Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 43 (25.10.1866)
- Date
- 1866-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I Der ZsrselitlsrKe irhrrr. Zeitschrift für die gesammten Jnlereffen des israelitischen Lehrerstandes . und zugleich Organ für den Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer- Wittiven und -Waisen in Deutschland. J\§ 43. Mainz, den 25. Oktober 18K. (Sechster Jahrgang.) Wöchentlich X Jiimrmcr. Vierteljährlicher Abonnemmtspreis 27 kr. */* Thlr. Bei srankirter Zusendung unter Kreuzband jährlich 2 fl. XL kr. Anzeigen zu I Egr. die Petitzefle. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Die Seminarfrage. j (Fortsetzung.) Die Eeminarien zu Kassel, Münster und Bad-Ems! haben einen beschränkteren Wirkungskreis. Eie sind von ' vornherein provinzielle Anstalten, während selbst das Se-! minar zu Hannover, obwohl von der Regierung unterstützt oder fast gänzlich erhalten, Zöglinge von überallher annahm und aurbildete. Das Seminar in Kassel wird von j der LondjudenschaftSkasse der kurhessischen Provinz Nieder- ' Hessen erhalten. Acht Sem-naristen aus dieser Provinz haben vollkommen freie Aufnahme, und erhalten Unterricht, Wohnung und Verköstigung unentgeldlich. Werden mehr Zöglinge ausgenommen, so müssen diese zahlen. Zö-linge ■ aus anderen Provinz« n werden unr in AuSnahnsfällen gegen volle Zahlung ausgenommen, und es sind Fälle vorgekommen, wo die Aufnahme solcher Zöglinge aus anderen Provinzen sich zerschlug, weil für die volle Zahlung nicht eine dem Provinzialvorsteheramte genügende Garantie geleistet wurde. Dadurch stieg in den letzten Jahren die. Zahl der Zöglinge selten über ein Dutzend. Nehmen wir hierzri die ärinliche Dotirung der kur- > hessischen Lehrerstellen, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß bei der Aufnahme die Ansprüche auf genügend? Anlagen und Vorbildung in sehr bescheidenen Gränzen bleiben müssen. Jede zu enge Begränzung einer Anstalt, die höhere. Bildung bezweckt, ist an und für sich schon schädlich, weil sie dm Gesichtskreis verengert, und die Bedeutung der Anstalt nicht genügend hervortretm läßt. Ter Mangel an treibmden Kräften, an tüchtigen strebsamen Genossen, an Talenten, die auch die minder Befähigten mit sich fort reißen, wird sich da gar oft fühlbar machen. Es ist ja eine allgemein anerkannte Thatsoche, daß die willenskräftige, strebsame Jugend in unserer Zeit nicht mehr so häufig sei, nnd sich am allerwenigsten in großer Anzahl dem Schulamte zuwende. All dos wird in so sehr kleinen Anstalten den Unterricht und das Leben matt und schleppend machm. Wollen wir nun auch annehmen, daß die leitenden Behörden keine kpfer scheuen, ron denen des Wohl unv die Blüthe einer solchen Anstalt bedingt ist, so werden diese Veranstaltungen doch immer gewiffermassen im Verhältnisse zu den Leistungen, d. h. zu Den Größenverhältnissen des Seminars stehen, und da man von Laien nicht immer eine richtige Beurtheilung und Werthschätzung voraussetzen darf, so dürfen wir mit Rxcht annehmen, daß für diele tie Zahl der Zöglinge ein Maßstab für die Bedeutung der Axrstalt abgibt. So wird di« Lehrerbildungsanstalt herabgedrückt und Mangel an ausreichenden Lehrkräften, Lehrmitteln und HilssonstalttN «st die naturgemäße Folge. Wir finden das bei allen jüdischen Seminapen. die wir bis jetzt beurtheüt haben, und auch bei dem in Cassel ist es nicht minder der Fall. Wir wollen nicht anstehen, zu constatrren, daß wir unter ehemaligen Zöglingen des Casscler L-eminar's einige recht wackere Genossen kennen gelernt haben, die ihrem Stande Ehre machtn; aber doch uerden die Klüsen über die Mängel derselben, die ja fast Alle zugeben, — auch die Lehrer und die leitenden Behörden — nicht ganz ungegründet sein. Wir wollen auf Einzelnes nicht eingehen, obwohl man uns hierzu insbesondere in Bezug auf eben das, was nns Hauptsache erscheint, aus die praktische Ausbildung, auf das Hebräische u. s. f. genügend- Stoff an die Hand gegeben hat. — Da es uns mehr um allgemeine Gesichtspunkte zu thun ist, so wollen wir hier eben nur eins herausgreifen, was auch anderwärts fehlt — der Direktor. Das Casseler Seminar hat wohl an Herrn Landrabbiner Dr. Adler eine leitende Kraft vom edelsten Willen, allein die sehr ausgedehnte berufliche Wirksamkeit dieses Menncs ermöglicht eben nicht,.dcß er daS ersetze was wir von dem technischen Leiter einer solchen Anstalt von einem Seminar-Direktor verlangen. Ein Seminardirektor! DaS ist eine erhabene LibiNsoufaale, die einen ganzen Mann ganz fordert; einen Mann, der, ausgerüstet mit den edelsten Eigenschaften dcs Geistes und Herzens, seinen Beruf al» ein höchstes Ziel menschlichen StrebenS und Wirkens erkennt, und auf der Höhe des EchullebenS steht, ohne den Blick in die Tiefe verloren zu haben. Eine Lehrerbildungsanstalt, wie si, sein soll und muß, muß an ihrer Spitze, in ihrer Mitte einen Mann haben, dessen ganze Kraft.