Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 3 (1863)
- Issue
- 24/25 (18.6.1863)
- Date
- 1863-06-18
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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97 / . i- Montefiore hat nun bei Jerusalem und im heiligen Lande Güterkomplere angetanst, um sie theilweisr an Judön, welche sich dort ansiedeln, und „den heiligen Boden" bebauen wollen, wieder abzutreten. Auf seiner Reise durch Ungarn wurde der edle, nun bald 81jährige Greis von den isr. Gemeinden Groß-Kanizsa, Pest u. A. auf Feierlichste begrüßte — Zur Erinnerung an Ladv Montestore wird von den jüdischen Engländern eben ein Alterversorgungshaus gestiftet. Die Boranschlagssumme zu dieser Stiftung beträgt 10,(XX» Pf. Sterling (f20,lXXi st.) — In London wohnen 25,(XX) Israeliten, welche 14 Synagogen und 45 Unterrichts- und wohlthätige Institute besitzen. So groß nun auch der Reichthum unter den Israeliten Londons ist, so bedeutend ist die Zahl der Arme». Es wohnen 1475 Familien mit 5729 Familiengliedern dort, welche fast nur von Unterstützung leben. (Nach Jew. Chrom) — Einige der edelsten und hervorragendsten Männer in Wien bezwecken einen großartigen Verein nach dem Muster der alliauce israclite uuiversdie für die ganze österreichische Monarchie ins Leben zu rufen. Der Verein soll zunächst die Tendenz haben, kleineren jüdischen Gemeinden in Bezug ans die Erhaltung ihrer Schulen und Svnagogen unter die Arme zu greifen. Die Anregung zur Gründung dieses Vereins ging von dem Vertreter der jüdischen Gemeinde Wiens, Herrn Josef Wertheimer aus. Männer wie Kuranda, Kompert, Mosenthal-, Winterstein u. A. haben sich mit Weytheimer ins Einvernehmen gesetzt, um Statuten für den zu gründenden Verein zu entwerfen. (8. Ob.) (Möge das eine Fülle von erhabenen Segnungen in sich schließende Werk gelingen, und in anderen Ländern begeisterte Nachahmung" finden. Red.) Im Ben-ehanaiija wird von einem Lehrer Sckönfeld aus Ragy-K aro ly in Ungarn der Man zur Gründung eines isr. Lehrerwittwen- und WaisensondS vorgelegt, dem wir unsere größte Thilnahme nicht versagen können. Der Plan gründet sich aus eine ganz einfache Maßregel; es fragt sich nur, obin' Ungarn die Verhältnisse zu dessen RealisirunA geeignet sind. In ' unseren Gegenden, fürchten wir ^— und wir finden die e Befürchtung durch mehrere neuere Erfahrungen hier zu Lande bestätigt — würde nichts dergleichen zur Durchführung kommen können. terr Schönfeld schlägt vor: Jede Gemeinde in Ungarst, wo eine chule bsteht, soll die nöthigen Maßregeln treffen, tstß jedes Schulkind jede Woche, z. B. Sonntag Früh 1 kr., füge Einen Kreuzer ö. W. (MO kr. ö. W. 1 fl.) .in die Schule bringe. — In solcher Weise ließe sich allerdings eine Unterstützungskasse leicht gründen, und die nöthigen Mittel wären vorhanden. Bemerken wir noch: die Schulen und Gemeinden sind ich Ungarn größer; cs kommen dort weit mehr Kinder aus einen Lehrer; Herr Sckönfeld rechnet l>x> Gemeinde» mit immer 1(X| Kindern; macht 5000 fl: jährlich, eine sehr schöne Summe. Wir wünschen dom Fortgang dieses Vorhabens alles Gedeihen, und werden dem Unternehmen selbstverständlich unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. j! / . ■ Irrwege. Ein 'Lebensbild von I. K. (Schluß.)