Mannheim
Compact Memory

Der israelitische Lehrer · 1866-12-27 · 52 (27.12.1866) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
6 (1866)
Issue
52 (27.12.1866)
Date
1866-12-27
Page
Seite 214 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4896751-5428724-5431682--1525-4898007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

214 •m sogenannten Berstzbnungstoge dieses Jahres ereignete sich eine störende Scene. Der Hausirer Lazar Leicht, ehemalige- oder, wie er hebanptet, nock» amttrenkeZ Mitglied de- Verstände-, befindet sich mt den übrigen beiden Vorstandsmitgliedern Jakob Arnstein und Jarob Luzer in einem Znwurfnifle. Diese beiden Letztere» find nur provisorische Vorstände. Die beiden Mitglieder, welch« nebst Lazcr Leicht im vorigen Jahre definitiv in den Vorstanv gewählt wurden, dankten ab, weil Leicht mit seinem Schwiegersöhne einen öffentlichen Ecandal halte. Als in der jüngsten Zeit wegen der drohenden Invasion die Gemeindemitglieder für ibre Kaffe, etwa 70 fl. Furcht (!) hatten und cs'sich darum handelte, dieselbe sicher z» depcniren, fühlte Leickt, welcher krast seine- Amteauch die Kassesührung hatte, fick durch einige geäußerte Bedenken verletzt; er lehnte es ab, die Kafse-Funllonen weiterzuführen, und übte demgemäß auch nicht mebr die Confiole im Tempel bei den Funktionen. Durch drei Wochen wurden diese Vorstand-Pflichten von dem Cantor Aron Arünfeld bdsorgt, biendlich die beiden Genannten provisorisch >alS Vorstände eintraten. Am Versöhnungslage nun wurden, wie gewöhnlich, die Aufrufe zu den einzelnen Cap teln feilgeboten Ta an diesem Tage die zehn Gebete zur Verlesung kommen*) , so.stebt bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise der erste Vorsteher bei der Thorarelle. Diesmal waw ii Jacob Luzer. Wegen der Wichtigkeit des Festes war auch die Versteigerung eine animirte; insbesondere brack bei dem bedeutendsten Kapitel ein heftiger Weltkampf zwischen Leickt und Lvzcr aus, zu dem der persönliche Ehrgeiz die beiten Gegner besonde'.s aufgestcchelt haben mochte. Endlich, da kein neues Angebot' mebr folgte, verkündete d»r Ausrufer den Sieg Luzer'S mit 1300, das heißt einem Gulden 30 kr. Da that Leicht Einsp ache und brharptete, er habe 1300 geboten. Der Vorsteber widertprach, ebenso Luz r. Leicht replicirte. Aldos Wahrscheinliche bat fick übrigens berausgcstellt, daß beide „1300" riefen, der Ausrufer aber nur?Lu;er, als den fliähcrstehendcu, gehört. Leicht, welcher glaubte, daß ibm absichtlich aus Rancune ein Posse» gxspielt werde, gerieth in Zorn, begab sich auf die Erböhung vor dem Altäre und stieß Luzer mit dem Ausrufe: „Ick bin noch her Vorsteher!" von seinem Ehrenplätze bei dem Vorlesetische weg. Luzer wollte nicht weichen; der Zwischenfall verursachte - große Aufregung, der Gottesdienst mußte unterbrochen werden- und die berden provisorischen Vorstände erstatt ten gegen Leicht eine straigerichtliche Anzeige. Ter Zeuge Arnstein, gleichfalls Hausirer, erzählt in weitschweifiger Weise die Afiaire. Ueber die Abdankung de- Angeklagten gibt er unter anterm an: Leicht hat sich geärcerl, daß wir wecefi der Preußen nicht da- Geld haben wollen bei ihm allein lasskn. Er hat gefragt, ob er nickt gut ist für 7'T Gulden? Für 70 Gulden? sag' ick, Eie sind mir gut für 2t >0 Gulden, ich habe Ihnen ja schon mehr Geld geborgt; aber als Vorstand, das ist was anderes, da darf man Niemanden vertrauen. Nu, war gut. Am anderen Tage kommt der Knab von Leickt zu mir: »Guten Morgen, Herr Arnstein; der Vater schickt Ihnen da die leere Schatulle zurück und die 2o_ Giflden für den Zins der Synagoge, er will gar nichts mehr mit dem Geldeß zu tbun haben" Als Vorstand bat er aber die Pflicht gebabt, auSzuzablen, wenn auch das andere Geld ihm weggenommen worden ist und so hat er doch damit gesa t, daß er "nicht mebr Vorstand ist. Und richtig hat er auch die Tabelle, wo die Ausgerustnen mit Nummerst zu bezeichnen find, dem Cantor zurückgegeben, und ist nicht mebr mit der Büchse am Samstag in d-r Synagoge herumgegangen. (?) Ganze drei Wochen