Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 4 (1864)
- Issue
- 4 (28.1.1864)
- Date
- 1864-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wöchentlich t Nummer. Vierteljähriger Abonnementeprets j Lblr. 27 ft. Bei frankirter Zusendung unter Lrcuzband jährlich 2 fl. 12 kr. Bestellungen nehmen alle Postämter und Buchhandlungen an. Der IsiMlitisclre Anzeigen »u 1 Sgr. dir P:titzeile. Einsendungen entweder direkt an den verantwortlieben Redakteur oder an die Verlagshandlung. Organ für die Schule, die Familie und das Gemeindeleben des Zudenthums. Herausgegeben von I. Klingenstein r Ignaz Lehmann und A. Treu. N°. A Mainz, den 28. Januar 1864. (Vierter ^»Lrxanx.) Ideal und Zeitgeist.' Von Lehrer Morgenstern in Gedern. Dian braucht nur einen oberflächlichen Blick zu werfen in. das Buch, welches die Grundlage der mosaischen Religion bildet, in das Geschichtswerk, welches die Berufung und die Schicksale des Volkes Israel in so kindlich einfacher Weise erzählt, um sich zu überzeugen, daß Er, auf dessen Befehl dieses Buch geschrieben, der Israels Berufung ausgesprochen und der Lenker aller seiner Schicksale ist, uns in demselben unter zwei verschicdcncn Benennungen vorgeführt wird. Diese Namen sind: „Jeh ovah und Eloh im." Wetz» vielleicht auch geltend gemacht werden mag, daß beide Namen, welche im Gri nde doch nur e i n Wesen bezeichnen, nur dißhalb abwechselnd gebraucht werden, um die zu öftere Wiederholung eines und desselben Wortes zu vermeiden, so kann doch nicht geleugnet werden, daß diese beiden Wörter zwei so sehr verschiedene Begriffe bezeichnen, daß cs wohl der Mühe werrh ist, sich ihretwegen ein wenig in's Forschen zu versenken, um, wenn auch nicht völlige Klarheit, doch in diesem Punkte etwas mehr Helle zu erlangen. Dieser Umstand auch ist es allein, welcher mich veranlaßt,, auf eine Besprechung der Bedeutung dieser beiden Namen einzugehen.und darzuthun, in welche Beziehung sie zur Erziehung sowohl, als auch zu deren Zweck, zur allgemeinen Bildung gebracht werden können. Vor allem muß ich jedoch gestehen, daß Formstecher's interessantes Werk: „Die Religion des Geistes" schon vor längerer Zeit diese Idee zuerst in mir angeregt hat. Betrachten wir die Bildung des Wortes I—ah (versteht sich im Hebräischen), so finden wir, daß dasselbe entstanden ist durch Setzung des Brdienungsbuchstaben ' vor den Infinitiv mn, sein. Das durch diese Wortbildung enstandene Substantiv b> deutet also „das Seiende." — Welchem Wesen kann aber dieses Prädikat beigelegt werden? Einem sinnlich wahrnehmbaren sicherlich nicht. D.nn jedes Wesen, welches durch die Sinne wahrgcnommen werden kann, jeder Körper, unterliegt Veränderungen, hervorgerufen durch die Einwirkungcn des Ortes und der Zeit. Ein Körper kann also ein Seiendes mit Recht nicht genannt werden, denn, da er durch die Einwirkungen von Ort und Zeit jeden Augenblick ein anderer ist, so kann auf ihn auch nur entweder die Vergangenheit, oder die Zukunft, nie aber i die Gegenwart angewandt werden. Und wollte man auch die Gegenwart auf ihn anwenden, so würde dteselbe in dem nämlichen Augenblicke schon sich in die Vergangenheit' aufi gelöst haben. (Aus diesem Grunde hat auch die hebräische i Sprache, welche so natürlich in ihren Ausdrücken,! so be- . stimmt in ihren Bezeichnungen ist, keine Zeitform, für die Gegenwart, sondern umschreibt dieselbe bald durch die Verj gangenheit, bald durch die Zukunft.*) Ein Seiendes kann also,! wie gesagt, nicht der sinnlich wahrnehmbaren, der körperlichen Welt angehören; ihren Wesen kann vielmehr nur der Name Erscheinungen beigelegt werden. (Stein, > Thora umizwa, zu: Gott ist.) I Tie Wesen der Körperwelt haben Bedürfnisie, >und zu r ihrer Erhaltung müssen sie dieselben befriedigen. Viele die- ] ser Wesen sind vermöge ihrer Construction nicht im Stande, | sich ihre Bedürfnisse selbst zu verschaffen (die Pflanzen und die Mineralien)^.' unb die Natur liefert sie ihnen freiwillig.! Andere dagegen (die Thiere) sind durch ihre freie Bewegung! und sonstige Fähigkeiten von der Mutter Natnr angewiesen,! für Herbcischaffung ihrer Bedürfnisie selbst zu sorgen, und! es ist dieses auch ihr alleiniges Streben, so lange sie nicht! durch störende Eingriffe in ihren Organismus (Krankheit, i Tod) oder durch sonstige ohne ihren Willen eingetretene! Hemnmiffe (Gefangenschaft) hieran gehindert werden. Die Bedürfnisie sind zweierlei Art: sie können/körperlich, d. h. sie können auf Erhaltung, Pflege und Bequem- | lichkeit des eigenen Leibes berechnet sein, sie können aber! auch dahin zielen, diese Zwecke mehr für Andere, als für sich selbst zu erreichen, in welchem Falle sie gleichsam ' geistig sind. In dem ganzen Thierreiche finden wir das Streben nach Befriedigung nicht nur der ersten Art der! Bedürfnisie, sondern auch der zweiten, und wird uns dieses i Letztere namentlich bewiesen durch die Liebe und Zärtlichkeit \ der Thiere gegen ihre Jungen, Mancher gegen ihre Gatten,! und durch die Treue und Anhänglichkeit Einiger gegen ihre *) Die Gegenwart ist dem Hebräer nicht ein besonderer Zeitpunv, sondern bloß das Ende der Vergangenheit und der Anfang der Zukunft) er betrachtet also des Präsens wie die Linie (wäre nicht richtiger: „den Punkt?" Virs.) m der Geometrie, die keinen Raum ernnimmt, und bezeichnet cs deßhalb bald mit dem Präteritum und bald mit dem Futurum" Johlson, hebr. Sprachlehre, Seite 147. Anmerkung. I