! In der Vorhalte ihrer Farm saß die bleiche Reka, ihren Säugling auf dem Arme. Es waren wohl mehrere Wock'dn vergangen feit der/ Geburt ihres Kindes. Aber eine schwere Krankheit hatte das Auge des Körpers geschwächt, und das des Geistes verdüstert. AlS Christian in jener Stacht nach Hause kam, fand er seine Leute bestürzt. Das Fieber RekaS war immer heftiger geworden, sie batte immer li nter nach dem „Mohel und Gevattermanu" geschrieen. Sie ver langte, mau solle ihr die B rocho vorsagen; sie wolle sie ai Stelle des Vaters sagen; seit einigen Stunden war sie woh etwas ruhiger geworden. Allein noch war ihr Geist umdunkelt. Christian crschfack und erbebte in seinem Innern. So hatte er sichs nicht 'Macht. Er schickte leinen reitenden Boten nach dem über zwei Stunden entfernten Flocken nach einem Arzte; dieser, ein für Amerika kcnntnißvoller Mann kam, verordnete einige Beruhigungsmittel und sorgsame P fliege. Des andern Morgens kam die neue Haushälterin, Wenn sie Christian auch jetzt mit andere» Augen anblickte, als am Abend, so war er doch früh, in seiner mißlichen Lage eine Helferin zu finden. Und Mary — so! wollen wir nun die Haushälterin nennen — war wohl leichtsinnig aber nicht schleckt. Sie erfüllte ihre Verpftichtungen gegen ihre Gebieterin mit Sorgfalt. Reka wußte von alle dem nichts.' j— Erst an dem' Tage, von dem wir oben sprachen, als sie zum ersten Male wieder aus ihrem Bette gestiegen war, bemerk« sie die neuen häuslicken Einrichtungen, bemerkte mit dem A»ge der Liebe das nicht mebr reine Einverständniß ihres Christian mit Mary. — Und dock schwieg sie. Sic batte die Entfremdung herankommen sehen; sie hatte, tyotz mancher heiteren Tage, das Gefühl des Getrennt seins von ihrem Gatten immer lebendig mitsich herumgetragen; sie konnte, das wußte sie, ihrem Christian nie mehr eine heitere Lebensgefährtin werden; warum sollte sie jetzt zürnen, warum sollte sie es beftemdcn, daß ein fremdes Leben so schmerzlich in das ihrige griff? warum sollte sie ^s nicht gleichgültig mft ansehen, daß eine ftemde, ihrem einst so heiß geliebten Cheistian in der gesummten LcbenSanschauurig näher verwandte G i'talt, sich zwischen ihr Her; und das ihres Gatten stellte? Eine wunderbare Ruhe kam üycr Reka, Aber ach! es war, nur eine äußerliche, nur eine Ruhe, weil die physischen Kräfty zur leidenschaftlichen Erregung ihr mangelten. Es gibt ein lew tes Gefühl im Frauenhcrren das, wenn auch alles zusammen fällt im Glücksban des Lebens, einen Thron sich erbaut, dtr nimmer zu erschüttern ist — das Recht auf dte alleinige Liebe desjenigen, dem das Weib ,sich hmgegcben; das weibliche Ehrgefühl gibt das Weib erst mit sein:m letzten Athemzuge auf- Wenige Tage, nachdem sich s > eine starre Ruhe über chas Gcmütb Reka's gelegt hatte, die a lcs überwand und doch «llles in fick ausnahm, kam einmal Christian mit einem Geistlichen. Er wollte ihr Kind, Reka's Kind, taufen lassen. Als der, Geistliche sich ihr nahte, und auch Mart herbcikam, um ihr daS Kind abzunchmen, da erfaßte die schwache Gestalt' eine wunderbare Kraft. — Nein, sagte sie, nein — das dulde ich nicht. Ich bin eine Jüdin, ich bin des Kindes Mutter, und wie die Mutter, io das Kind. / Der Geistliche wich zurück, urd siel Christian in dtn Arm. Dieser hatte die Faust geballt, und wollte auf Reka losstürzen. Allein Neka stand da, unbewegt und unbekümmert, nur auf ihr Kind blickend, das ruhig und ftied ich in ihrem Arme schlief. Aber wie, Sie sind eine Jüdin? sagte der Geistliche; sind Sie nicht gctanit, nicht christlich g:traut? Ja wohl, ich bin christlich getraut, aber nicht getauft. Ach, ich weiß es wohl, ick fühle es, daß mein Leben nur, eine Lüge ist; ich habeseit Jahren nicht mehr gebetet; Gott ist nnr der Eine; aber er liebt die Wahrheit und die Klarheit; ich aber und mein Mann — wir haben selbst Gott belügen wollen, als wir uns — der Christ mit der Jüdin — in christlicher Form trauen ließen. Ich bin keine Jüdin mehr, ich will aber auch keine Christin sein; so solls auch mit diesem Kinde werten. Christian batte wohl die Hand eingezogcn, aber er stand lange da — bestürzt, ohnmächtig: Endlich und nfit dem Worte: das sollst du mir büßen! stürzte er hinaus. i