchs, daß man mit den schönsten Worten oft einen ganz andern oder gar keinen Sinn verband. Das ist uns auch bei Ihren Worten erinnerlich geworden und darum können w i r uns eben mit dem besten Willen nicht für Ihre Toleranzrede begeistern. Nichts als Worte; es fehlen uns die „Beweise." Warum aber die Vertreter einer gewissen jüdisch-religiösen Richtung, die ihren Hauptsitz in Mainz anfgeschlagen hat, Ihren Worten so warme Begeisterung zollte? Warum Ihre Worte bei Jenen das „Mainzer Journal" und das „Abendblatt" vergessen machte, .Ihre Organe, die doch sonst nicht so glimpflich mit den Juden umzugehen pflegen? Nun, Sie wissen wohl, daß eine gewisie Scelengemeinschaft, eine geheime Sympathie herrscht zwischen jener Richtung und der Ihrigen. Sie hassen den Fortschritt, wie jene; Sie sprechen von der Tyrannei des Fortschrittes, wie jene. Die Politik ist unsere Sache nicht; aber wir haben doch so viel Verständnis der Situation, um zu begreifen, daß diejenigen Männer jüdischer Eonscssion, die den Haß und den Kampf gegen den Fortschritt zum Gewerbe gemacht haben, zu Ihnen und ihrer Partei sich mehr hingezogen fühlen, als zu „fortschrittlich-gesinnten Inden," obwohl-nunr obwohl sie auch wissen. daß nicht Alles Gold ist, was glänzt. Diese Männer haben aber noch einen andern Grund, sich zu Ihrem toleranten Referate hingezogen zu fühlen.. Sie werden staunen, ivenn ich Ihnen sage, daß hier die Absicht eine wühlerische ist gegen gesetzliche Autorität. Seil einigen Monden agitirt inan gegen einen gesetzlich autorisirten und angcstcllten Rabbiner unsres Landes. Nun - „der Zweck bciligt die Mittel;" das ist zwar kein jüdischer Grundsatz, aber — jene Inden wenden ihn zuweilen an. Nun ist Ihre Anschauung ein ganz gutes Mittel, — den gesetzlich bestallten Rabbiner «uns Trockne zu setzen, oder doch mindestens die Autorisation der Bebärden.zu erlangen, einträgliche geistliche Funktionen in jener Provinz zu versehen. Das wäre so ganz geeignet. — Dazu läßt sich Ihr Referat herrlich gebrauchen; daber die begeisternde Zustimmung zu Ihrer Toleranzrede! Werden unsre Glanbensbrüder in die Falle gehen, die ihnen jene fromme Zeitschrift stellt? Wir hoffen es nicht, um der Ehre und der geistigen Freiheit des Iudenthums Willen nicht. Wir aber rufen Ihnen zu: 501 "»ano ord. Wir wollen Ihren Honig nicht; es möchte ein Stachel in -ihm verborgen sein. Und damit, Gott befohlen! I. Kl. B r i r f k a st e n. Herr I)r. M. S. Ihr Artikel demnächst; dszleichen K. M. sowie C. Einzelne Eorrespondenzen: aus Westfalen, Hannover rc. können wegen Ranzel an Raum und weil wir unseren Leitartikel nicht trennen wollen» erst ins nächste Blatt kommen. Berantworttichcr Revarteur : Z. kilin gen stein in Lderiiyeim rn Rhemhcsien; Selbstverlag der Redaktion. Für den Buchhandel: in Commiyion bei Orkar keiner m Leipzig. — Dampf-Schnellpresieitrduck von I. Gott sieben tn Mqinz. I

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