Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 3 (1863)
- Issue
- 15 (9.4.1863)
- Date
- 1863-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jährlich 523Riwanrm. Preis des Jahrgangs 1 Lhlr. — 1 fl. skr. Bei frankirter Zickrnduna unter Areuzband 2 fl. 12 kr. Bestellungen nehmen all, Postämter und Buchhandlungen an. D?r IsiMlitMlw Organ für die Schule, die Familie und das Eemeindelebeii des Iudenthums. Herausgegeben von I. Kliugenstein, Ignaz Lehmann und 2t. Treu. Nnäeiaen zu 1 Egr. die Petitzeile. Auf« nabme in die Lehrervacanjenlifte2^rSgr. Linfenvungen entweder direkt an den verant« worrlicken Redakteur oder an die Verlagshandlung. N°. is. Mainz, den 9. April 1863. .1_' Dritter Jahrgang.) Erziehung und Freiheit, ein pädagogisch-theologische» Problem. I. Zeder Erzieher und Lehrer, der sich der Bedeutsamkeit seines Berufes bewußt geworden, hat eö erkannt, daß der Kern und Grundgedanke der ihm gestellten Aufgabe darin bestehe, die Vorstellungen und Begriffe feines Zöglings zu berichtigen und zp klären, feine Neigungen und Triebe so zu leiten, daß sie zu löblichen Gesinnungen sich gestalten, und feinem Willen die hinlängliche Energie zu verleihen, um in allen LebeflSverhältNlssen das in sittlicher, religiöser und bürgerlicher Beziehung Gute zu vollbringen, das in einer dieser Rücksichten Verwerfliche aber zu fiichen und auch bei Anderen nach Kräften zu verhindern. Es wird demnach eine fortdauernde und in gar vielen Fällen sehr entschiedene, ja physisch oder moralisch gewaltsame Einwirkung von Nöthen,!um die aus der natürlichen Anlage oder der ungünstigen Umgebung deS Zöglings in und außer dem elterlichen Hause rcsultirenden Jrrthümer und üblen Gewohnheiten mit Erfolg zu paralysiren. Nun ist es aber ein von allen Moralisten und Pädagogen zugestandenes Maxim, daß da«-charakteristische Idiom alles wahrhaft menschlichen Seins und Wesens Freiheit des Willens, mannhafte, aus eigeneut Antriebe hervorgehende Selbstbestimmung, und das Hochziel aller Erziehung und Bildung vor Allem in der festen Begründung dieses Grundtypus aller Menschlichkeit und Humanität zu suchen sei. Liegt hierin aber nicht rin herber Widerspruch? Freiheit in Gesinnung und Handlungen ist der Punkt, auf den unsere erziehliche Thätigkeit vornehmlich, wenn nicht ausschließlich hin steuert, und gleichwohl ist alle. Erziehung und Anleitung nicht anders denkbar, als wenn wir den Pflegling auf hundertfache Weise iy seiner freien Bewegung uNd Entfaltung einschxänken, ihm nicht gestatten, nach seiner Neigung und seinem Ermessen sein Thun zu bestimmen/ sondern Dasselbe unserer Einsicht unt rordneu und unseren Willen >an die Stelle des seinigen s:tzcn, so daß wir eö ganz in ber Orennng finden, den dieser unserer Intention Widerstrebenden, seinen Eigenwillen über das Gebot deS Erziehers Setzenden nicht nur streng i b eines begangenen Unrechts zu verwarnen, sondern selbst ernstlich dafür zu strafen und zu züchtigen. Sind ja doch in der Sprache schon Zucht, züchtigen und ziehen (wovon auf- und er-sichen) so nahe verwandte Begriffe, daß da« Gemeingefühl sich dadurch bestimmt dafür ausspricht, di S Eine sei mit dem Anderen aüf'S Engste verknüpft und in den meisten Fällen gar nicht vhn einander zu trennen. 2 Jirb also die Erziehung zur Freiheit nicht vorzüglich um teßwillcn ihr Ziel immer nur sehr mangelhaft zu erreichen im Stande sein, weil sic selbst derselben geradezu in den W;g tritt, indem sie durch ihr direktes Widerspiel: Unfreiheit, Gewalt und Zwang, den freien Menschen heranunt heraus-bilden will? Nun werden zwar Menschen bald u it der Entgegnung zur Hand sein: Ist doch dies däS Loos ellcs menschlichen Beginnens, zuv Vollendung und Vollkomn cnhcir Jnur annäherungsweise heranzukommcn, und so müsen wir denn auch hier mit dem relativen Gewinn wohl zufrieden sein, möglichst, wenn auch, weil das unerreichbar, nicht ganz freie Menschen zu crzielhen. Ist aber Resignaticn in zahlreichen Fällen für hohe Tugend zu erachten, hier wäre sie nur der Deckmantel laxer Denk- oder WillenSträgh it, die lieber auf das höchste- Gut der Menschheit verzichtet als dem Wege ernstlich nachspürl, wie (um eS iu einem bekannten Bilde auszudrücken) durch Scylla und. Charybdis zugleich sicher hindurchzukommen und das unvergleichliche , kleinod aus dem Strudel der es zu verschlingen drohenden Fluthen gleichwohl unversehrt hervorzuholen sei. Wem es ui i Klarheit über feiqen Eltern- und Lehrerberuf zu thun, wi: d den Gang durch das vielverschlungene Labyrinth mit uv 8 nicht verschmähen, vielleicht reicht auch uns eine Ariade «en rothen Faden, der uns wohlbehalten, an'S Ziel der Ir:gänge führt. (Forts, folgt.).