Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 43 (25.10.1866)
- Date
- 1866-10-25
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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177 zu haben, werden, das Ziel nie erreichen; sie ruhen gemächlich auf ihren Lorbeeren Wer will sie beneiden? Ruppertshofen (Herz. Nasiau), Oktober 1866. ' Friedberg, Lehrer. Der Versöhnungstag. (Le grand pardon.) (Schluß) Eigentlich darf man in Paris diesem Abendgottesdienste mcht beiwohnen; die fortschreitende Zeit verändert in den großen Städten die religiösen Handlungen außerordentlich*). Man niuß den Versühnungstag in den alten Städten Deutschlands sehen, wo die religiösen israelitischen Ueberlieferungen sich in ihrer ganzen Reinheit erhalten haben. In ihre Todtengewänder gehüllt, werfen sich Männer und Frauen in den Staub, und lasten die den Zeiten des Drucks und des 'Inglücks entstammenden Gebete ihrer Voreltern erschallen. Fahrhunderte in der Verbannung und Knechtschaft verlebt, tonnten die uralten Traditionen nicht angreifen; jede Melodie blieb unverletzt während drei tausend Jahre; der Vater hinterließ sie seinem Sohne und dieser trug sie wieder auf seine Kinder über. Der erste Theil des Abendgesanges ist von ergreifender Wirkung; es ist, als ob ein Schrei der Verzweiflung der gepreßten Brust entschlüpfte. Die alten Juden vom Lande geben sich nicht zufrieden, nach den Gebräuchen ihrer Religion, die zahlreichen Gebete herzusagen, die einen vollständigen Band ausfüllen. Die Unruhe erfüllt sie und sie suchen tausend Mittel zur Unterstützung ihrer Reuebezeigungen. Während der 24stün'igen Fastenzeit verlosten sie den Tempel nicht; gehen am Vorabend hin und bringen die Nacht und den ganzen folgenden Tag dort zu. Ich habe einen Greis von 80 Jahren gekannt, welcher in der Synagoge angelangt, sich seiner Stiefeln entledigte und wählend 2-1 Stunden auf trockenen Erbsen stand, u,» dadurch Buße zu thnn? Ec hatte so die Rächt verbracht, welche dem Versöhnungstage vorausgeht. Am andern Mttag versagten die gequälten Füße dem Greise Sie Dienste; er blieb trotzdem aufrecht stehen. DeS Nachmittags bekam er vollständige Todtenfarbe. Seine, ganze Umgebung beschwor ihn, sich auszuruhen; man ließ einen Arzt kommen, der ihm zu essen befahl; der Greis verweigerte es und blieb aufrecht stehen. Die Aeltesten bemühten sich, ihm begreiflich zu machen, daß der Gott Israels nicht diese übertriebenen Opfer verlange und daß die Befehle des Arztes die ritualen Vorschriften erleichtern. Der Greis schlug Alles ab. Er blieb auf seinen trockenen Erbsen bis zum Abend stehen und als der erste Stern das Ende des BersöhnungStages anzeigte, ohne daß der Greis während dieser schrecklichen 2-1 Stunden eine einzige Sekunde die furchtbare Buße vergaß, die er sich auferlegt hatte, wankte der arme Mann und in sein düsteres Hemd gekleidet, fiel er todt in die Arme seiner Enkel. Diese Fälle von religiösem Fanatismus, selbst in ihren . Uebertreibungen ehrwürdig, sind, man muß gestehen, heute zu Tage sehr selten. Die Israeliten, obwohl den Grundlehren ihrer Religion die größte Achtung schenkend, haben besonders in den Städten, die Ausübung ihres Cultus sehr vereinfacht. Sie habe» die großen Ueberlieferungen ihrer Vorfahren bewahrt, haben sich aber ein für alle Mal von denr Fanatismus losgesagt, welchen selbst die besten Ueberzeugungen