Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 6 (1866)
- Issue
- 18 (3.5.1866)
- Date
- 1866-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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" \ Zeitschrift für die gesammlen Interessen des israelitischen Lehrerstandes ' und zugleich Organ für dm Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer- Wittrven und -Waism in Deutschland. J\§ 18. Mainz, den 3. Mai 1866. (Sechster Jahrgang.) Wöchentlich 1 Nummer. Vierteljährlicher Slbonncmentepteiö 27 Ir. — 1/4 Thlr. Bei frantirter Zusendung unter Kreuzband jährlich72 fl. 12 kr. 1 Anzeigen zu 1 Sgr. die Petitzeile. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Was den Lehrern vor Ällem Noth thut. In Briefen an einen hochgestellten Freund. v. Orgavifatton! ' (Schluß.) Eines der köstlichsten Güter der jüdischen Gemeinde ist die Selbstständigkeit derselben, — die Autonomie. Die Gemeinde ist unbeschränkte Selbstherrscherin ihrer Institutionen — Synagoge, Schule, Wohlthätigkeitsanstalten und waS sonst noch zum jüdischen Gemeindeleben gehört. Alles ist der Herrschaft der Gemeindeverwaltung übergeben, und die oberen Religionsbehörden, deren eS in einzelnen Ländern wohl gibt, haben am Ende so wenig Einfluß aus das jeder Aufsicht sich entziehende innere Gebühren der Gemeinden, daß wir deren Wirksamkeit fast nur eine moralische nennen können. Diese Selbstständigkeit ist ein zu heiliges und unantastbares Gut, zu bedeutungsvoll und im Leben des Judenthums zu tief begründet, als daß wir wagen dürften, sie anzutasten oder gar anzuklagen. Keine Hierarchie, kein Kirchcnzwang, kein Bann, keine Ausschließung! — Aber im Interesse der Schule sollte uud müßte doch ein Theil dieser Selbstständigkeit und Selbstherrlichkeit geopfert werden. Da ist vor Allem die Sucht eines jeden Gemeindchens, — und wenn eS uur 3—4 unbemittelte Familien zählt, — seinen eigenen Lehrer, seine eigene Synagoge und was noch dazu gehört, zu besitzen, die verderblich wirkt. Wie, sagen diese, wir sollten unsere Selbstständigkeit, unfern eigenen Gottes-, dienst aufgeben, uud nach A. oder B. gehen, nnd den Bewohnern jener Gemeinde die Mittel bieten, daß sie einen tüchtigen Lehrer besolden könnten? — Sie find dazu nicht zu bereden, sie wollen für sich selbstständig bleiben und »enden die größtmöglichsten Opfer auf, um sich ihre eigenenGemeindeinstitutionen zu erhallen. Ich kenne Gemeinden von 5—6 Mitglieder, die ihre neugebaute Synagoge, 3 Vorstände, einen Rechner u. dgl. haben; und was ist die Folge? Während zwei oder drei verbundene Gemeinden einen tüchtigen Lehrer anständig besoldm könnten, begnügen sich die vereinzelten mit zeitweisen Wanderlehrern, jener immer leider noch nicht ausgrstorhenen Sorte, prjyjlegirter Taugenichtse, Müssiggänger und wüster Strolche^die da, wo sie noch geduldet werden, wie ein Alp auf den bessern Theil des Lehrerstandes drücken. Ein junges Bürschchen möchte sich dem Lehrberufe widmen. ES kann zur Rothdurft den Gottesdienst versehen, hat ein hübsches Gesicht, eine ziemlich sonore Stimme und vom Wissen ebensoviel oder sowenig als die dürftigste dörfliche Volksschule bietet. Es bereitet sich vor, eine Lehrerbildungsanstalt zu besuchen. Aber das kostet Geld, und mittlerweile bietet sich eine passende Gelegenheit, eine einträgliche Stelle zu bekommen. Der noch kaum ein angehender * 1 fieljrling ist, wird selbst Lehrer. Nach einem Jahre erhält der Fant Zulage, denn man will doch die Kinder nicht müssig gehen lassen, den Gottesdienst erhalten rmd — er versteht sein Geschäft, bildet sich etwas im Vorbeteramte und — im Augendienste aus, die Prüfung ist leicht, und bald auch ohne genügende Kenntnisse „hinreichend" überstanden und der in seiner Nähe wohnende tüchtige Lehrer, der eine gute Bildungsschule durchgemacht hat, erhält kaum denselben Gehalt! Wozu also mehr lernen, wenn man eS nicht verwerthen kann, doch kein größeres Gehalt bezieht? Wozu Mühe und Kosten machen? Die schöne Stimme gilt — nicht die Kenntnisse, nicht das Wissen, nicht die würdige Erfassung des Lehrerberufs. Daher die Masse junger Lehrer, die in die Fußtapfen der alten Bachurim einzutreten ganz geeignet sind, die entsprechend, der materiellen Richtung unserer Zeit, im Lehrberufe nur die milchende Kuh erkennen wollen, gut leben und die Männer mit höherem Streben verlachen. Ich verweise hier auf einen Artikel im ersten Hefte d. I. der „rheinischen Blätter", von Wander, „Ueber das Jungbleiben der Lehrer", der sich in ähnlicher Weise äußert. Eine solche Freiheit und Selbstständigkeit der Gemeinden, nach.Belieben Lehrer anzustellen und zu entlassen, ist keine Freiheit mehr, sie ist Verwahrlosung und Willkühr, die als gemeinschädlich bekämpft werden muß. Das innere Leben der Gemeinden soll ftei sein, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber das Judenthum muß gemeinsam für