Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 2 (1862)
- Issue
- 9 (15.5.1862)
- Date
- 1862-05-15
- Page
- Seite 69 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 69 - -feine polnischen Melodieen zu singen, oder sich die Gunst des Vorstandes zu erwerben nicht verstehen, die Kost kündigt und sie so zum Rückzüge nöthigt. Tritt ein LehramtScandidrt ein« Stelle au, so wird er von dem Vorstände in der Regel in ein Kosthau« gewiesen, woselbst die Armuth ihr Zelt aufgeschlagen und er den letzten Heller mittheilen kann. Selten wird man ihn an dem Tische eines Reichen erblicken. Auf diese Weise ist jedenfalls wenig zn hoffen, und bleibt für die Zukunft eher der Bettelstab, pls ein ruhiger Lebensabend in Aussicht." Diese wahrheitsgetreuen Schilderungen dürften in der Thal genügen, auch für den jüdischen Lchrerstand eine zeitgemäße Reform im Sinne vollständiger Gleichberechtigung baldigst herbeizuführen! Aus Laden, 25. April. Der Gesetzescntwurf betreffend die volle bürgerliche Gleichstellung des Israeliten ist einstimmig angenommen worden. Drei Tage nach dem Schlüsse des BcfrciungSfesteS, in welchem Israel die großen Gedanken der persönlichen, bürgerlichen und religiösen Freiheit feiert; kurz nach den Tagen, wo der Jude der Neuzeit nicht allein daö Gcdächtniß jenes Auszuges auö Egypten, sondern auch all der tausend' und abertausind Thaten und Zeugnisie GottcS, daß endlich Humanität siegen muß über Vonlrtheil in sich erweckt — drei Tage nach diesem Feste feierten die Israeliten Badens, und mit ihnen die des gcfammten Deutschlands und der ganzen Well ein neues BcfrciungSfcst, und die Freud: ist ihnen lief ins Herz gedrungen, daß sie sich nun mit vollem Rechte Bürger eine» Staates nennen dürfen, desicn liebende Söhne sie lange und auch zu der Zeit schon waren, als noch mancher Druck auf ihnen lastete. Wir entnehmen den Zeitungen felgendes über diese denkwürdige Versammlung: Karlsruhe, 25. April. (40. Sitzung der 2. Kammer.) Tag.sordnuug: Bericht des Abgeordneten Häufscr über' den Gesetzescntwurf betreffend die volle bürgerliche Gleichstellung der Juden. Präsident: Hildebrandt; auf der Mir.istcrbank: der Präsident des Ministeriums dcö Innern,. Lamey und Ministcrialrath von Dusch. Die Gallerten sind schon zu Beginn der Sitzung fast völlig gefüllt, Nach - einigen von dem Berichterstatter gegebenen Berichtigungen uno Nachträgen spricht Sieb seine Ucbcxzeugung für den Entwurf aus, fußend auf den Gebote» des Rechtes und der Politik und trotz der -mehrfach dagegen geäußerten Anschauung auS feinem Bezirke. Im Wesentlichen schließt sich ihm an Paravicini; ganz anders Fcdercr (von Staufen). Er beruft siet, auf die Petitionen, schildert die Juden als der Mehrzahl nach dem Schacher, Wucher, Nothyandcl zugethast, unfähig noch zu tüchtigen Bürgern. Die Juden sollen jetzt zeigen, daß sie sich der letzt erlassenen Gesetze (Freizügigkeit, Gewerbcfrciheit) werth machen können. Der Redner^stellt den Antrag auf Tagesordinung. Fischler hofft, Laß cS mehr gute als smlechte J^uden gebe und schließt sich im Wesentlichen Sieb all. Moll steht in dem Entwürfe den würdigen Abschluß der neuesten Gesetzgebung; er hält es für Pflicht jedes Gebildeten gegen' die noch herrschenden Vorurtbeile anzukämpsen istrd dem Staate mit den Kräften der gleichberechtigten neuen/Bürger auch ihre Herzen zuzrrsühren. Haager befürwortet/auch heute'in gehobenen Worten den endlichen Entschluß des Stärker», den Schwächern gerecht zu werden. Kein Zeitpunkt sei besser geeignet als der jetzige, der Geschichte Badens dieses ruhmvolle Blatt zu erwerben. Artaria ist dvd Meinung, daß die mächtigen Ergebniffe der Gesetzgebung der letzten 50 Jahre unabweisbar auf den jetzigen Ausbau hindcuten. Lamey von Pforzheim gedenkt der beiden Vorkämpfer Grimm und Speyrer auf dem Landtage vvn 1831. Heute ist der Grund des Vorurtheils nicht mehr die Religion, sondern die Rationalität; die Eigcnthümlichkeit der Sprache ist es nament» ' lsch noch äußerlich, welche eine scharfe Schranke bildet. Redner dckämpt die unglückseligen Worte Wucher und Rothhandcl, mit denen man ganz falsche Begriffe verbindet. An die Kammer tritt heute die Pflicht heran, zu handeln Mit Thatcn, nicht mit Worten. KirSncr ist für den Entwurf und hofft, die Debatte werde selbst noch Federrr! bekehren Ministerial-Präsident Lamey dankt dem Hause! und dem Berichterstatter für die Aufnahme des Berichtes.! Fcdcrer hat der Stimmung Ausdruck gegeben, die sich einem! Thcile der Wähler gegenüber belästigt fühlt; die Regierung weiß selbst, daß ein Gerücht in den untern Volksklaffen cursirt, als fei der Entwur s durch freundliche Gaben reicher Söhne Israels an den Mi ustcr und die Kammer zu Stande ' gekommen. Es beweist.diel nur, daß gar Mancher eman- . cipirt ist, dtr es nicht verdiente, wenn dabei die sittliche Denkart gewogen würde. 'Nach einer Widerlegung der Scheingründe der lithogrqphirten Petitionen gelangt der Redner zu her Ausführung, daß Karl Friedrichs Gesetzgebung, die polnische Gleichstellung von 1849, das neue! Gesetz über Riedcrlasfnngst- und Gewcrbesrcihcit von viel bedeutenderer Tragweite waren, als das jetzige fälschlich sog. Emancipationsgcfetz. Längst wäre das Gesetz votirt worden, yätfe man nicht daö Vorurtycil gefürchtet. Auf die unmeßbarc sittliche und intellectuelle Annäherung an das Christcnthum kann cs unmöglich ankommcn, man müßte sonst conscqucnt eine allgemeine Prüfungscommiffion crncn- : ncn. Ein Vorurlhcu best«ht in der That noch,-aber nicht ein religiöses, sondern der-Nationalität. Lamey weist hinüber nach Amerika au die Zurücksetzung der dcutjchcn Nationalität,. Er beweist >>aran, daß man, bei der Hin-