Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 40 (4.10.1866)
- Date
- 1866-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr AsrsÄit«Ke Jetrrer. Zeitschrift für die gesammten Interessen des israelitischen Lehrerstandes und zugleich Organ für den Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer- Wittwen und -Waisen in Deutschland. (Sechster Jahrgang.) J)£ 40* Mainz, den 4. Citober 1866. LSchentlich 1 Nummer. Vierteljährlicher SlbonncmcntLpieis 27 kr. ---- Ü4 Thlr. Bei frankirtcr Zusendung unter Kreuzband jährlich 2 fl. 12 kr. Anzeigen zu 1 Cgr. die Petitzeile. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Die Seminarfrage. Es liegen für-uns mehrfache Veranlassungen vor, diese wichtigste Tagesfrage des jetzigen Judenthuws wiederbolt auszugreifen und eingehend zu besprechen. Daß sie die wichtigste nicht allein für uns als Lehrer^ sondern für die gesummte deutsche Judenhcit ist, behaupten wir aus vollster Ueberzeugung. Man hat wohl in neuester Zeit abermals erneu Anlauf gemacht, die Wirksamkeit für die Emancipetion wieder in den Vordergrund zu stell>n. Dion wird unsere Ansichr, die ja wohl auch nicht in die leitenden. Kreise dringt, mindestens für anmaßend und absurd crklärcn — aber wir können die Agitation für das, was man die rolle ungeschmälerte Emaucipation der Juden nennt, zur Zeit nur noch als hohl und nichtig, unnütz und selbst schädlich erkennen. Die völlige politische und bürgerliche Emarripation ter Juden in Deutschlard ist in der Theorie langst ent'chikdkn. Eie ist keine Rechtsfrage mehr, über die stch etwa mit guten Gründen streiten ließe. Alle rechtlich gesinnten Menschen, die Faktoren der Gesetzgebung im Großen und Ganzen, erkennen die Sätze: „gleiche Pfliäten, gleiche Rechte", und „die Rechte der Staatsbürger , sind unabhängig von dem Religionsbekenntniß" längst als unumstößlich an. Wo die Praxis die volle Einführung der Emanc potion verhindert — und es wird das außer etwa in Baden trotz der Theorie wohl so ziemlich zur Zeit noch in ganz Deutschland der Füll sein —, da sind es Heu mnisie, die nur aus dem socialen Leben hergeleitet werden müssen rnd solcher Natur, daß sie nicht von einem Parlamente weggeräumt werden könnten. Die Parlamente mögen sprechen und diktiren; wo die Regierung reaktionären Grundsätzen im Großen und Ecn-en huldigt, bat sie Mcüt genug, trotz aller Beschlüsie des Parlcments, die faktische Aus'übrung der politischen Cwoncipotion der Juden und ihrer Consequcnzcn zu verzögern. Wo der Geist des Volkes — und das ist leider noch gar vielfach der Fall — der socialen Emancipaticn roch so gar sehr widerstreitet, wird auch die politische ncch behindert sein, trotzdem sie rechtlich entschieden ist. Tie Gleichstellung vor dem Parlamente vertreten, hieße ein zweifelloses Recht in Frage stellen und die Conscquenzen einer solchen Erneurung eines ^Kampfes, der theoretisch ja längst entschieden ist, könnte sür die Praxis statt zweckdienlich nur schädlich sein. Die Emaucipation ist nm noch eine Frage der Zeit. Uni so mehr ist cs geboten, die Hemwnisie "brr Durchführung der praktischen, insbesondere der socialen Emancipation zu prüfen. Dazu scheint uns aber geboten, dm Blick mehr nach Innen -u wenden, uns selbst zu prüfen, und unsrerseits Alles zu thun, was den Fortschritt ncch Innen und Außen zu unterstützen vermag. Des Werk der Befreiung nach Innen ist auch jetzt und noch lange nicht vollendet, und daß hierzu tüchtige Lehrer und güte Schulen vor Allem Roth thun, dürste wohl außer Frage stehen.1 Tüchtige Lehrer und güte jüdische Schulen sind aber nurmöglich, wenn die Lehrerbildung einestbeils auf verHöhe der Zeit steht, anderntheils tie-f im uralten heiligen Boden des Judenthums wurzelt. Wir Hoden das schon dr'te:s in diesen Blättern gesagt, und cs ist durchaus keine neue Behauptung, wenn wir wiederholt auszrssprechcn wagen, was jedem Einsichtigen otzvehin klar ist. Gegenüber der Aufgabe dev Gesammtheit der deutsche» Juden für tüchtige Ausbildung der Lehrer, und gcgenü'. er der pflichtmäßigcn Sorge sür die Lehrer wäbrend und noed ihrer Dienstzeit und sür deren Hinterbliebenen verschwindet jede andere Eefonimtaufcobe ber Inden. Eie ist die eiste und wichtigste, eine wat" e Lebensfrage. Wiffenschast des Judcntdums, Organisation des Eultus und dessen! Reform, wohltbätige Anstalten nnd Gesellschaften jiir Un-; tcrsiützung anderer Zwecke — All. S recht schön und gut; aber alle diese Tinge sind.leere Schälle, und bleiben ohne Leben und Bedeutung, wenn bncn die Grundlage fehlt, die in guten Säulen gesucht werden muß. Und :.m gute Schulen zu haben, müsien wir gute Lehrer haben; und um gute Lehrer zu haben, müsien wir sür ihre geeignete Ausbildung Sorge tragen. F'eilich dürfen wir, um sür die Bildungsanstalten Zöglintze zu gewinnen, nichtvergessen, daß die Lehrer dann auch anständig leben wollen; daß ihnen, die keine Reichthümer erwerben können, ein sorgenfreies Alter, Versorgung der ihrigen in Aussicht stehen muß. So 1