war der Vcrbet.r Vorstand. Da * Ein neuer’ uns unbekannter Minbag. Hab'Ich gesagt, das thut kein Gutes, wokein Herr ist, da ist keine Ordnung, und so ist der provisorische Vorstand i.uscmwcn getreten. Prts.: Sie behaupten also ganz bestimmt, daß Leicht seine Stelle niebrrgelegt hat? — Zeuge: WaS ich behaupte, daist so heilig, wie wen» ich» bei der Thora gesagt hält'! D« Zeuge erzählt sodann die Ecene in der Synagoge. — Präs.: War der Angeklagte hestig? — Zeuge: Ja. es warein Lärm, daß die ganze Andacht gestört worden. Cr bat Luzer gestoßen, nu, und Luzer wird sich nicht stoßen lassen, so ist ein große- Aeraerniß geworden. Es waren viele alte Leute da, die sehr religiös find und sehr aufgeregt waren; natürlich — an einem solchen Tag, am Versöhntngstag, wo Alle sich versöhnen sollen, so ei» Streit! Präs, (zum Angeklagten): Sie lören, daß Sie wirklich Ihre Borsteherstelle niedergelegt haben? — Angekl.: Ich Hab* es nicht öffentlich kundgrtban. — Präs.: Sie haben ja dio Kasse niedergelegt? — Angekl.: Natürlich, wenn man mich beleidigt. — Präs.: Sie sollen auch, wie der Zeuge angibt, gesagt haben: „Jetzt kann Vorsteher sein, wer will, ich bin e» nicht mehr." — Angekl.: Das ist nicht wahr. Präs, (zum Zeugen). Können Sie Ihre Aussage beeiden? Zeuge: Was ich gesagt habe, bin ich bereit zu beschwören: obwohl ick nicht gerne einen Eidleiste, bin ich doch bereit, wegen der Wahrheit.. Der zweit* Vorsteher Jacob Luzerwnd der Cantor Aron Grünfeld sagen in demselben Einnemis. Eämmtlicke Zeugen werden beeidet. Der Staatsanwalt (Schober) erkennt in dem Benehmen des Angeklagten, welches nichtnur, wie eS in dem Gesetze heißt, geeignet sei, Aergernrß zu erregen, sondern auch w-rklich Aergerniß lrregt habe, da- Vergehen des 8- 262 und beantragt eine vierzehntägige strenge, mit Fasten verbundene Arr fistrafe. Der Verlheidiger Dr. Neuta weist darauf hin, daß das Vergeben des 8- 202, wie der Titel: „Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirche," beweise, nur dann begründet werde, wenn eine böse Absicht unanständigen Benehmens zu Grunde liege; da» sei auch von dem obersten Gerichtshöfe bereits ausgesprochen worden. Sonst könnte dickes'Verg Hkn auch schon dadurch begründet werdln, wenn man in guter Absicht religiöse Gebräuche tadles wenn man etwa dagegen eifere, daß daS Bctbaus zum Auctions-Jnstitnte werde. Eine Absicht, de» Gottesdienst berabznwürdigen, werde man aber dem Angeklagten doch nickt zutrauen, da er cs war, der dieses BethauS 'vor Jahren gestiftet, diesem Angeklagten, welcher nur au« Verdruß, sich die tohc Ehre deS Rufes zur Thora entzogen zu sehen, zu jeriT Scene Anlaß gab. Daß wirklich nicht eine Störung deS Goliesdienstcs ein Vergehen begründet, beweise ein Präccndenzsall. Als vor einem Jabre ein berühmter Cantor Wiens, dessen Jubiläum später in außerordentlicher Weise gefeiert wurde, in einer Aufwallung von Unmuth den Gottesdienst unterbrach, ta sei von dem Gerichte, welches doch jede ibm zu Ohren kommmende Handlung gegen das Gesetz zu bestrafen habe, kein Verfahre» ringeleitet worden, trotzdem der Gew eindevorstcnd sogar deswegen eine Disciplinar-Buße verfügte. Mit Reckt sei dies nickt gesckeben, weil eben d,e tose Absicht wangelte. Der Redner betont rock den Unterschied zwischen dem inneren Anstande, von>deffen Verletzung daS Ge'eh spreche, und dem äußer»n Anstackd, welcher je nach gesellschaftlichen Kreisen wcchslc, indem cr'betnerkt, daß i, dem Simmeringcr BethauS überhaupt in gemüshlichercr Weise der Gottesdienst geführt zu werden scheine. Der Gerichtshof (Landesgcrichtsrath Weißmayr) erklärt den Angeklagten schuldig und veibängt über ihn eine cinwockentliche einfache Arreststrafe mit Fasten. (Wiener Presse.) Titel und Inhalt folgen mit Nr. 1 des nächsten Jahrganges. Deramwvrtlicher Rchacreur: I. Klingcnftein in Qbernheini in Rheinheffen; Sclbsweriag der Redaktion. Für den Buchhandel: in ConiniqsioN bei Oskar Leincr in Leipzig..— Tawrf-Schnellprckienrdnll rcn I. iSciteleber, in i’ioinj.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.