im Gefolge haben. Die israelitische Religion ist nicht verwickelter als andere Religionen, sie ist im Grunde von bewundernswürdiger Einfachheit, sie beschränkt sich, wie alle großen Ideen der Menschen, auf die wenigen Worte: „thue das Rechte und vermeide daS Unrecht." Alle Commentare der Gelehrten, der alten Rabbinen und des Talmud basiren auf dieser Grundregel, welche allen Confessionen gegeben ist, um darnach zu handeln, denn sie ist daS Ideal des Lebens- Albert Wolfs: Wochenbericht. *) Toch scheint er auch noch da seine erhabene Anziehungskraft;u äußern. Auch der „Abendmoniteur": das offizielle Organ des Kaiserreiches, hatte nämlich m diesem Jahre dem .Grand Pardon den lxraeliti-s“ (bent großen Versöhnungstag der Jraeliten) eine Betrachtung gewidmet. Nachdem er dem „Neujahrsfeste" der Israeliten begeisterte» Lob darbringr, weil derselbe in den schönen Lagen des Herbstes die rechte Neujahrsstimmung Hervorruse, während das bürgerliche Neujahr, mitten im Winker, die Natur erstarrt findet, spricht er von den Schaaren weißgekleideter Frauen und Jungfraum, die an diesem Tage und am Vorabende in den Straßen von Paris dm Synagogen zu- «trömen und berechnet die Zahl der Andächtigm in dm jüdischm Gotteshäusern an diesem Tage aus 20,000, während die gesammte jüdische Bevölkerung etwa 35,000 zähle, was gewiß ein ganz befriedigendes Verhältniß ist. (Redaktion.) Am 29. Oktober vorigen Jahrefeierten eine Anzahl deutscher ^Lehrer in Berlin den <5. Geburistaz Diesterweg's; nur ein m klemen Tbeileder Verehrer dieses Mann $ war von jener B ranstatung Kunde geworden, und doch war die Zahl der direkten und indirekten Tdeilnehmer 13'0 — nun bat der Mann seit Monden ausgekämpft. In allen Gauen des deutschen Vaterlandes und überall, wo deutsche Leyrer deutschen Kmd'rn Unterricht ertheisen. hat die Kunde von diesem Tode die Herzen ergriffen und ^man ehrt das Andenken diese- Mannes ln würdigster Weise., Selbst in St. Lo,ns in Amerika hat man eine 'eigene Todtenfeser veranstaltet. Da; ist ein Bewets, daß man fühlt, wawir an ihm verloren haben, wenn wir auch noch lange nicht den Verlust in sein m ganzen Umfange zu ermessen im Stande sind; daß man erkennt, daß in D estcrweg der erste deutsche Lehrer zu Krade gebrach: wurde und daß der Mittelpunkt gewichen ist, um dm sich dir Männer schaarteü, dre den höchsten Fortschritt im Lebm der Schule erstrebten. Man kühlt es, daß in ihm daerhabenste Vorbild eines echtdeutsLen bumanen LehrerS zu Grabe getragen wurde, wie, giach unserer vollsten Ueberzeuguni, vor ihm Keiner da war. Und schon sind von Berliner Lehrern und auch von anderer Seite Auffor'erungen erlassen worden, um dem Manne, de ffen Angedenken in unserem Herzen noch so frisch lebt, ein Denkmal zu sehen, . wohl ein Denkmal von Stein aus e>n frische- Grabl^Da lobe I ich mir doch wieder da- Judmlhum, das in tiefer Erkenntniß i des menschlichm Herzennicht erlaul t, daß im ersten Jahre de«! Derstorbmen ein Denkmal gffetzt werde; ich lobe mir da-!Zu» : denthum, daß in unvergleichlicher Pietät für seine Abgestiedene« keinem seiner großm Männer der Neuzeit ein Dmkwal sttzte, so oft sich auch swon die Gelegmheit bot und das bis noch!vor kurzer Zeit die schöne Sitte für heilig hielt," daß die Denksteine auf dem Friedhofe ebenso einfach und für Alle gleich seien, wir die Särge und die Todtenkleider und die Gebräu che